GRIP 54

5/1/2016

Wie und was fördern die anderen?

Die drei mittelgroßen Länderförderungen MFG, MDM und FFHSH unter der Lupe

Von Reinhard Kleber

Die Länderfilmfördereinrichtungen in Deutschland sind wie eine Schale bunter Ostereier: Sie ähneln sich, setzen aber eigene Farbakzente. Mehr oder weniger arbeiten sie nach dem Muster, das die Filmstiftung NRW bei ihrer Gründung 1991 etabliert hat. Sie kombinieren in der Regel wirtschaftliche und kulturelle Zielsetzungen unter einem Dach und fördern den Medienstandort. Angesichts der Neuformierung der hessischen Filmförderung lohnt sich ein Blick auf drei vergleichbar große Einrichtungen: die MFG in Baden-Württemberg, die Mitteldeutsche Medienförderung des Länderverbunds Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und auf die Filmförderung von Hamburg und Schleswig-Holstein, die FFHSH.

Gemeinsam ist den drei Modellen, dass sie für ihren Standort trommeln, regionale Film Commissions unterhalten und Kinofilm- und Fernsehproduktionen ebenso fördern wie Vertrieb, Abspiel und Neue Medien. Die MFG zum Beispiel unterstützt mit dem Programm Digital Content Funding bereichsübergreifend die Entwicklung von mobilen Applikationen und Mobile Games.

Das Trio ist - anders als die hessische Filmförderung - Mitglied bei Focus Germany, der 1990 gegründeten Dachorganisation der sieben größten deutschen Filmförderungen. Diese berät Filmschaffende zu den Förder- und Produktionsmöglichkeiten hierzulande und wirbt auf internationalen Festivals und Märkten für die heimischen Standorte.

Die MFG Baden-Württemberg verfügt über ein Jahresbudget von 15 Millionen Euro. Rund 10,4 Millionen Euro reichte sie davon 2015 in die Produktionsförderung aus, eine Million Euro mehr als 2014. Der Regionaleffekt wurde mit mehr als 200 Prozent angegeben.

Die MDM beziffert ihre Förderausgaben für 2015 mit 14,3 Millionen Euro für 123 Projekte. Die Produktionsförderung belief sich auf rund 11 Millionen Euro. Der Regionaleffekt lag bei gut 200 Prozent.

Bei der FFHSH lagen die Förderausgaben 2015 bei 14,1 Millionen Euro, wobei die Produktionsförderung von 12,3 Millionen Euro für 85 Filme ebenfalls den Löwenanteil ausmachte. Der Regionaleffekt betrug fast 230 Prozent. Die nördlichste deutsche Fördereinrichtung hat die Besonderheit, dass zwei Fachgremien über die Auswahl entscheiden: Gremium 1 ist für Projekte mit Herstellungskosten von über 800.000 Euro zuständig, Gremium 2 für Projekte unter dieser Schwelle.

Gemeinsam ist den drei Länderförderern, dass sie, wenngleich in unterschiedlichen Ausprägungen, Schwerpunkte bei der Nachwuchsförderung setzen – eine plausible Strategie für alle Standorte außerhalb der drei großen Produktionszentren Berlin, München und Köln. So hat die MFG mit der Filmakademie in Ludwigsburg und dem Südwestrundfunk das Programm „Junger Dokumentarfilm“ ins Leben gerufen. SWR und ZDF beteiligen sich am Förderprogramm „Fifty-Fifty“ für Debütfilme. Und auf dem Fernsehfilmfestival Baden-Baden vergibt die MFG den Regie-Nachwuchspreis MFG-Star.

Die FFHSH führt bewährte Traditionen fort und betreibt über die 1989 gegründete Filmwerkstatt Kiel konsequent regionale Nachwuchs- und Aufbauarbeit, auch für Seiteneinsteiger. Mit Screen Talents Europe, dem 2014 gegründeten Netzwerk nordeuropäischer Filmwerkstätten, streckt die Kieler Talentschmiede neuerdings die Fühler auch ins benachbarte Ausland aus.

Die MDM legt großen Wert auf die Förderung mitteldeutscher Talente. Schon seit 2004 organisiert sie den Nachwuchstag „Kontakt“, bei dem regionale Talente ihre Filmprojekte pitchen können. Und beim Einstieg ins Filmgeschäft helfen ihnen erfahrene Tutoren im Qualifizierungsprogramm TP2 Talentpool.

