GRIP 42
Der Experimentalfilm ist ein Schatz
Die Filmreihe "Reel to Real" im Mousonturm
Von Cia Torun
Der Experimentalfilm ist ein Schatz, und zwei Frauen haben ihn für Frankfurt gehoben. Im Jahr 2003 fehlte etwas im Kinoraum Rhein-Main: Der spielerische Umgang mit dem Experimentalfilm. Christine Peters, zu dem Zeitpunkt künstlerische Leiterin des Mousonturms, wünschte sich für ihr Haus einen Übergang zwischen Film und Kunst, eine Brücke zwischen Theater und Kino. Und so entwickelten die Filmwissenschaftlerin Marie-Hélène Gutberlet und die Theaterwissenschaftlerin und Arte-Redakteurin Katrin Brinkmann gemeinsam das Konzept zu “Reel to Real“.
Sie entwarfen ein einzigartiges Format, das radikale Experimentalfilmansätze vertritt und gleichzeitig keine Fetischisierung des Genres zulässt. “Reel to Real” konzentriert sich auf das Zeigen und Programmieren von Experimentalfilmen – in Mischprogrammen, die historisch auseinanderragen und auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Durch die strukturelle Verknüpfung entsteht eine Kommunikation, eine Dynamik zwischen den Filmen. Die Filme fangen an, miteinander zu reden, und wenden sich an das Publikum. Marie-Hélène Gutberlet versteht diesen Moment als Diskussion, indem jedes Werk eine eigene Meinung, mehr noch ein eigenes Weltbild vertritt.
Bezogen auf den formalen Aufbau arbeitet der Experimentalfilm stark mit körperlicher Ab- und Zuneigung des Zuschauers. Es findet eine generelle Abtastung der Verhältnisse statt. Zum einen findet diese Abtastung auf einer wahrnehmungsspezifischen Ebene statt. Das ungewöhnliche Seherlebnis öffnet dem Zuschauer ungeahnte Assoziationsräume. Zum anderen regt der radikale Umgang mit dem Medium einen Diskurs über den Film an sich an. Dabei geht es in den Werken nicht um die Message, die sie transportieren. Vielmehr geht es darum, nach den Möglichkeiten des Films zu suchen und diese Möglichkeiten auszustellen und sich in letzter Konsequenz mit radikalen Positionen im Sinne eines Gleichgewichts zum massiven Mainstream auseinanderzusetzen.
Der offenkundige Werkstattcharakter ermöglicht es, auch hermetische Grenzen zu überwinden, die dem Genre des Experimentalfilmes seit jeher anhaften wie etwa die kultische Verehrung des Filmemachers. Der künstlerbiographische Ansatz befragt den Macher nach Intention, Arbeitsprozess und Versuchsanordnung. “Reel to Real “ indessen befragt den Experimentalfilm selbst. Das heißt nicht, dass das Format den Filmemacher vollkommen ausschließt. Im Gegenteil, “Reel to Real“ lädt oftmals Gäste ein, die ihre Arbeiten in eigener Komposition zeigen und mit dem Publikum in einen Dialog treten. Auch hierbei baut “Reel to Real“ im Zwischenbereich zwischen Macher, Werk, Publikum und Kurator eine Spannung auf, die den experimentellen Charakter des Formats auszeichnet und grundlegenden Stimmungen nachspürt, ohne sie zu Phänomenen zu stilisieren.
Ein weiteres Spannungsfeld aber ist die Studiobühne im Mousonturm, die für “Reel to Real” eigens zu einem Kinoraum umfunktioniert wird. Für die Experimentalfilme, die grundsätzlich im Originalformat gezeigt werden, sprich im 8mm- oder 16mm-Format, wird ein Projektor im Raum aufgebaut. Der Film bespielt nicht nur die Leinwand, sondern auch den Raum. Bei “Reel to Real” ist immer auch ein Hang zur Performance spürbar. Im Programm “Baden” zum Beispiel werden der Pool, die Dusche, der Strand in räumlichen Verhältnissen zueinander auf verschiedene Leinwände in verschiedenen Filmformaten projiziert.
Heute ist “Reel to Real” sieben Jahre alt. Retrospektiv gesehen, hat die Reihe den Standort Film in Frankfurt verändert. “Reel to Real” hat Gäste und Filme eingeladen, die die kulturelle Vielfalt um eine weitere Farbnuance bereichert haben. Nichtsdestotrotz stehen nun Veränderungen an. Katrin Brinkmann und Marie-Hélène Gutberlet werden sich neuen Projekten zuwenden. Die Filmwissenschaftlerin Gaby Babic, die seit 2009 dem Team angehört, wird nun vollständig das Erbe der Gründungskuratorinnen übernehmen.
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: Experimentalfilm, Filmtheorie/Filmwissenschaft, Filmkultur
