GRIP 27

8/1/2002

Das Denken ist die harte Arbeit, nicht das Wörter zählen

Über Arbeitsansatz und Intention der Drehbuchwerkstatt Script-Lab 5

Von Alan Taylor und Nicholas Tedeschi

Natürlich hat man die Bücher gelesen. Syd Field über Struktur, Andrew Horton zur Entwicklung von Charakteren, McGee über das Leben, das Schreiben und wie man seine Ideen zu Papier bringt. Man ist Seminarveteran. Hat gelernt, wie man den zweiten Akt verbessert, die perfekte Szene schreibt, den Protagonisten glaubwürdiger macht oder auch einem Produzenten im Fahrstuhl das Exposé pitcht. Man ist gereist und hat gute Ratschläge gesucht. Wurde inspiriert und aufgerichtet. Hat fünf Ordner voller Entwürfe. Notizen. Der Dialog ist lebendig. Man hat wertvolle Zeit geopfert, Energie investiert, um das eigene Ziel zu erreichen: die erfolgreiche Vervollständigung des eigenen Scripts. Und verdient es doch besser!

Der bedauerliche Aspekt bei den meisten Handbüchern und Kursen, aber auch beim Verlangen der Autoren nach Einfachheit, ist, daß der Schwerpunkt auf das Endprodukt gelegt wird. Das Drehbuch. Nicht auf den schwierigen und herausfordernden Prozess, ein Drehbuchautor zu sein. Unter „Schwierigkeiten“ wird routinemäßig aufgelistet: Die Zeit zu schreiben finden, die richtige Schriftgröße, Filmkenntnisse, welchen Agenten brauche ich, Verständnis von Katharsis, Genre, Struktur, Dialog ... Die wahren Herausforderungen bleiben hierbei unberührt. Eben weil sie die schwierigsten persönlichen und sozialen Kompetenzen darstellen, die größte Herausforderung für jeden, der „seine“ Geschichte erzählen will. Da, wo unsere Einbildungskraft ins Stocken gerät, treten persönliche Obsessionen zutage, die erkannt werden wollen, hinterfragt und dann (hoffentlich) ad acta gelegt werden können. Konkret gesagt: jeder Drehbuchautor muß – wie jeder Künstler (oder eigentlich: wie jeder Mensch) – die Kraft haben, zu sehen und zu verstehen, daß jeder Mensch auf der Welt gute Gründe hat für das, was er oder sie tut. Wirklicher Jede/r!

Diese einfache Tatsache zu akzeptieren und in unserer Vorstellungswelt auszuleben, erfordert die selbstlose Fähigkeit, einen anderen, entgegengesetzten Blickwinkel als den eigenen einzunehmen. Und daran zu glauben, daß genau dieser Blickwinkel wahr ist. Es bedeutet, das Raster einfacher Erklärungen aufzugeben, vor allem die Art von Erklärungsmuster, die die Medien selbst uns so gerne liefern. Es bedeutet schließlich: loszulassen. Und zwar auf die Art loszulassen, die wir von den Schauspielern erwarten, wenn sie unsere Charaktere auf dem Bildschirm zum Leben erwecken. Das ist natürlich ihr Job. Aber vorher ist es unser Job. Diese Erweiterung des eigenen Handlungsrahmens erreichen unsere Helden, wenn sie ihr eigennütziges Ziel aus dem ersten Akt im dritten Akt in ein tieferes, wertvolleres Ziel transformiert haben. Denn das ist es, was sie erst zu Helden macht. Diese menschliche Fähigkeit, Charaktere und ihre Motive zu ergründen, ist am schwierigsten zu erlangen. Aber einmal erlernt, führt sie zu stärkeren, lohnenderen Dramen, die es wert sind, erzählt zu werden. Sie führt auch zu einem reicheren, bewußteren und engagierterem Leben des Autors.

Deshalb sind wie man sich unschwer ausmalen kann für die Teilnehmer von Script-Lab 5 eigentlich nur zwei Dinge von Nöten: Geduld und harte Arbeit. Geduld, weil das Programm dazu ausgelegt ist, das Schreiben eines Drehbuchs so lange hinaus zu zögern, bis die notwendige Vorarbeit des Nachdenkens, des Durchdringens der Charaktere und des Optimierens der Handlung wirklich erledigt sind, erklärt sind und von den anderen Teilnehmern verstanden wurden.

Während wir uns also auf das Produkt konzentrieren, wird das Programm von Script-Lab 5 jedem Teilnehmer die Fähigkeit vermitteln, sich ein Arbeitssystem anzueignen, das wertvolle Zeit und Energie spart – und zu besseren Drehbüchern führt. Wir erhalten deswegen ein Drehbuch als funktionierendes Produkt, weil wir ein funktionierendes System des Schreibens etablieren, das Kreativität, Vorstellungskraft und Arbeitsmechanismen in effizienter Art und Weise bündelt. Und dieses System hält den strikten Anforderungen der Filmindustrie ebenso stand, wie unserer eigenen kreativen Entwicklung.
Ein integraler Bestandteil von Scrip-Lab 5 sind Gastbeiträge von Mitarbeitern aus den verschiedenen Feldern der Film- und Medienindustrie. So haben die Teilnehmer von Script-Lab 5/1 mit einem Agenten und einer Redakteurin sprechen können. Die fünf festen Wochenendtermine werden ergänzt durch zwei weitere Feedbacktermine, in denen jeder Teilnehmer allein mit den Referenten über Schwierigkeiten und Fortschritte seines Projekts sprechen kann.

So werden wir es auch in Zukunft halten. Das neue Script-Lab 5 startet, wie dem Seminarprogramm zu entnehmen ist, im November.
* Alan Taylor ist Dozent im Fachbereich Filmwissenschaft der Universität Mainz und gemeinsam mit dem Drehbuchautor und Creative Producer Nicholas Tedeschi Referent von Script-Lab 5

Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)

Schlagworte: Drehbuch, Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Filmhaus Frankfurt

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