GRIP 27

8/1/2002

Im Umbruch

Besitzerwechsel haben die Frankfurter Kinolandschaft stark verändert

Von Dieter Brockmeyer

Wer im Januar bei den Kinos Cinema oder Olympia anrief um die aktuellen Zeiten für die Vorstellungen des ersten Internationalen Filmfestivals in Frankfurt zu erfragen, wurde stark irritiert. Die Telefone waren abgemeldet. Grund war der Besitzerwechsel der beiden Frankfurter Traditionskinos zum Jahresende, also nur wenige Tage vor Beginn des Festivals. Auch über Vorführer und andere unabdingbare und vom Vorbesitzer UFA zugesagte Unterstützungsleistungen mussten die Veranstalter von heute auf morgen neu verhandeln. Das Festival, wir wissen es, rettete sich mit Anstand über diese Kalamitäten.

Der Verkauf dieser beiden Häuser war der Beginn des Rückzugs der UFA, einstmals hiesiger Marktführer, aus der Frankfurter Kinolandschaft. Lediglich mit dem ehrwürdigen Turmpalast ist der Kinobetreiber bis heute in Frankfurt präsent, denn auch das UFA-Flagschiff Royal wechselte unlängst den Besitzer.

Dabei markiert dieser Wechsel vor allem das Ende einer langen Phase, in der sich bei den Innenstadtkinos wenig tat. Während andernorts bereits in den frühen neunziger Jahren die Multiplexe auch die Stadtzentren eroberten, blieb in Frankfurt alles wie gehabt. Die Zahl der Kinobesuche in der Innenstadt allerdings halbierte sich, als das Kinopolis in Sulzbach eröffnet wurde. Trotzdem sah sich keine der beiden Kinoketten, die damals den Markt beherrschten, dazu aufgerufen, in eine grundlegende Modernisierung ihrer Häuser oder gar in einen Neubau zu investieren.

Erst mit dem Metropolis im ehemaligen Volksbildungsheim, das die Lübecker Kieft-Gruppe gemeinsam mit dem Betreiber der Berger-Kinos Harald Metz an den Start brachte, zog ein Multiplex in Frankfurt ein. Harald Metz ist am Metropolis schon nicht mehr beteiligt, und der Vorsprung, das erste Multiplex direkt in der Stadt zu bespielen, ist längst aufgebraucht. Am Ende der Mainzer Landstraße gibt es inzwischen mit dem Cineplex ein weiteres Großkinozentrum, dazu kommen im direkten Einzugsgebiet das Cinemaxx in Offenbach oder das bereits erwähnte Kinopolis im MainTaunus Zentrum.

Und trotzdem: Verglichen mit anderen Städten in Deutschland, scheint Frankfurt die sich wandelnde Situation in der Kinolandschaft viel besser zu verkraften. Im benachbarten Offenbach etwa schloss nach dem Start des Cinemaxx ein Traditionskino nach dem andern seine Pforten – für immer. In Frankfurt hingegen scheint die vermehrte Konkurrenz durch die Multiplexe die traditionelle Kinolandschaft der Stadt eher zu beleben: Die UFA hat wohl nicht ohne Grund den Turmpalast als einziges Kino in Frankfurt behalten. Dort werden überwiegend Filme in der originalen Sprachfassung gezeigt, was gerade in einem internationalen Banken- und Wirtschaftszentrum wie der Mainmetropole als Nische zu funktionieren scheint.

Doch auch die von dem Großbetreiber abgegebenen Kinosäle Zeil, Cinema und Olympia sehen ihre Zukunft. Alle drei Kinos wurden von Frederik Horath übernommen. Der ehemalige UFA-Berater verfolgt mit der Übernahme eine klare Strategie. Die Zeil-Kinos sind inzwischen bereits voll renoviert. Es sei sicherlich ein Fehler des alten Betreibers gewesen, nicht viel früher auf die Multiplex-Herausforderung reagiert zu haben, ist sich Horath sicher: „Statt dessen lies man die Säle vor sich hingammeln“. Dabei werden die Zeil-Kinos ganz ähnlich einem Multiplex bespielt: alle Blockbuster sind zu sehen und an den Nachmittagen richtet sich das Programm vor allem an Kinder und Jugendliche, während in der Nacht auch schon mal Mut zum experimentelleren Kino gezeigt wird.

Anders sieht es für das Olympia Kino aus, das gerade umgebaut wird. Der Eigentümer der Liegenschaft, die Steigenberger Gruppe, renoviere das ganze Gebäude und da habe es Sinn gemacht, auch für das Kino noch mal etwas Geld in die Hand zu nehmen, meint Horath. Nach seiner Wiedereröffnung wird das Olympia dann zum „Art House“ werden. Allein dieses Genre soll in Retrospektiven, Previews und Reihen im Olympia eine Frankfurter Heimat finden. Diese Aufgabe wird zur Stunde noch vom Cinema, dem dritten der ehemaligen UFA-Kinos wahrgenommen, das Horath übernommen hat. In Zukunft soll sich dieses Haus dann aber auf den anspruchsvollen Unterhaltungsfilm konzentrieren.

Frederik Horath beschreibt seine Häuser als wirtschaftlich gesund und konkurrenzfähig. „Sicher, auch wir spüren das Sommerloch, aber wir haben einen kleinen Apparat, der nicht nur preiswert ist; wir sind damit auch flexibler“, sagt er. Etwa 50 Leute sind in den drei Häusern beschäftigt, wobei es sich bei rund zwei Dritteln um Aushilfen handelt. Angst vor den Multiplexen hat Horath nicht: „Der Markt in Frankfurt ist groß genug“, ist er überzeugt. „Außerdem würden viele, die zu uns kommen, nie in ein Multiplex gehen.“

Und auch die sehr lebhafte Programmkinoszene Frankfurts dürfte angesichts der aktuellen Entwicklung rund um die drei Kinos keine Probleme haben. Im Gegenteil: Mal seh’n Kino, Orfeos Erben, Filmtheater Valentin, Harmonie und Berger Kinos hoffen eher von der Belebung der Frankfurter Kinostruktur profitieren. Durch die stärkere Präsenz von Kino in der Stadt steigt dessen Wahrnehmung, steigen vielleicht auch die Zuschauerzahlen – auch oder gerade bei anspruchsvolleren Filmen.

Für das eingangs erwähnte Traditionskino Royal stimmt diese These im Moment vielleicht nicht so ganz. Denn das Royal, und nicht nur das, sondern das ganze Gebäude in der Schäfergasse, wurde von der großen alten Dame des Frankfurter Kinos, Liselotte Jaeger, erworben, die den Europa-Palast an der Hauptwache und das Eldorado betreibt. Was die über 90jährige, als sehr zurückhaltend beschriebene Unternehmerin, deren Vermögen in der Branche auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt wird, mit dem erworbenen Kino vor hat, weiß keiner so richtig. Möglicherweise wird sich gar nichts verändern. Und das sehen viele Frankfurter Filmfans mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Bei ihnen gilt das Royal noch immer als das schönste Kino in Frankfurt. Aber eine Renovierung täte ihm sicherlich gut.

Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)

Schlagworte: Kino, Wirtschaftsförderung, Filmkultur

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