GRIP 13
11/1/1995
Dramaturgie - Ein Erstsemesterbericht von der HFF, Berlin
Von Eckhard Wolff
Die Einführungsveranstaltung hatte etwas vom Glamour einer Oscar Verleihung. Mehrere Kameras waren auf uns gerichtet, die Scheinwerfer blendeten für den kurzen Augenblick des Auftritts, während man vom Studiengangsleiter mit den Worten: „Hiermit sind sie immatrikuliert“ zum Ritter geschlagen wurde. Der Rektor hatte vorher von einem „Sechser im Lotto“ gesprochen und die Kameras mit der willkommenen Gelegenheit für eine Livekamera- Übung begründet. Trotz des scheinbaren Aufwandes und den überschwenglichen Worten, wirkten die Dozenten und Professoren nicht wie ferne Autoritäten, sondern wie jederzeit ansprechbare, mehr oder weniger kompetente Gesprächspartner. Wir waren eine große Familie, die in unterschiedliche Studiengänge, also lauter kleine Familien, aufgeteilt wurde. Wir, vom Studiengang „Film- und Fernsehdramaturgie“, sind ganze sechs Student/innen, zwei Frauen, vier Männer.
Ein knappes dreiviertel Jahr vorher hatte ich meine Unterlagen, sprich meine Mappe, mit Geschichten, Treatments und Filmanalysen abgegeben, die ich teilweise mit der tatkräftigen Unterstützung der „Script-Factory- Frankfurt“, geschrieben hatte. Die regelmäßigen Termine für die Analysen und Besprechungen meiner und anderer Geschichten waren für mich oft notwendige Motivation, um meine Texte überhaupt zu erstellen und meine Storys zu erzählen. - Ein Vierteljahr nach der Einsendung der Mappe hatte ich auch die mündliche Prüfung vor Ort bestanden und war somit endgültig angenommen.
Nach der offiziellen Einführungveranstaltung sollten wir uns am nächsten Tag mit selbstverfaßten Geschichten den Kommilitonen und Dozenten vorstellen (letztere hatte ich das letzte Mal vor einem halben Jahr, erstere hatte ich am Vortag das erste Mal gesehen). Die Texte zeigten sofort das breite Spektrum und das kreative Potential unserer Klasse. Ich fühlte mich an alte Zeiten in der Script-Factory erinnert, mit dem Unterschied, daß wir uns damals schon vorher unsere Geschichten zugeschickt hatten, damit sich jeder Stichpunkte zu den jeweiligen Texten machen konnte, während wir uns hier unsere Geschichten selbst vorlasen und die Reaktionen spontan und direkt kamen. Diese, jedesmal wieder spannende Prozedur des Vorlesens, sollte sich ab jetzt jeden Freitag wiederholen. Als fester und für die meisten von uns auch wichtigster Bestandteil des Vorlesungsplanes, ist dieser Tag fast ausschließlich dem Geschriebenen Vorbehalten. Unter Überbegriffen wie „Erkennung/Verkennung“ entwickelten wir Ideen und gaben daraus entstandene Kurzdrehbücher zur Beurteilung innerhalb der kleinen Runde der anderen fünf Kommilitonen und dem Dozenten frei. Filmbeispiele, von „City Lights“ von Charlie Chaplin bis „Das Apartment“ von Billy Wilder, betrachteten wir unter dramaturgischen Gesichtspunkten und als konkrete Beispiele für das Erkennungs-/Verkennungsmodell, daß schon der alte Aristoteles erkannt und publik gemacht hatte.
Aristoteles trafen wir auch in einem der wenigen Fächer an, in dem der Film nicht im Vordergrund steht, der „Historischen Dramaturgie“. Hier untersuchten wir allerdings, bevor wir zu den alten Griechen kamen, vorerst die Besonderheiten der asiatischen, also der historischen japanischen und chinesischen Theaterkultur, mit ihren - bezeichnend für die Geduld der Asiaten - bis zu 55 Akten und der „Ärmelsprache“, die Gefühle beschreibt, die nur derjenige erkennen kann, der sich mit den formalen Bedeutungen von Gesten und Bewegungen auseinandergesetzt hat.