Gemeinsam ist den drei Förderungen auch, dass sie in Bundesländern mit Außengrenzen beheimatet sind. Da liegt es nahe, die nachbarschaftliche Nähe auch filmpolitisch zu nutzen. So hat die FFHSH im Sommer 2014 die Deutsch-Dänische Co-Production Development Initiative gegründet, um gemeinsamen fiktionalen Langfilmprojekten deutscher und dänischer Produzenten frühzeitig anzuschieben. Seit 2011 gibt es den ersten Deutsch-Türkischen Co-Production Development Fonds, den die FFHSH mit dem Medienboard und dem Istanbuler Filmfestival Meetings on the Bridge angeschoben hat, um die Kooperation deutscher und türkischer Filmschaffender voranzutreiben.

Die MDM streckt ihre Fühler schwerpunktmäßig nach Osteuropa aus und unterstützt unter anderem den Co-Production Market Connecting Cottbus beim dortigen Filmfestival. Zusammen mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Polnischen Filminstitut hat die MDM den Deutsch-Polnischen Filmfonds ins Leben gerufen, um deutsch-polnische Koproduktionsaktivitäten anzukurbeln. Dass nicht alle derartigen Vorhaben glücken, zeigt der Deutsch-Russische Co-Development Fonds, der im Dezember 2013 nach nur anderthalbjährigem Bestehen aufgrund einer Kündigung Russlands einging.

Die MFG kooperiert im Inland nicht nur mit HessenFilm, etwa bei der Anerkennung von Regionaleffekten, sondern schaut regelmäßig auch über die Landesgrenzen. Sie lädt alljährlich Filmschaffende aus dem Elsass, aus Lothringen, Luxemburg und der Schweiz zum Rheinischen Koproduktionstreffen mit der heimischen Branche ein. Sie organisiert mit der Zürcher Filmstiftung alle zwei Jahre den First Pitch, ein binationales Film-Meeting mit Filmschaffenden beider Länder, das abwechselnd in Baden-Württemberg und der Schweiz stattfindet. Mit der Partnerfördereinrichtung im Elsass haben die Stuttgarter 2015 eine engere Zusammenarbeit vereinbart: So werden in den jeweiligen Production- und Location-Guides beide Regionen zweisprachig gemeinsam beworben.

Zudem unterstützt die MFG Kooperationen wie die „4 Motoren Europas“, in denen die Regionen Baden-Württemberg, Rhônes-Alpes, die Lombardei und Katalonien auf wirtschaftlicher Ebene zusammenarbeiten. Zuletzt hat sie 2015 mit den drei großen deutschen Länderförderungen Film- und Medienstiftung NRW, FFF Bayern und Medienboard Berlin-Brandenburg und der nationalen französischen Einrichtung CNC den Deutsch-Französischen Serienfonds aufgelegt.

Im Wettbewerb der Standorte haben die drei Einrichtungen eigene Profile entwickelt, die sie sorgsam pflegen. Wenn heute Baden-Württemberg als Top-Standort für Animation in Deutschland gilt und dort wichtige Player wie Scanline ihre Niederlassungen eröffnen, dann hat neben der Filmakademie in Ludwigsburg die MFG ein großes Verdienst daran, fördert sie doch gezielt den Bereich Animation und Visuelle Effekte. Zuletzt stiegen ihre Förderzusagen dafür binnen Jahresfrist von 3,5 auf 4,4 Millionen Euro. Vor kurzem führte sie mit der Line-Producer-Förderung ein bundesweit einzigartiges Förderinstrument ein: Durften bisher nur Produzenten Fördergelder beantragen, so können dies künftig auch VFX-Firmen.

Die Hamburger Förderung hat mit der Einführung des Grünen Drehpasses Pionierarbeit für ressourcenschonende Produktionsweisen geleistet – das Vorbild macht Schule, wie das kürzlich gestartete Modellprojekt „Green Shooting“ in Baden-Württemberg zeigt.

Als Dreiländeranstalt ist die MDM auch für die Unterstützung des selbsternannten „Kindermedienlands“ Thüringen zuständig und fördert daher verstärkt entsprechende Projekte wie die Akademie für Kindermedien in Erfurt, die Deutsche Kindermedienstiftung Goldener Spatz und den European Film Academy Audience Award. In Erfurt ist auch die vielgelobte Initiative „Der besondere Kinderfilm“ angesiedelt. Folgerichtig hat die MDM Anfang 2015 mit dem Netherlands Film Fund den Deutsch-Niederländischen Co-Development Fonds zur Entwicklung von Kinderfilmstoffen eingerichtet.

Mit dem 1955 gegründeten Dok Festival in Leipzig befindet sich in Sachsen das älteste Dokumentarfilmfestival der Welt. Was Wunder, dass die MDM mit diesem Pfund wuchert und nicht nur das Festival, sondern auch die Documentary Campus Masterschool tatkräftig unterstützt.

Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)

Schlagworte: Filmförderung, Filmpolitik, Nachwuchs, TV/Rundfunk, Festival

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