GRIP 27

8/1/2002

Wirtschaft und Medien

Zur Arbeit des Fachbereichs Medienwirtschaft der Fachhochschule Wiesbaden

Von Michael Martin

„Medien in die Wirtschaft - Wirtschaft in die Medien“, mit diesem Slogan läßt das Ausbildungsziel an der Fachhochschule für Medienwirtschaft vielleicht am besten umschreiben. Wirtschaft und Medien bilden während der Ausbildung eine enge Allianz, die sogar bis in die Finanzierung des Hochschulprogramms reicht.

Der Fachbereich Medienwirtschaft wurde 1992 gegründet und hat heute seine erste Ausbaustufe erreicht. Pro Semester werden bis zu 45 neue Studenten aufgenommen, die sich über einen Numerus Clausus von 1,4 bis 1,7 qualifizieren müssen, denn auf das begrenzte Studienplatzangebot kommen jährlich über 1.000 Interessenten. Das Studium (Abschluß: Diplommedienwirt) besteht aus acht Semestern und gliedert sich in einen eher theorieorientierten Teil des Grundstudiums und einen praxisorientierten Teil des Hauptstudiums. Zur einen Hälfte wird das Studium durch Wirtschaftsthemen bestimmt, zur anderen durch Anforderungen in punkto Gestaltung und Technik.

Im Bereich Wirtschaft liegen die Schwerpunkte auf Medienmarketing, Marktforschung sowie auf den Grundzügen des Rechnungs- und Finanzwesens. Dabei wird sowohl den Besonderheiten der immateriellen Wirtschaftsgüter als auch der Internationalisierung von Medienprodukten Rechnung getragen. Darüber hinaus werden den Studenten die spezifischen „Workflows“ der Medienindustrie vermittelt sowie auch die „wirtschaftsinformatischen“ Aspekte einer professionellen Unternehmensführung.

Der Bereich Gestaltung, der stets in Kooperation mit den technischen Vorlesungen erfolgt, strebt zwei Ausbildungsziele an. Zum einen sollen die technischen und kreativen Verfahren der audiovisuellen Medienproduktion - inklusive der Studio- und Außenproduktion – sowie des „Broadcasting“, d.h. der Bildübertragung behandelt werden. Der zweite Schwerpunkt betrifft den Sektor „Online-Medien und interaktive Medien“ mit seinen medienspezifischen Merkmalen und den besonderen technischen Produktionsbedingungen.

Erst in der praktischen Arbeit des Hauptstudiums verschmelzen dann die wirtschaftlichen, gestalterischen und technischen Komponenten zu einer konvergierenden medienwirtschaftlichen Themenbearbeitung. In der Tradition amerikanischer Hochschulen werden im Rahmen von Fallstudien und Projekten medienwirtschaftlich relevante Fragenstellungen in Kleingruppen bearbeitet. Dabei stehen zwei Lernziele im Vordergrund. Zum einen soll die Fähigkeit des „Projektmanagements“ trainiert werden. Dies bedeutet, daß die Studenten im Rahmen festgelegter finanzieller und zeitlicher Budgets ein definiertes Ziel erreichen müssen. Die Zielerreichung ist dann der Maßstab für die Qualität des Projekts. Das zweite Ziel besteht in der Vermittlung sozio-emotionaler Kompetenzen, die in der Gruppenarbeit unter Leitung von „Coaches“ (meist 2 Professoren) geübt werden. Dabei lernen die Studenten die Chancen und Risiken von Gruppenarbeit kennen. Gerade in der Medienindustrie zählen solche Kompetenzen zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren.

Dem Fachbereich, der auf dem traditioonsreichen Studiogelände „Unter den Eichen“ in Wiesbaden angesiedelt ist, stehen für das Studienprogramm sowohl ein Studio mit „Blue Box Technik“ sowie das gesamte Spektrum der für die Postproduktion notwendigen Hard- und Software als auch PC-Cluster im Wert von 700.000 Euro zur Verfügung. Um die jährlichen Abschreibungen finanzieren zu können, an denen sich das Land Hessen lediglich mit 5 Prozent beteiligt, werden die Projekte durch die Professoren als Beratungsleistungen für die Industrie angeboten. Darüber werden, wie bei privaten Hochschulen, insgesamt die nötigen Investitionsmittel beschafft. Jährlich werden so über 25 Projekte durchgeführt.

Zu den Kunden gehören namhafte Konzerne wie unter anderem Bertelsmann oder die Commerzbank, aber auch öffentliche Einrichtungen wie das Kultusministerium, die Staatskanzlei oder die Justizvollzugsanstalt Wiesbaden. Nahezu alle Projekte beinhalten eine Produktkonzeption, die je nach Fragestellung bis zur Realisation reichen kann. Ausgangspunkt sind meist umfangreiche Markt- und Wettbewerbanalysen bis anschließend die Produkte konzipiert und realisiert werden. Darüber hinaus spielen die Vermarktungsansätze sowie die betriebswirtschaftliche Kontrolle eine entscheidende Rolle.

Zum großen Teil betreffen die Projekte die verschiedenen Stufen der Konzeption, Realisierung und Evaluation von Internet und e-Commerce-Applikationen, daneben werden aber Vorhaben zum Redesign von Ablaufprozessen und deren IT-Unterstützung durchgeführt sowie Reihen von Markt- und Branchenanalysen. Des weiteren werden Schulungs- und Imagefilme hergestellt sowie vereinzelt auch Werbespots. Je nach verfügbarem Budget haben die Projekte professionelles Niveau, was auch vom Auftraggeber erwartet wird. Das Studium beinhaltet weiterhin ein berufspraktisches Studiensemester in einem Unternehmen und schließt mit einer Diplomarbeit ab.

Der Fachbereich folgt in den nächsten drei Jahren einem konsequenten Entwicklungspfad zu einem umfassenderen Fachbereich Medien mit einer Verdopplung des Studienplatzangebots. Es werden im Bereich der Gestaltung spezifische Ausbildungsgänge zusammengefaßt und im Bereich der Medienwirtschaft soll eine Schwerpunktausrichtung auf die „TIME“-Industrien erfolgen. Dadurch lassen sich in Zukunft besser und spezifischer die verschiedenen Berufsfelder der Medienindustrie abdecken.

* Michael Martin ist Professor für Unternehmensführung und Absatzwirtschaft an der Fachhochschule Wiesbaden

Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)

Schlagworte: Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Nachwuchs

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