In „Filmgeschichte“ werden die verschiedenen historischen Stilrichtungen durch Vorlesungen (in unserem Fall durch einen typisch zerstreuten Professor) und Referate von Kommilitonen analysiert. Auch hier sind mindestens ein komplettes Filmbeispiel und viele Filmausschnitte Teile der Übung. Vom archaischen Kino über das nordische Kino mit Sjöström, das frühe Hollywood-Kino mit Griffith, den deutschen Expressionismus mit Wiene, den Kammerspielfilm mit Murnau über den französischen Impressionismus mit Gance bis zum russischen Montagefilm mit Eisenstein und Pudovkin reichten bis jetzt die Themen.
Ein zweites Fach, daß, vielleicht noch vor „Filme schreiben“, auf der Beliebtheitsskala ganz oben steht, ist „Filmästhetik“. (Ein Phänomen, daß sicher mit der kompetenten und engagierten Arbeit des Professors zu begründen ist. ) Die Kunst des Filmemachens wird hier anhand der über die Synthese der klassischen Künste hinausgehenden, verschiedenen filmischen Mittel, untersucht. Die Bedeutung der bewegten Bilder (Authentie u. Fiktion), der filmischen Einstellung (Identifizierung mit dem Objektiv der Kamera), des Lichtes in Bild und Raum (erzählende Stimmungen) und der Montage in all ihren Formen wurde uns auch hier durch ergänzende Filmbeispiele deutlich gemacht.
In „Medienkunde“ sind die Auswirkungen der Medien (insbesondere des Fernsehens) auf den Zuschauer hauptsächlicher Bestandteil der Vorlesung. Thesen verschiedener Medienwissenschaftler, z. B. über die Auswirkungen der Gewalt in den Medien und der irrealen Wahrnehmung des Fernsehens als Wirklichkeit, wurden gegenübergestellt.
Bei „Fachsprachen“ kann man wählen, ob man in Englisch, Französisch oder Russisch sein filmisches Fachvokabular auffrischen will.
Was in „Literatur“ eigentlich gemacht wird, weiß keiner so recht, hier wird noch am Konzept gearbeitet. So lange erinnert das Seminar, mit einer wirklich an Frau Löffler erinnernden Dozentin, an ein „Literarisches Quartett“ für Arme.
Weitere wichtige Punkte an der Filmhochschule, die über die Studieninhalte hinausgehen, sind die Kontakte zu den Kommilitonen anderer Fachrichtungen und höherer Semester. Zu den Regisseuren, den Kameraleuten und den Medienkundlern des 1. Semesters bestehen, da wir alle im selben Gebäudetrakt sitzen (und uns gut verstehen), erfreulich gute Kontakte, und das gegenseitige Interesse verspricht auch zukünftige Zusammenarbeit. Leider sind die restlichen Studiengänge weit über mehrere Gebäude in Babelsberg verteilt, und auch die höheren Semester bekommt man selten zu Gesicht. Deshalb wurde jetzt von uns Dramaturgen eine Hochschulzeitung ins Leben gerufen, die die Kommunikation unter den Studenten verbessern und vor allem uns Schreibenden ein Forum bieten soll. Der Kontakt zu den professionellen Filmproduktionsfirmen und Fernsehanstalten wird, über die Eigeninitiative der einzelnen Studenten hinaus, durch die alljährliche Filmmesse an der Hochschule ermöglicht. Redakteure und Produzenten haben hier die Möglichkeit, Werke der Studenten zu begutachten und die Studenten können in direkten Kontakt mit den (hoffentlich) zukünftigen Partnern in der Filmindustrie treten. - Gute Aussichten!
Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)
Schlagworte: Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Drehbuch
