GRIP 42

5/1/2010

Nachrufe

Zum Tode des Regisseur Peter Krieg (1948 – 2009) Zum Tod des Sängers, Schauspielers, Dichters Walter Raffeiner (1947 – 2009)

Von Bernd Wolpert und Hans Peter Böffgen

Zum Tode des Regisseur Peter Krieg (1948 – 2009)
von Bernd Wolpert 

Bis zu seinem Tod war Peter Krieg einer der wichtigsten Regisseure, der sich ebenso kompetent wie provokativ mit Fragen der Dritten Welt, der Entwicklungspolitik, der aufkommenden Umweltbewegung aber auch mit linken wie bürgerlichen Mythen auseinandersetzte.
Auch wenn er 2008 bei Dokville seine Kollegen mit dem Befund provozierte, „die romantische Vorstellung vom freien und unabhängigen Dokumentarfilmer passt einfach nicht mehr in unsere moderne europäische Medienlandschaft“, so hat er diese ‚konkrete Utopie’ doch bis zuletzt zu leben versucht. Für seinen letzten Film, „Der goldene Apfel“ lehnte er es ab, mit irgendeinem Fernsehsender zu kooperieren. Statt dessen suchte er nach einem Konzept von Guerilla-Marketing, um frei von den Vorgaben und Zwängen der Quotendiktatur des Fernsehens zu arbeiten.
Mit "Flaschenkinder" (1975) hatte er dem Nestlé-Konzern nachgewiesen, dass dessen Profitgier beim Verkauf von Milchpulver in Afrika auch vor tödlichen Folgen nicht Halt machte, hatte damit zum Erfolg einer weltweiten Boykottkampagne beigetragen. In "Septemberweizen" (1980) dient die biblische Josefs-Geschichte als historische Folie für die Ausbeutung des Südens durch die reichen Industriestaaten. Der Film, unter anderem ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis, war über Jahrzehnte einer der erfolgreichsten Filme in der Bildungsarbeit und hatte 2006 – nun unter globalisierungskritischen Vorzeichen – sogar einen Neustart im Kino. Als 2008 die Spekulation mit Nahrungsmitteln wieder weltweit zu Hungerrevolten führte, erinnerten sich viele an Peter Kriegs hellsichtige Analyse in „Septemberweizen“ und auch an sein Film-Essay „Die Seele des Geldes“ (1987).
Später in den 80er Jahren verstörte er nicht wenige mit seiner auch selbstkritisch gemeinten Kritik am Dritte-Welt-Engagement und an der Entwicklungshilfe. „Addio Afrika? Vom Elend der Entwicklungshilfe“ (1993) steht für diese Haltung. Angenähert hat er sich früheren Positionen dann auch wieder mit seinen „12 Thesen zur entwicklungspolitischen Bildungsarbeit“ und mit seinem letzten Film „Der goldene Apfel“, den er unmittelbar vor seinem Tod noch fertigstellen konnte. Hier fragt er nach „alternativen“ Formen der Konfliktbewältigung, die er in den Clan-Strukturen im Norden Somalias als Beispiel einer vom Westen verschmähten, aber funktionierenden Struktur von Staatlichkeit erkannte. So ist diese Dokumentation zu seinem Vermächtnis geworden. Am 22. Juli 2009 starb Peter Krieg im Alter von 61 Jahren an den Folgen einer schweren Operation.


Zum Tod des Sängers, Schauspielers, Dichters Walter Raffeiner (1947 – 2009)
Von Hans Peter Böffgen

Ja, einen Nachruf schreiben. Jemandem nachrufen. Man ruft jemanden nach, der weggeht, oder auf dem Weg ist, der vielleicht  nicht bleiben wollte, oder auf dem Weg zu einem besseren Ort ist. Ein Nachruf könnte sein: Komm bleib doch! Aber manchmal will einer weg. Da hilft kein Nachrufen. Zu spät.
„Walter, kannst du spielen kommen?“ So rief ich in unserem gemeinsamen Filmprojekt „Spielfilm“ zum Fenster hoch. Das Fenster war Teil des Schwetzinger Schlosses. Walter, du hast dort bei den Musikfestspielen gesungen. Wir haben schnell noch vor deinem Auftritt einen kleinen drehbuchfreien Film gedreht, nur, weil du so eine seltsame Maske hattest. Unsere Filme waren: Spielen.
Keiner glaubte wirklich, dass wir beide alles alleine machten: Kamera halten, spielen, Texte erfinden, alles zugleich. Immer nur zu zweit. Nur einmal, beim Ritterfilm, sollte ein Unsichtbarer mitspielen. Leider haben wir ihn beim Dreh vergessen. Aber da fiel uns ein: er war wahrscheinlich doch dabei.
In den 80er Jahren hatten wir UmfaL ins Leben gerufen; das war nach meinem Film „Zufall“, in dem du einen Opernsänger „spieltest“.
Seitdem arbeiteten wir zusammen. Erst die Schubert-Filme. Du hast mir alles vorgesungen. Egal ob in der Kneipe oder am Telefon. Wir müssen einen Schubert-Film machen! Anders als das verlogene Fernsehzeug.
Die Stammkneipen wurden unsere „Entwicklungsbüros“. Manchmal rätselten wir am nächsten Tag, was die Buchstaben auf den Zetteln und Bierdeckeln wohl bedeuten mögen. Oder waren es gar keine Buchstaben? War auch nicht wichtig. Das Wesentliche kann gar nicht verloren gehen, sagten wir uns. Es wurde auf diese Weise nur „gereinigt“. Ganze Drehbücher haben sich so aufgelöst, in was Besseres verwandelt. Nur dieser eine Film, den wir uns im Nauheimer Stübbche ausgedacht haben, den wir super fanden, am nächsten Tag aber völlig vergessen haben, um den hat es uns immer Leid getan, denn der war einmalig gut. Aber immerhin haben wir mehr als 30 Filme gemacht. Sie vorzuführen war nicht immer einfach. Vor den Letzten steht als Vorspann „Von uns – für uns“.
Nachdem so viele Stroh zu Gold machten, war unser Wahlspruch: Gold zu Stroh! Aber weg ist weg. Autobahn ist Autobahn. Sollen doch manche an sich selbst vorbei rasen, sagten wir uns. An uns kommt sowieso keiner vorbei, sagten wir uns. Und wenn man dir nachrufen soll, dann liegt man ja sowieso dahinter. Aber weg ist weg und Weg ist das Ziel. Am 25. Dezember 2009 ist Walter Raffeiner gestorben.

Kategorie: Nachruf

Schlagworte: Dokumentarfilm, Filmemacher*in, Schauspiel

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