GRIP 42
5/1/2010
Den Horizont nach Osten erweitern
Der Dokumentarfilmer Andrzej Klamt
Von Claudia Prinz
Der Blick nach Osten ist selten bei westdeutschen Dokumentarfilmern. Sei es, daß man es den Ländern im Osten Europas selbst überlassen will, ihre Geschichte zu dokumentieren, sei es, daß das ideologische Verhältnis zu den osteuropäischen Nachbarn die Themenauswahl lange Zeit erschwerte. Da ist es dann ein Glücksfall, wenn ein Filmemacher in einer binationalen Region aufgewachsen ist und eine Identität entwickelt hat, die es ihm erleichtert, über Grenzen zu schauen.
Der Dokumentarfilmer Andrzej Klamt wurde 1964 in Bytom, früher Beuthen, geboren, einer Stadt im oberschlesischen Industriegebiet. Schlesien war immer Grenzland zwischen Deutschland und Polen; die verschiedenen Herrschaften wechselten von polnisch über böhmisch und österreichisch zu preußisch, und von 1871 bis 1945 gehörte das Land zum Deutschen Reich. Der bewegte geschichtliche Hintergrund hat die Menschen dieser Gegend geprägt. In Niederschlesien wurde in der Regel deutsch gesprochen, in Oberschlesien war die Bevölkerung oft zweisprachig: deutsch und polnisch.
Auch Andrzej Klamt kommt aus einer Familie, die beide Sprachen beherrschte. Mit 15 Jahre siedelte er mit seinen Eltern in den Westen über, wo die meisten Familienmitglieder bereits lebten. Vertreibung gab es in seiner Familie nicht: „Wer bei Kriegsende im Westen war, richtete sich dort ein, wie mein Onkel als Soldat. Die übrigen Angehörigen sind erst mal in Polen geblieben, in der Hoffnung, dass das kein endgültiger Zustand ist. Es hieß ja ‚unter polnischer Verwaltung’. Man dachte, es würde einen Friedensvertrag geben und alles würde sich wieder ändern. Die meisten Deutschstämmigen sind dann erst nach und nach aus Polen ausgewandert".
Nach dem Abitur in Offenbach begann Andrzej Klamt an der Universität Frankfurt Slavistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften zu studieren. Zusammen mit Kommilitonen, zu denen beispielsweise Gunter Deller gehörte, kaufte er die erste Super 8–Kamera und begann, auf studentischem Niveau Kurzfilme zu drehen. Die Gruppe nannte sich „Halbtotal", und so nannte er später seine Produktionsfirma, mit der er heute in Wiesbaden sitzt.
In Frankfurt lernte er den Filmemacher Hans-Peter Böffgen kennen, der ihn unter seine Fittiche nahm. In Co-Arbeit mit Böffgen entstanden für die Fernsehreihe ‚Menschen, Länder, Abenteuer’, drei Beiträge, die in Sibirien gedreht wurden. Im Rahmen seines Slavistikstudiums hatte Andrzej Klamt ein Stipendium für ein Auslandsjahr in Russland bekommen und in Moskau, St. Petersburg und Novosibirsk gelebt. Dadurch kannte er das Land und die Sprache. „Der erste Film entstand 1991", erinnert er sich, „das war mitten in der Perestroika und den Umwälzungen, die die Sowjetunion erfassten. 1993 drehten wir ‚Baldajew – Zeichen des Gulag’ und bereits da ging es mir um die Aufarbeitung des Stalinismus."
Prägend sei für ihn vor allem die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus gewesen. Diesem Thema habe er sich als Zugehöriger der Nachkriegsgeneration immer ganz besonders verpflichtet gefühlt, zumal er noch in einem totalitären System aufgewachsen ist. "Vielleicht war es deshalb für mich noch mehr Thema, als für jemanden aus Westdeutschland".
Ein russisches Kapitel behandelte auch sein erster Erfolg „Pelym" (in Ko-Regie mit Ulrich Rydzewski), ein Film über eine Gegend in Sibirien, die traditionell seit Ivan dem Schrecklichen als Verbannungsort genutzt wurde. Verbannung, so erfährt man, war eine vor allem in Russland verbreitete Methode, unliebsame Personen aus dem Verkehr zu ziehen, indem sie in die weite Ferne Sibiriens verbracht wurden. Der Film beschäftigt sich mit dieser Gegend gleich hinter dem Ural, mit dem Thema Freiheit und Gefangensein, ist aber auch eine Aufarbeitung des sowjetischen Unterdrückungssystems. „Pelym" hatte seine Premiere auf der Berlinale 1999, lief auf vielen Festivals und erhielt etliche Preise, darunter in Duisburg den Arte-Dokumentarfilmpreis.
