GRIP 42
5/1/2010
Entwicklungsschübe für Kreativstandorte
Wie Gründerzentren der Kultur- und Kreativwirtschaft auf die Sprünge helfen können.
Von Reinhard Kleber
Ob Gründerzentrum "4sterne" in Stuttgart oder das "Mainraum-Gründerhaus" in Frankfurt, die "Kreativagentur" in Hamburg oder der "Musikpark Mannheim", ob das "Mitteldeutsche Multimediazentrum" in Halle oder die "Ideenlotsen" in Bremen – rasant sprießen seit einigen Jahren Gründerzentren, Förderprogramme, Beratungsagenturen für Mikrounternehmen und andere kreativwirtschaftliche Initiativen aus dem Boden. Und allenthalben stürzen sich die Politiker auf die Kultur- und Kreativwirtschaft als Vorzeigeprojekte.
So hat vor zwei Jahren die Bundesregierung auch die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft gestartet und hat diese unlängst verlängert. Aus gutem Grund, sagt Monika Grütters (CDU), die Vorsitzende des Kulturausschusses des Bundestages: „Man darf nicht übersehen, dass sie etwa den Bankensektor bei der Zahl der Beschäftigten überholt hat. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist zudem viel dynamischer als etwa Banken oder die Automobilindustrie.“
Eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums aus dem Vorjahr ergab, dass die rund 238.000 Unternehmen und Selbstständigen der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft – kurz KuK - 2008 zusammen 132 Milliarden Euro Umsatz erreichten; mehr als 700.000 sozialversicherungspflichtige Voll- oder Teilzeitmitarbeiter sind dort beschäftigt. Rechnet man die vielen Selbstständigen dazu, kommt rund eine Million Erwerbstätige zusammen. Die Branche also als Wachstumsmotor.
Um die Initiative weiter voranzubringen, eröffnete der Bund 2009 in Eschborn bei Frankfurt sogar ein eigenes Kompetenzzentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft. Um dessen Arbeit bundesweit zu verankern, werden derzeit acht Regionalbüros aufgebaut. Sie sollen individuelle Angebote wie Orientierungsberatungen, Sprechtage und die regionale Vernetzung der Akteure organisieren. „Wir wollen insbesondere jungen Gründern und Talenten Business-Know-how an die Hand geben“, sagt Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).
Doch was ist überhaupt unter Kultur- und Kreativwirtschaft zu verstehen? Es ist eine wirtschaftliche Querschnittsbranche, die mit künstlerischen und kulturellen Gütern und künstlerischen Ideen in Verbindung mit technologischer, innovativer und wissenschaftlicher Kreativität Gewinne erzielen will. Soweit die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ (2007). Elf Kernbereiche kann man unterscheiden: Musiker, Architekten, Designer, Autoren/Verleger, Journalisten, Filmschaffende, Rundfunkschaffende, Bildende Künstler/Kunsthändler, Darstellende Künstler, Werber, Software- und Games-Entwickler.
Den Startpunkt für die derzeitige Kreativ-Welle in der Bundesrepublik darf man in Nordrhein-Westfalen ansiedeln. Das bevölkerungsreichste Bundesland, das angesichts des Niedergangs der Kohle- und Stahlindustrie besonders vom Strukturwandel betroffen war, gab bereits 1992 die europaweit erste Studie über Kulturwirtschaft heraus. Heute, 2007, ermittelte das Wirtschaftsministerium, dass an Rhein und Ruhr fast 50.000 Unternehmen und Selbstständige im KuK-Segment aktiv sind und knapp 154.000 sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter beschäftigen. Ihr Gesamtumsatz macht immerhin 2,7 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes aus.
Die Landesregierung hat sich die Förderung der vielsprechenden Kreativbranche auf die Fahnen geschrieben und ihr im Zuge des im Vorjahr initiierten „Clustermanagements“ eines von 16 Clustern gewidmet. Die Clustermanager sollen als Netzwerk-Organisatoren die jeweilige Branche voranbringen und für deren bessere Vernetzung und Professionalisierung sorgen.
Doch schon lange vorher hat sich in NRW eine differenzierte Struktur von KuK-Initiativen herausgebildet. Unter dem Namen „Go! Das Gründungsnetzwerk NRW“ haben sich zum Beispiel fünf Initiativen zusammengeschlossen, insbesondere um das Arbeitsplatzpotential zu entwickeln: das GründerZentrum Kulturwirtschaft Aachen, das Kulturelle Gründerzentrum Bochum, der KulturOFEN NRW Düsseldorf, das AV Gründerzentrum NRW in Köln und das Kunst- und Kulturzentrum Monschau.
Eine Sonderstellung nimmt dabei dank seiner thematischen Schwerpunktsetzung das Audiovisuelle Gründerzentrum NRW in Köln ein, das im Mai 2006 seinen Betrieb eröffnete. Es fördert Existenzgründer, die sich in Nordrhein-Westfalen im Bereich der audio-visuellen Medien ansiedeln wollen. Bis Ende 2008 stellte das Zentrum jährlich zehn Stipendien zur Verfügung, 2009 kamen vier weitere Förderplätze für die Bereiche „Games”, “Interactive” und “Online Media“ hinzu.
