GRIP 27

8/1/2002

Auf Konsolidierungskurs

Bei steigenden Besucherzahlen erholt sich die deutsche Kinolandschaft langsam von Bauwut und Multiplex-Boom

Von Reinhard Kleber

Die erste Schließung eines UFA-Multiplex-Kinos in Freiburg im vorigen Jahr und damit des ersten deutschen Multiplex-Kinos überhaupt wirkte wie ein Fanal: Es war der Schlussstrich unter einer wirtschaftlich widersinnigen Entwicklungsphase, die in den neunziger Jahren von einer hemmungslosen Expansion großer Kinoketten dominiert war. Die ungezügelte Bauwut einiger Unternehmen und das Gerangel um attraktive Standorte führten bis Ende 2000 zu einem wachsenden Überangebot an Kinosesseln, während der Besucherzuwachs hinter den unrealistischen Erwartungen mancher Investoren weit zurückblieb, die von jährlich 200 Millionen Kinogängern in der Bundesrepublik träumten. Die Branche ist ins Schlingern geraten; aber langsam findet sie auf den Konsolidierungskurs zurück.

Dabei hatte die Multiplex-Welle zu Beginn für eine Belebung des Geschäfts gesorgt. Nach Jahren des andauernden Besucherrückgangs führte sie Anfang der neunziger Jahre zu einem spürbaren „Strukturwandel“ und damit „zu deutlich ansteigenden Besucherzahlen und nahezu einer Verdoppelung der Umsätze in der Kinowirtschaft,“ wie der Multiplex-Verband Cineropa resümiert. So ging 1999 jeder dritte Kinobesucher in Großkinos, wogegen deren Anteil nur bei 17 Prozent des Bestandes lag. Eine Vielzahl neuer Projekte war in Planung. Noch zur Jahreswende 1999/2000 vermeldete die Fachzeitschrift "Filmecho/Filmwoche" weitere 60 Kinogroßprojekte - von Erweiterungen bis zu riesigen Megaplexen, die binnen zwei Jahren realisiert werden sollten: damit wären zusätzlich 500 neue Leinwände mit 100.000 Sitzplätzen entstanden, was die bestehende Kapazität nochmals um fast 15 Prozent erhöht hätte. Inzwischen aber ist der Bau von Multiplexen völlig zum Erliegen gekommen. Ihr Anteil am Markt ist nur noch moderat gestiegen auf heute 23 Prozent.

Wie präsentiert sich die deutsche Kinolandschaft nun nach diesen rasanten Veränderungen? Die angeschlagenen Konzerne versuchen, die Kosten zu senken, die verbliebenen Häuser zu halten und die Rentabilität zu steigern. In Einzelfällen lassen sich sinnvolle Konzentrationen beobachten. Beispiel Halle, mit 250.000 Einwohnern: hier hatten sich CinemaxX und Kinowelt Konkurrenz gemacht. Jetzt hat CinemaxX das Multiplex vom ehemaligen Kontrahenten übernommen, das nur ein Jahr bespielt wurde und seit Februar 2002 leer stand. Aufgrund der „Verdichtung“ habe man sich mit dem Vermieter auf ein "neuartiges Konzept" geeinigt, so CinemaxX-Sprecher Arne Schmidt.

Doch die Krise, zu der auch das Platzen der aufgeblasenen Börsenwerte beitrug, ist noch längst nicht für alle Marktteilnehmer ausgestanden. Die Hamburger Ufa-Theater GmbH & Co KG, immerhin die drittgrößte deutsche Kinokette nach CinemaxX und der Lübecker Kieft & Kieft-Gruppe, sieht sich seit Mitte Juni mit einer Räumungsklage für ein Ufa-Filmtheater in Osnabrück konfrontiert. Kläger ist die Düsseldorfer Ufa-Theater AG von Volker Riech, die vor allem als Kino-Immobilienvermieter aktiv ist. Es geht um nicht näher bezeichnete, ausstehende Mietzahlungen. Presseberichten zufolge soll es sogar bundesweite Räumungsklagen gegen die Hamburger Ufa geben.

Ein vom Hamburger Ufa-Geschäftsführer Stefan Lehmann ausgearbeiteter Rettungsplan werde vom Kino-Immobilienvermieter Volker Riech nicht mitgetragen, schrieb das "Handelsblatt" Ende Juni. Riech hält 45 Prozent der Hamburger Kette. Die beiden Fonds Apax Partners und Pricoa, die zusammen ebenfalls 45 Prozent halten, unterstützen den Sicherungsplan dagegen. Unklar soll dagegen das Verhalten der H.J. Flebbe Filmtheater sein, die mit zehn Prozent beteiligt sind. Schließlich hatte sich Hans-Joachim Flebbe, der Gründer der CinemaxX AG, im Herbst 2001 von der Ufa-Theater-Gruppe getrennt und damit die bereits besiegelte strategische Allianz der Branchenriesen revidiert. Nachdem in der Ufa-Sanierungsphase etliche Häuser geschlossen und die Miet- und Personalkosten gesenkt worden sind, tritt die Firma seit Spätsommer 2001 wieder als eigenständiger Anbieter auf.

