GRIP 54
5/1/2016
Nie verbissen – doch rigoros
Zum Tode des Frankfurter Dokumentarfilmers Alfred Jungraitghmayr
Von Malte Rauch
Zum letzten Mal traf ich Alfred Jungraithmayer vor vielleicht zwei Jahren. Im Nordend. Es war eine dieser zufälligen Begegnungen, die wir mochten. Wir landeten in einem Café und sprachen, wie so oft, über unsere Arbeit und unser – wie ich dachte – nie aufhörendes "work in progress".
Alfred Jungraithmayr gehörte zu den Filmemachern, die, lebten wir in einem Land der Kultur, einen Ehrensold bekommen würden, so wie sie Bundespräsidenten und andere ranghohe Staatsdiener lebenslang genießen. Es wäre der Ehrensold für einen einzigartigen Filmkünstler, der so viele großartige Dokumentarfilme gemacht hat, mit denen die deutsche Geschichte für die Nachgeborenen unvergesslich bleiben soll. Er war in Auschwitz ebenso wie in Sarajevo, doch bei allem menschlichen Versagen und aller Grausamkeit, die er oft dokumentierte, spielte immer auch das Prinzip Hoffnung eine Rolle. Im Nachruf der Tageszeitung Junge Welt wird an seinen Film "Der Pfeifer von Niklashausen" (1986) erinnert, eine akribische Aufarbeitung der mittelalterlichen Bauernkriege, die mit einem Zitat von Ernst Bloch endet, worin es um das Streben nach dem "Reich der allgemeinen Brüderlichkeit" geht.
Jungraithmayr, 1933 in Eferding, in Österreich geboren, gehörte zu der ersten Generation der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm. Er ließ sich hernach als freier Autor, Regisseur und Produzent für Dokumentarfilm in Frankfurt nieder. Seit den 1970er Jahren kannten wir uns. Wir hatten uns seitdem, als wir mit kleinen Beiträgen für ein Jugendmagazin das Fernsehen ausprobierten, bis hin zu den späteren langen Dokumentarfilmen, für die es immer schwieriger wurde, Sendeplätze und Finanzierung zu finden, oft gegenseitig an den Schneidetisch geholt, um Rohschnitt Fassungen zu begutachten. In den letzten Jahren waren diese Treffs seltener geworden, eher zufällig und spontan. Aber immer mit großer Leidenschaft. Dazu wird es nun nicht mehr kommen. Im Januar ist Alfred Jungraithmayr verstorben. Aber seine Filme leben weiter. Die meisten von ihnen sind zum Glück beim Verleih Absolut Medien zu bekommen.
* Der Autor ist Frankfurter Dokumentarfilmer
Kategorie: Nachruf
Schlagworte: Dokumentarfilm, Filmemacher*in
