GRIP 13
11/1/1995
Wer ist der Sturzflieger - Du oder ich?
Lünen zum sechsten - „Ein Fest für deutsche Filme" oder „Bunte Hunde neben der Zeit"
Von Sathyan Ramesh
Ich mag gerne deutsche Filme sehen.
Selbst im mißlungensten gibt es eine kleine Genauigkeit, einen schönen Satz, einen kühnen Blick. “(Werner Ruzicka, Leiter der Duisburger Filmwoche und unersetzlicher Weggefährte des Kinofestes Lünen, in der „RheinART“)
Für Kinogänger gibt es keinen Grund, nach Lünen zu fahren. Wenn sie schon regulär nicht in deutsche Filme gehen, warum sollte sie dann ein Festival interessieren, das nur dem deutschen Film gewidmet ist?
Bei Filmliebhabern sieht die Sache anders aus. Für sie gibt es jede Menge Gründe, sich in Lünen umzutun: Sie sehen Werke, die es vielleicht nicht bis ins Kino schaffen - oder solche, die nicht überall oder zu kurz gezeigt wurden; sie werden liebevoll verwöhnt mit Sonderprogrammen - etwa mit spektakulären Kurzfilmnächten, Konzerten oder außergewöhnlichen Podiumsdiskussionen, die neue Sichtweisen ermöglichen. Und sie bewegen sich unter Menschen, mit denen man immer schon mal ein Bier trinken wollte (wozu man hier auch wirklich den Raum und die Zeit hat): etwa Jasmin Tabatabai, Joachim Król, Ingo Naujoks, Dietmar Bär oder Peter Lohmeyer.
Und Filmschaffende - müssen hin. Es führt kein Weg daran vorbei. Denn Lünen bietet etwas, das in der momentanen Situation für den deutschen Film unverzichtbar ist: Ein Forum zur öffentlichen Auseinandersetzung. Inwieweit allerdings nicht nur die Lust, sondern auch die Fähigkeit dazu in der Branche ausgebildet sind, wird sich erst noch erweisen müssen - aber dazu später.
Das Konzept der Veranstalter Elfriede Schmitt, Ute Teigler und Gerd Politt ist ganz klar umrissen und wird - das ist das Bemerkenswerte - konsequent durchgezogen: Alles daran setzen, daß deutsche Filme auf deutsche Leinwände gelangen; und wenn es auch manches Mal nur für einmal, nämlich in Lünen, diesem herrlichen Nest kurz hinter Dortmund, mit der hübsch bekloppten „Persiluhr“, nach der ein ganzes Hotel benannt ist, sein soll.
Vergleicht man Lünen ‘95 mit Hof‘95, so steckt David Goliath locker in die Tasche. Natürlich ist in Hof mehr Prominenz vertreten, natürlich liefen dort schon einige Filme, die dann erst nach Lünen gelangten, aber die Aktivitäten der. Veranstalter richten sich in Lünen sehr viel zielstrebiger danach, was dem deutschen Kino gut tun könnte - und was man als Firlefanz abhaken kann. Und ein Forum zur öffentlichen Auseinandersetzung... - aber dazu später.
Schnell ein paar Worte zu den Premieren von Lünen, zu jenen Arbeiten, die noch nicht offiziell bundesweit angelaufen sind. Da gab es Peter Schamonis spannenden Blick in Künstlerseelen, „Nikki De St. Phalle - Wer ist das Monster, Du oder ich? “, der den festlichen Auftakt bildete, sowie eine Welturaufführung zum Abschluß: Peter Bringmanns „Die Sturzflieger“, der leider wirklich so desaströs geraten ist, wie es alle schon vorab zu wissen glaubten. Dazwischen, in der Reihenfolge ihres Auftretens: Bogdan Domitrescus „Thalassa, Thalassa“; ein radikales und poetisches Drama, nicht für Kinder.
Martin Enlens „Roula“, den der Autor leider verpaßt hat.
Andreas Kleinerts „Neben der Zeit“, eine irritierende Liebesgeschichte und zugleich eine wundervoll gespielte Hommage an den deutschen Osten, wie er nie wieder sein wird.
Kadir Sözens „Kalte Nächte“ und M. X. Obergs „Unter der Milchstraße“, die der Autor ebenfalls nicht sehen konnte.
Mark Schlichters schon vielfach bejubeltes Straßendrama „EX“, das den Zuschauer allerdings nur so lange umklammert hält, wie der Film währt. Danach läßt er sofort los, weil Schlichter außer Bildern und Rasanz fast nichts zu bieten hat.
Und parallel zu den „Sturzfliegern“ lief nochmal der Überraschungshit von Hof, Hans-Christian Schmids stimmiger, rundum gelungener und auf sehr angenehme Weise tief berührender „Nach Fünf Im Urwald“, der sich nicht allzuviel vornimmt und umso mehr erreicht.
Außerdem: ein double feature musikalischer Dokumentationen (AFN und Knef satt), Kinderfilme (bahnbrechend: Lutz Dammbecks düsterer, poetischer „Herzog Ernst“), eine Kurzfilmnacht (diesmal enttäuschend, aber wenigstens gewann wieder einmal der bzw. die Richtige, Anja Neitzelt, den Publikumspreis für ihre schöne, oft als Klamauk mißverstandene Dokumentation „Mit einem Eimer Wasser“) und „Lünener Premieren“, genannt „EXTRAS“, also Filme, die bereits ihren Bundesstart, nicht aber ihre lokale Kür hinter sich haben (Andreas Glasners eitler „Die Mediocren“, Sepp Vilsmaiers übler „Schlafes Bruder“, Rainer Matsutanis überschätzter „Nur über meine Leiche“ und - überhaupt nicht perfekt, aber in Momenten unerreicht - Lars Beckers „Bunte Hunde“).