Hintergrund des aktuellen Rechtsstreits ist die angespannte Finanzlage des langjährigen Kino-Marktführers Ufa. Um ein akutes Finanzloch von vier Millionen Euro zu stopfen, will das Unternehmen dem Vernehmen nach die Mietzahlungen für die rund 42 Ufa-Kinos mit 240 Leinwänden vorübergehend einstellen. Die Finanzkrise dürfte neben des flauen Sommergeschäfts vor allem durch die erheblichen Einnahmeausfälle infolge der Insolvenz des größten deutschen Vermarkters von Kinowerbung, der Düsseldorfer RMB Deutschland GmbH, verursacht worden sein. Die RMB hatte die Werbespots in den Ufa-Kinos vermarktet.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Kinokette derzeit laut Presseberichten über keine Kreditlinie verfügt. Einem "Spiegel"-Bericht zufolge hatte die Münchner HypoVereinsbank als Ufa-Hausbank nach spektakulären Pleitefällen im Kundenkreis wie Kirch und Kinowelt das Risiko senken wollen und im April den Kredithahn zugedreht.

Rote Zahlen schreibt weiterhin auch CinemaxX – trotz deutlich gestiegener Besucherzahlen. Die Zahl der verkauften Tickets sei im Vorjahr um 21,5 Prozent auf 22,6 Millionen gestiegen, bei einem um 19 Prozent erhöhten Umsatz (192 Millionen Euro). Weggebrochen sei dagegen das Auslandsgeschäft, wie das Hamburger Unternehmen mitteilte, so dass die AG für das Jahr 2001 einen Konzernverlust von 26 Millionen Euro ausweisen müsse.

Die Kinokette hat ihre ursprünglichen Expansionspläne im Ausland radikal zusammengestrichen und sich bis auf zwei Filmtheater in Dänemark aus dem Ausland zurückgezogen. Jetzt will man sich "verstärkt auf das Kerngeschäft in Deutschland konzentrieren". Die CinemaxX AG konnte im vergangenen Jahr ihren Personalstand von 2.200 nahezu konstant halten. Der Marktführer bei den Multiplexen betreibt 48 Kinos mit 90.000 Plätzen.

Sollten die eingeleiteten und größtenteils umgesetzten Maßnahmen greifen und die Besucherzahlen wie erwartet allgemein leicht steigen, erwartete der Vorstand im operativen Bereich ein positives Ergebnis. Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht, denn die Fortsetzung der vorjährigen Kassenschlager "Harry Potter" und "Herr der Ringe" sowie der neue James Bond-Film dürften im zweiten Halbjahr die Kassen rattern lassen.

Zumindest von Seiten des Publikums können die Kinobetreiber auf weitere Entlastung hoffen. Nach dem Rekordjahr 2001 boomt die Branche nach Angaben der Filmförderungsanstalt (FFA) weiter. Im Vergleich zum ersten Quartal 2001 stiegen die Umsätze um 6,3 Prozent auf 271 Millionen Euro im ersten Quartal diesen Jahres. Offenbar sahen viele Besucher gegen höheres Entgelt Filme mit Überlänge, denn die Besucherzahl ging zeitgleich um eine Million auf 45,2 Millionen zurück - ein Minus von 2,2 Prozent.

Die FFA gab in ihrem Quartalsbericht auch für die Kinowirtschaft Entwarnung. "Schaute die Branche im vorigen Jahr noch mit einiger Sorge auf den Rückgang von Kinoneubauten, so scheint der Abwärtstrend vorerst gestoppt," resümierte die Berliner Behörde. Im ersten Quartal hielten sich Neu- und Wiedereröffnungen beziehungsweise die Schließungen von Kinosälen die Waage. Unterm Strich stand sogar noch ein minimales Plus zum Vorjahr - die Gesamtzahl der Kinosäle stieg um 40 auf 4.795. Auffallend fand die FFA dabei vor allem, dass sich der Trend in Ost- und Westdeutschland angeglichen hat. Daraus, so FFA-Vorstand Rolf Bähr, könne der Schluss gezogen werden, dass sich der Saalbestand hierzulande offensichtlich stabilisiert.

Die positive Entwicklung des Kinobesuchs ist kein singuläres deutsches Phänomen. Die Zahl der Kinogänger stieg in Europa im Vorjahr im Schnitt um 9,4 Prozent auf 920 Millionen. Damit sei nun wieder der Stand der frühen achtziger Jahre erreicht, gab jüngst die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle in Straßburg bekannt. Dabei stiegen die Besucherzahlen in Deutschland am stärksten mit 16,7 Prozent. Eine Zahl, die der Branche insgesamt, vor allem aber den Multiplexen, neuen Auftrieb verspricht.

Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)

Schlagworte: Kino, Filmkultur

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