GRIP 27
8/1/2002
Mit offenem Ausgang
Zur Lizensierung des Ballungsraumfernsehens im Rhein-Main-Gebiet
Von Dieter Brockmeyer
Eigentlich war es fast schon eine Sensation: Nicht nur wurde das Fernsehprojekt Ballungsraum-TV in Hessen von der zuständigen Landesanstalt für privaten Rundfunk in Kassel (LPR) nach langem Hin und Her endlich genehmigt, die Lizenz wurde sogar erteilt, ohne dass die hiesigen Zeitungsverleger – traditionell bestrebt beim Ballungsraumfernsehen mitzumischen - im Gesellschafterkreis vertreten waren. Für den Gewinner, ein Gesellschafterkonsortium um das traditionsreiche Produktionsunternehmen Bibo TV in Bad Homburg, fangen die Probleme aber jetzt erst richtig an. Denn es ist beileibe keine gute Phase um mit einem solch ambitionierten Projekt an den Start zu gehen. Ballungsraumfernsehen konnte sich bisher in Deutschland wirtschaftlich nicht durchsetzen. Nicht nur die Zukunft der zur insolventen KirchGruppe gehörenden Metropolen-Sender tv.berlin, tv.münchen und Hamburg1 steht in den Sternen, auch die Baden-Württemberger BTV-Sender durchlaufen stürmische Zeiten.
Schon in guten Zeiten konnten aus der jeweiligen Region nicht genügend Werbegelder akquiriert werden, und eine nationale Vermarktungsplattform für die Sender fehlte. Inzwischen hat zwar der zu der ProSiebenSat.1 Media AG gehörende Vermarkter sevenone media diese Funktion größtenteils übernommen, allein die unterschiedlichen regionalen Interessen machen ein schlagkräftiges Auftreten gegenüber dem nationalen Werbekunden schwierig. Auch klafften noch große Löcher im Flickenteppich des Metropolen-TV. Denn mit dem Ruhrgebiet und dem Rhein-Main fehlten noch zwei dicht besiedelte Regionen im Angebot.
Zwar ist inzwischen auch ein ähnliches Angebot in NRW gestartet worden, doch machen die Vorgaben des dortigen Mediengesetzes es schwer, ein quasi landesweites regionales Fernsehen, in die Zielsetzung einer nationalen Vermarkungsstrategie von Metropolen-TV zu integrieren. Die Zusammensetzung aus unterschiedlichen Städten und ländlichen Räumen ist zu divergent, um mit der eher homogenen Ausrichtung eines einzelnen Ballungsraums kompatibel zu sein.
Bleibt also das Rhein-Main-Gebiet. Wenigstens ein Loch weniger im Vermarktungsteppich möchte man meinen, wenn nicht die Zukunft der anderen Sender inzwischen wieder in Frage gestellt wäre. Doch auch in Hessen selbst ist die Situation recht komplex. Zwar haben die Verleger auf einen offiziellen Einspruch gegen die Lizenzentscheidung der LPR verzichtet, aber auf Unterstützung von dieser Seite wird das neue Rhein-Main-TV dennoch kaum rechnen können. In Kassel beispielsweise, hat die dortige Tageszeitung HNA eine doppelseitige Anzeige von SkyRadio nicht angenommen. Trotz Anzeigenflaute und Umsatzeinbußen. Zu vermutender Hintergrund: Der zum Murdoch-Imperium gehörende Radiosender hatte die nordhessische Lizenz gegen seinen Mitbewerber aus dem Verlegerlager zugeteilt bekommen. Man kann sich also in etwa vorstellen, wie die Presseberichterstattung zum Thema Ballungsraumfernsehen im Rhein-Main-Gebiet aussehen wird.
Trotzdem laufen die Vorbereitungen dem Vernehmen nach auf vollen Touren. Im zweiten Quartal 2003 soll, wenn alles gut geht, der Sendebetrieb aufgenommen werden. Für das Rhein-Main-Gebiet wird das verlegerunabhängige Ballungsraumfernsehen auf jeden Fall eine publizistische Bereicherung sein. Schon alleine deshalb ist den Initiatoren viel Glück zu wünschen. Durchstehvermögen hat Geschäftsführer Ralf Bibo bislang jedenfalls bewiesen, wie sogar seine Gegner neidlos anerkennen.
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: TV/Rundfunk, Filmpolitik
