GRIP 42
5/1/2010
Ein Kronzeuge des investigativen Journalismus
Christoph Maria Fröhder zu Gast beim Jour Fixe im Filmhaus Frankfurt
Von Daniel Güthert
Der frühere CDU-Umweltminister Klaus Toepfer sei ein brillanter Fachmann gewesen, was man von seiner Amtsnachfolgerin, der heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht sagen könne. Sie habe die komplexen Zusammenhänge der Umweltpolitik nur selten durchschaut. Einmal habe er sogar ein Interview mit ihr abgebrochen, da sie in der Sache nicht die leiseste Ahnung gehabt habe. So sprach der bekannte ARD-Fernsehjournalist Christoph Maria Fröhder beim Jour Fixe im Filmhaus Frankfurt aus, was heute seiner Einschätzung nach keine Selbstverständlichkeit mehr ist: sich nicht zum Sprachrohr der Politik machen zu lassen, in dem man sich mit Verlautbarungsjournalismus zufrieden gibt. Vielmehr brach Fröhder eine Lanze für unabhängige Pressearbeit, für Hintergrundberichte und gründliche Recherche.
Tatsächlich hätte man für den Diskussionsabend, zu dem das Filmhaus Frankfurt gemeinsam mit der AG Dok unter dem Titel "Recherchearbeit im investigativen Journalismus" eingeladen hatte, keinen ausgewieseneren Kenner bekommen können als den renommierten, mit vielen Journalistenpreisen geehrten ARD-Korrespondenten. Denn wie kein zweiter steht Fröhder für die Aufdeckung von Polit- und Wirtschaftsskandalen, angefangen von der Schwarzgeldaffäre der Hessischen CDU 1993 bis hin zu vertuschten Pannen und Korruptionsfällen in der Atomindustrie ("Der Fall Transnuklear"). Aber mehr noch hat er sich einen Namen als unbestechlicher Reporter aus den Krisengebieten rund um den Globus gemacht. Bereits 1969 berichtete Fröhder vom Massaker der Amerikaner in My Lai, war später beim Einmarsch der Roten Khmer in Pnom Phen (1975) und als Sonderkorrespondent der ARD 1991 und 2003 im Irak-Kriege.
Eindrucksvoll, mit vielen aufschlußreichen Details gespickt, gab Fröhder Einblick in die Arbeit des Kriegsberichterstatters, eine Vokabel im übrigen, die nicht seinem Selbstverständnis entspreche. Er ziehe die Bezeichnung Krisenreporter vor, da ihm nicht an spektakulären Bildern gelegen sei, an Sensationsgeschichten, sondern es ihm um Zusammenhänge gehe, um Hintergründe, um die Vermittlung von Einsichten. Darum sei er auch ein Gegner des sogenannten "embedded journalism", bei dem die Medienvertreter vom Militär durch Krisengebiete begleitet werden, das heißt vom Militär auch kontrolliert sind. "Dadurch ist doch die freie Berichterstattung von vornherein unterlaufen."
Immer habe er versucht, sich abzusetzen von dem gelenkten Pressetroß, um sich frei zu bewegen, was ihm selbst 2003 in Kabul gelungen sei. Trotz aller Risiken. Im Gegenteil habe er sich an der Seite der Militärs im Grunde gefährdeter gefühlt denn als Zivilist, gekleidet auch wie ein Muslim. Nicht minder lehne er die sogenannten "Stringer" ab, die Kontakt- oder Gewährsleute vor Ort, die das Krisengeschehen längst zum Geschäft gemacht hätten, daß man bei ihnen nötigenfalls die gewünschten Stories bestellen könne. Da werde man zu gestellten Szenen geführt, zu geschändeten Frauen und Kindern, zu angeblich kriegszerstörten Häusern und Dörfern. Die brisanten Schauplätze aber blieben einem verborgen: Lager, Gefängnisse, Orte des Kriegsverbrechens.
So streifte Fröhder in seinem Vortrag auch Fragen der journalistischen Ethik und des Anspruchs. Sein Grundsatz sei immer gewesen, nur Material zu liefern, "das authentisch ist, für das ich mich zu 100 Prozent verbürgen kann". Auch die Bezahlung von Informanten habe er grundsätzlich verweigert. "Denn wie schnell geraten Sie in Verdacht, eine Geschichte "gekauft" zu haben."
Damit war Fröhder zugleich bei einigen handwerklichen Empfehlungen angelangt, wie etwa der, auch Vorgespräche möglichst immer mit Kamera mitzudrehen. Oft genug sei es ihm passiert, daß Informanten plötzlich abgesprungen seien oder sich in Gerichtsverfahren an bestimmte Situationen nicht mehr erinnern konnten oder wollten. Überhaupt sei aber die gewissenhafte Recherche das A und O der Arbeit. Leider jedoch, so auch der Einwand aus dem Plenum, werde dieser Teil der journalistischen Aufgabenstellung nur noch unzureichend bezahlt, was Fröhder bestätigte. Zumal auch immer weniger Redaktionen der ARD sich auf brisante Sujets einließen, von Sendeplätzen wie Frontal 21, Monitor oder Panorama einmal abgesehen.
Und schließlich sparte Fröhder nicht mit gehöriger Medienkritik, wenn er beispielsweise die verstärkte Einflußnahme der Politik auf die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten beklagte. Wobei er dabei ausdrücklich den hr nicht ausnahm. So leistete der interessante, mehr als dreistündige Abend einen beeindruckenden Zirkelschlag zur Bedeutung und Gefährdung anspruchsvollen Journalismus.
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: TV/Rundfunk