Und bevor eine der „Mediocren“, Frau Tabatabai eben, zur Feier des Festes mit ihrer Band „Even Cowgirls get the Blues“ ein Konzert gab, das ganz Lünen alle Schuhe auszog (the only word is WOW! ), bot der Samstag der Branche selbst ein Forum für öffentliche Auseinandersetzung...
Eindeutig das Motto des Workshops für und mit Förderern, Verleihern und Produzenten: “Kino gibt’s nur im Kino“.
Kampfansage. Richtig so. Sieben Stunden, siebzehn Referenten, siebzig Teilnehmer - zusammengehalten und so gut es ging geführt durch die grandios schlagfertige und herrlich doppeldeutige Moderation der Duisburger Ikone Werner Ruzicka. Viel Holz, zuviel für einen Tag, für eine Runde, für siebzig Haltungen. Aber das ist nicht der Grund, warum die diesjährige Tagung mit explizitem Themenschwerpunkt Marketing weniger brachte als die des vergangenen Jahres. Jene, bei der ein unscheinbar wirkender, aber mit Geist und Humor reich gesegneter Werbeprofi namens Fritz Iversen das Forum beflügelte, indem er unkonventionelle Ideen für die Vermarktung deutscher Filme unters Künstlervolk jubelte, und während der immer wieder jäh ein Streit zwischen Kinomachern, Kinoliebenden und Kinobesitzern vom Zaun brach. Nein, der Grund, warum der Workshop diesmal allzu seriös geriet, ist gerade, daß diesmal kein Streit entfacht wurde. Professionelle Selbstdarsteller (Dieter Kosslick, Klaus Keil - Bewahrer der einschlägig bekannten Fleischtöpfe in NRW und Brandenburg) durften unwidersprochen sich selbst darstellen, Marionetten der Majors (Christoph Olt von Buena Vista) den Lehnsherrn als Schutzengel deutschen Filmschaffens preisen, und ein Therapeut und Kinoforscher, Dr. Dirk Bloth- ner, teilte den versammelten Profis tiefenpsychologische „Kriterien für einen Erfolg“ mit, die seit Asta Nielsen altbekannt sind und die jedermann bei Field oder Goldman nachlesen kann - Autoren, von denen unser Kinoforscher zugegebenermaßen noch nie gehört hatte. Ansonsten: Routiniertes von Iversen (ebender), Informatives vom TIME Filmverleih über die Herstellung und Vermarktung besagter „Leiche“, Mild-Zorniges von Mike Wiedemann über die befremdliche Haltung vieler Förderungsantragssteller - und ein kurzer, leider rasch verpuffter Wutausbruch des Schauspielers Peter Lohmeyer, der seinen eigenen Auftritt in Beckers „Bunte Hunde“ coproduzierte und der sich im nachhinein vom Verleih KINOWELT, der keine Idee zur Vermarktung des Films mitbrachte, glatt „verarscht“ fühlte.
Das Problem: ob kompetent oder anbiedernd, ob persönlich betroffen oder von höchstem Roß herunter - jedem der Referenten lauschten die 69 anderen gleich interessiert, bzw. abgeklärt. Wo die Veranstalter, die mit Hirn, Herz und Kraft jedes Jahr die in dieser Form einmalige Möglichkeit zu Austausch und Auseinandersetzung bieten, auf die Streitkultur der Anwesenden angewiesen sind, ließ man sie dieses Jahr weithin im Stich. Jeder für sich und Gott gegen alle?
Verstehen wir uns bitte richtig: Es ist nicht überflüssig, wenn sich siebzig Menschen aus unterschiedlichen Bereichen desselben Metiers zusammenfinden und sieh bloß auslauschen, wo Konkretes allzu fix sowieso nicht resultieren kann. Doch die Art, mit der hier beinahe permanent aneinander vorbeigeredet wurde, und die Trägheit, mit der die Anwesenden das durchgehen ließen, noch das lascheste Argument, noch die gröbste Vereinfachung im Raum stehen ließen, stimmen mehr als bedenklich.
Hoffen aufs nächste Jahr: Vielleicht kommen dieselben Teilnehmer wieder, und vielleicht wissen sie etwas genauer, was sie von einem derart epischen Meeting erwarten.
Und wenn sie gar nicht wirklich zusammenarbeiten, zusammen etwas erreichen wollen, dann bleibt ihnen nur, sich die Haltung desjenigen anzueignen, der den besten Film 1994 und den besten 1995 schuf. Der verhindert war, aber hier hingehört hätte. Und der Selbstdarstellern und Marionetten nur noch so wenig wie möglich zuhören will: Dominik Graf, gestrauchelt mit „Die Sieger“, in Köln und Hof triumphal zurückgekehrt mit „Frau Bu lacht“. Kürzlich hat er sich zur Branche geäußert:
„In der Branche ändert sich bestimmt dauernd irgendwas und das ist auch in Ordnung so - ist mir aber im Grunde nicht so wichtig. Ich denke: einfach machen. Keine Ausreden. Keine Gremien, keine lauthals propagierten Trends, keine Funktionärsherrlich-Q- keil, kein fehlendes Geld kann einen letzten Endes daran hindern, richtig gute Filme zu machen. Wenn es nicht der erste Stoff wird, dann den nächsten versuchen. Immer weitermachen. Was zählt sind die Filme. Kleine oder große wunderschöne Geheimnisse. “
Dann wollen wir uns bescheiden. Bis zum nächsten Jahr.
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: Festival