Auch sein nächster abendfüllender Dokumentarfilm „Verzeihung, ich lebe" , für den er den Hessischen Filmpreis 2000 bekam, ist eine Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus, diesmal dem des Dritten Reichs. Vier ehemalige jüdische Bürger der Stadt Bedzin, von denen nur ganz wenige den Holocaust überlebt hatten, schildern das Leben der Juden und ihrer polnischen Mitbürger in der Vorkriegszeit, eine Geschichte des einbrechenden Nazi-Terrors, der Verfolgung und Auslöschung der gesamten jüdischen Bevölkerung dieser kleinen Stadt.
Für Andrzej Klamt ist dieser Film auch Vergangenheitsbewältigung: „Ich bin 50 km entfernt von Auschwitz aufgewachsen. In der Volksrepublik Polen war es tabu, über den Judenmord zu reden. Man hat immer gesagt, das war ein Vernichtungslager für alle Nationen, hauptsächlich für polnische Staatsbürger. Aber dass die polnischen Staatsbürger fast alle Juden waren, hat man damals geflissentlich verschwiegen. Und so habe ich mich hinterher, nach meiner Aussiedlung nach Deutschland, mit einer Geschichte befasst, die meine ehemaligen Nachbarn betroffen hat."
Den größten Erfolg hatte Andrzej Klamt 2004 - wiederum zusammen mit Ulrich Rydzewski - mit „Carpatia", einem Road-Movie über eine Terra Inkognita mitten in Europa. Der Episodenfilm zeigt Menschen und Landschaften in Polen, der Slowakei, der Ukraine und Rumänien entlang der Karpaten, in denen eine relativ ursprüngliche Lebensweise herrscht. „Carpatia" lief nicht nur auf Festivals weltweit, sondern auch in deutschen Kinos und sogar die DVD verkauft sich immer noch recht gut.
Sein neuestes Projekt heißt „Die geteilte Klasse" und setzt sich mit der Geschichte zwischen Deutschen und Polen auseinander. Es geht dabei um seine eigene Schulklasse, aus der die Hälfte der Schüler nach und nach in den 70er und 80er Jahren nach Deutschland ausgereist ist. Das benutzt er als Vehikel für die Auseinandersetzung über das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen: „Eine Klasse, in der die Hälfte deutschstämmig ist, die andere Hälfte zugereist aus den weiter östlich gelegenen Gebieten, das war auch nicht so einfach. Wir waren ja eigentlich die Einheimischen, aber wir waren die ‚schlechten’ Deutschstämmigen, während die Polen die eigentlichen Herren im Lande waren."
Der auf 90 Minuten angelegte Kinofilm, der von der Hessischen wie polnischen Filmförderung getragen ist und eine Senderbeteiligung des RBB hat, soll 2011 in die Kinos kommen (Verleih RealFiction). Ab Sommer wird es zunächst an die Filmaufnahmen in Polen und Deutschland gehen.
F I L M O G R A P H I E (Auswahl)
"Baldajew - Zeichner des GULag", D 1993, Dokfilm, 30 Min. ZDF (mit H.P. Böffgen)
"Pelym", D 1998, Kino-Dokumentarfilm, 110 Min, (mit U. Rydzewski)
Festivalteilnahme u.a. Berlinale, IDFF München, IDFF Amsterdam, Taipeh.
„Preis besonderer Dokumentarfilm" Intern. Dokumentarfilmfestival München 1998, arte-Filmpreis "Bester deutscher Dokumentarfilm" 1998, Duisburger Filmwoche
"...Verzeihung, ich lebe", D/PL 2000, Dokumentarfilm, 81 Min
„Hessischer Filmpreis", 2000; „Dokumentarfilm epd film", 2000
„Polen – Heimat der Dichter", D 2000, 45 Min.
"Tanz der Feuerräder", D 2001, Dokumentation, 55 Min. ZDF/arte
"Wer bin ich? Schlesische Lebensläufe", D 2004, Dokumentarfilm, 88 Min.
"Carpatia", D/A 2004, Dokumentarfilm, 35mm, 127 Min. (mit Ulrich Rydzewski)
Festivalteilnahme u.a. IDFF München, Nyon, Oslo, Mill Valley, Barcelona, Thessaloniki, Kopenhagen
„Cinemambiente Hauptpreis", 2004, Torino, Italien; "Silberner Hirsch", IFF Rhodos 2005, "Bester Film", Festival dos Festivais, 2006 Goias/Brasilien; Prädikat FBW "Besonders wertvoll"
"Spurlos verschwunden", Historische Doku. D 2007, 52. Min. ZDF/arte (mit Peter Hartl)
„Dreiländereck", Theaterlandschaften Spezial, D/PL 2007, 45 Min. ZDF/3sat
Deutsch-Polnischer Journalistenpreis 2008 Kategorie Fernsehen
"Für Danzig sterben?", Dokumentation, D 2009, 45 Min. 3sat
Nomminierung für den deutsch-polnischen Journalistenpreis 2010
Kategorie: Personenportrait (GRIP FACE)
Schlagworte: Dokumentarfilm, Filmemacher*in