Das Land reservierte dafür zusätzliche Finanzmittel. „Interaktive Medien boomen“, so NRW-Medienminister Andreas Krautscheid, „gerade in diesem Bereich haben wir im Land junge Kreative mit tollen Ideen.“ Neben der finanziellen Unterstützung und der Einbindung in wichtige Branchennetzwerke können die Gründerunternehmen von einem umfangreichen Beratungsprogramm und Workshops zur Vermittlung von unternehmerischem Wissen profitieren.
Die bisherigen Ergebnisse können sich sehen lassen. Seit dem Start 2006 hat das Zentrum in Köln 44 junge Unternehmen mit 71 Existenzgründern unterstützt. „Alle Firmen gibt es noch und alle sind auch noch im Bereich ihrer Geschäftsidee am Markt aktiv“, berichtet Geschäftsführer Horst Schröder. Außerdem seien auch noch alle Firmen in NRW beheimatet, auch wenn der eine oder andere Betrieb ein Büro oder eine Niederlassung in anderen Städten eröffnet hat.
Das zentrale Ziel, junge Unternehmen im Bereich der audio-visuellen Medien in NRW anzusiedeln und marktgängig zu machen, sieht Schröder als erfüllt an: „Es ist hier eine neue Unternehmergeneration herangewachsen.“ Besonders erfreulich aus Sicht der Standortpolitiker: Mit der Ansiedlung regionaler Hochschulabsolventen sei der früher gefürchtete Teufelskreis „Ausbildung in Köln, Karriere in Berlin“ durchbrochen worden, so der Geschäftsführer.
Welchen Stellenwert die Kreativwirtschaft auch zur Imageförderung entwickeln kann, hat man längst auch in den deutschsprachigen Nachbarländern erkannt. Mit Blick auf das Kulturhauptstadtjahr 2009 brachte die österreichische Stadt Linz 2007 drei neue kreativwirtschaftliche Gründerzentren auf den Weg. „Sie sollen mit geförderten Mieten kreativen Köpfen die Entscheidung für eine Firmengründung erleichtern und ein erfolgreiches Wachstum der jungen Unternehmen unterstützen“, sagte im Februar 2007 die Linzer Wirtschaftsreferentin Susanne Wegscheider.
In Kooperation mit der Stadt sind Flächen von jeweils von 500 Quadratmetern mit einer maximalen Monatsmiete von 5,50 Euro pro Quadratmeter bereit gestellt worden. Die Stadt förderte den Unternehmensstart durch gestaffelte Mietzuschüsse für die ersten 40 Quadratmeter. Und die Förderung fiel auf fruchtbaren Boden: Eine Studie vom März 2006 kam zu dem Ergebnis, dass nach einer engeren Begriffsdefinition von Kreativwirtschaft 1.982 Betriebe mit 30.253 Beschäftigten in dem Segment aktiv sind, das entspricht zwölf Prozent der Betriebe und acht Prozent der Beschäftigten in der Stadtregion Linz.
Nachdem sich in der Region Berlin schon 2002 etwa 200 Firmen zu "media.net berlin-brandenburg", einem branchenübergreifenden Bündnis für Unternehmen der Kreativwirtschaft, zusammengeschlossen haben, erreichte eine ähnliche Initiative in der Schweiz die nationale Ebene. Im Oktober 2009 gründete sich in Zürich der Verband Kreativwirtschaft Schweiz. Gerade in Zürich bestreitet die Branche mit mehr als acht Prozent einen beachtlichen Teil der Gesamtbeschäftigung. Mit der Verbandsgründung wollen die Initiatoren dem Wirtschaftszweig zu neuem Selbstverständnis verhelfen und die Rahmenbedingungen verbessern.
Doch was nützen die schönsten Förderprogramme und politischen Initiativen, wenn ein wichtiges Schmiermittel des Wachstumsmotors fehlt: das Geld? 94 Prozent der Unternehmen der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft sind kapitalschwache Kleinstunternehmen. Weil viele von ihnen schon beim Versuch scheitern, einen Bankkredit zu bekommen, müssen „innovative Finanzierungsinstrumente“ her. Mini-Kredite und Venture Capital Fonds schlug vor Jahren der FDP-Politiker Hans-Joachim Otto vor, der heute als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium auch für die Kreativwirtschaft zuständig ist. „Um zukünftig Innovationen und Wachstum nachhaltig zu fördern, bedarf es eines Umdenkens bei der Vergabe von Krediten für die Akteure der Branche“, konstatiert er heute.
Berlin und Nordrhein-Westfalen haben 2008 und 2009 bereits Wagniskapital-Fonds für die Kreativwirtschaft aufgelegt. Die Investitionsbank Berlin (IBB) hat als Förderbank des Landes Berlin mit dem VC Fonds Kreativwirtschaft einen Venture Capital Fonds konzipiert, der ein Volumen von 30 Millionen Euro hat. Antragsteller müssen allerdings hohe Hürden nehmen und etwa eine plausible Gewinnerzielungsabsicht und ein hohes Wertsteigerungs- und Wachstumspotential nachweisen. Es bleibt also noch viel zu tun für die Standortpolitiker.
Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)
Schlagworte: Wirtschaftsförderung, Filmwirtschaft, Kulturförderung, Webformat
