GRIP 42

5/1/2010

Frankfurts kulturlose 50er

Um das Kino am Turm wird gekämpft – wahrscheinlich vergebens

Von Dieter Brockmeyer

Hätte er damals das Hollywood-Drama „Kramer gegen Kramer“ nicht im Original im Frankfurter Turmpalast gesehen, hätte er nie Dustin Hoffman für den „Tod eines Handlungsreisenden“ gebucht, lässt sich das Urgestein des jüngeren deutschen Films Volker Schlöndorff gern zitieren. Für Jahrzehnte war das kleine, zentral gelegene Kinocenter die Heimat der Originalfassung internationaler Kinofilme. Jetzt soll der Gebäudekomplex aus den 50er Jahren abgerissen und neu bebaut werden. Der Gebäudekomplex ist noch auf andere Weise mit der Frankfurter Geschichte und dem Film verbunden, denn dort lag auch die Wohnung der Nitribitt, jener ermordeten Lebedame, die das Wirtschaftswunderdeutschland in Atem hielt und deren Leben, oder besser Ableben, bereits mehrfach verfilmt wurde. Außerdem ist der Turmpalast jetzt bereits zum zweiten Mal die Heimat des Lichter Filmfestes gewesen, das sich für das kommende Jahr wohl eine neue Bleibe suchen muss, was sich eben auch nicht als ganz einfach herausstellen dürfte. So breit gesät sind Kinoobjekte von geeigneter Größe nicht in Frankfurt. Die Originalfassungen sollen zukünftig im benachbarten Metropolis gezeigt werden, in jenem Multiplex also, dessen Betreiber, die CineStar, bereits in den letzten Jahren auch den Turmpalast bespielt hat. Inzwischen hat sich freilich massiver Widerstand gegen die Pläne des Hauseigentümers, Gerd Rieche aus Wiesbaden, formiert. Die entsprechende Facebook-Gruppe etwa zählt inzwischen über 2000 Mitglieder. Auch der Frankfurter Kulturpapst Hilmar Hoffmann beschwört die „sentimentale Größe“ des Turmpalasts „im Bewußtsein der Frankfurter Bevölkerung“. Ob der Protest noch etwas ausrichten kann, scheint zweifelhaft. Zu weit fortgeschritten sind inzwischen die Planungen. Der Frankfurter Planungsdezernent Edwin Schwarz betont, dass der Bau architektonisch nicht herausragend sei. Das gilt freilich auch für Kleinmarkthalle. Andere echte architektonische Juwelen der 50er sind bereits verloren, die das Ambiente rund um den Eschenheimer Turm prägten: das Rundschauhaus etwa und das alte Telekomhochhaus, in dem das alte Portal des Thurn und Taxischen Palais integriert war, dessen Fassade auf Betonguss inzwischen aber wieder in alter Operettenpracht erstrahlt.

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Kino, Festival, Filmpolitik, Filmkultur

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