GRIP 03
10/1/1992
Politik - Dieter Nolte und Karl Dörr - In Sachen Film
Für den SPD-Abgeordneten Dieter Nolte war es sicher nicht Liebe auf den ersten Blick. Als der 51jährige nach langen Jahren in der Kommunalpolitik im vergangenen Jahr in den hessischen Landtag gewählt wurde, übertrug ihm die Partei gleich auch die Filmpolitik als Sachgebiet. Nolte muß nun das Loch füllen, daß der langjährige SPD¬ Filmexperte Hartmut Holzapfel hinterließ, als der zum Kultusminister aufrückte.
Von Gabriele Juvan
Der 51jährige Sozialarbeiter aus dem südosthessischen Bad König weiß, daß er gegen die Fach- und Branchenkenntnis seines Vorgängers Holzapfel derzeit nicht antreten könnte. Wenn Holzapfel auch in Cannes gesichtet werden konnte, so dürfte es das bei Nolte wohl kaum mehr geben... “Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, ” gibt Nolte ehrlich zu. Als sich nach der Wahl niemand in der SPD an das Fachgebiet und an Holzapfels Fußstapfen heranwagen wollte, war der Neu-Parlamentarier, der mit Film durch die Jugendarbeit in Berührung gekommen ist, aber immerhin bereit, sich der neuen Materie anzunehmen. In dem 41jährigen Karl Dörr, seinem Wahlkreis-Nachbar aus Groß-Umstadt und ebenfalls neu im Landtag, hat sich Nolte jedoch einen Kino-Fan geangelt, der sich mit ihm gemeinsam um die Belange des Films in Hessen kümmern will. Beide sitzen für die SPD im Parlamentsausschuß Wissenschaft und Kunst, in dem auch Filmfragen verhandelt werden.
Für Nolte und Dörr ist klar, daß Hessen kein Kino-Land par excellence ist. Dazu sei man zu spät eingestiegen und könne sich auch mit den traditionellen Kino Standorten Berlin, Hamburg, München und Nordrhein-Westfalen nicht messen.
Angesichts der starken Konzentrationen im kommerziellen Bereich, kann Hessen nach Auffassung von Dieter Nolte “nur noch an bestimmten Stellen einsteigen”.
Dies wären für ihn - die Förderung junger Filmemacher, - die Förderung neuer Kinos, besonders auf dem Land, sowie - in Einzelfällen Unterstützung für grössere Projekte bekannter Personen aus Hessen.
Filmförderung, schränkt Karl Dörr ein, könne jedoch nicht heißen “jeden Schinken zu fördern, in dem Hessen vorkommt”.
Beiden ist es wichtig, einmal zu sichten, in welchen Ministerien Film-Aktivitäten angesiedelt sind, und danach über mögliche Kooperationsformen nachzudenken.
So sei das Ministerium für Wissenschaft und Kunst für den kulturellen Film und die existierende Filmförderung in Höhe von insgesamt rund zwei Millionen Mark zuständig. Im Wirtschaftsministerium müßte Film als Wirtschaftszweig berücksichtigt werden sowie eine Förderung, um den Arbeitsplatz Hessen kulturell attraktiver zu machen. Und schließlich gehörten heute der Landesfilmdienst und andere Bereiche des Jugendfilms zum Ressort von Sozialministerin Iris Blaul. Alle diese Ressorts würden Dieter Nolte und Karl Dörr gerne an einen Tisch bringen, um gemein sam mit den Filmschaffenden über ein hessisches Gesamt-Konzept für Film zu diskutieren. Die beiden Sozialdemokraten lassen jedoch keinen Zweifel daran, daß Interesse und Initiative dafür von den Filmschaffenden ausgehen müsse. “Wir haben Ambitionen”, sagt Karl Dörr. Um jedoch in Wiesbaden tätig zu werden, brauche man Bündnispartner, mit deren Hilfe man sich ein Bild über die Bedürfnisse des Films in Hessen machen könne. Schließlich sei Film nur ein kleiner, exklusiver Bereich in der gesamten Kulturpolitik.
Wenn Ideen und Konzepte vorhanden sind, meint Dörr, lasse sich auch über Geld reden. Daß dies geht, beweist er an seinem eigenen Beispiel, in Groß-Umstadt, seinem Heimat-Städtchen mit rund 20. 000 Einwohnern, macht sich Dörr derzeit für ein Kommunales Kino stark. Vorerst sollen die Voraussetzungen dafür im Jugendzentrum geschaffen werden, später soll das Groß-Umstädter KoKi ins geplante Kulturzentrum im Pfälzer Schloß umziehen. Eine Arbeitsgruppe aus jungen Leuten tüftelt bereits am Programm, in dem neben KoKi-Repertoire auch Platz für Glamour-Kino sein soll. Für Dörrs Parteikollegen Dieter Nolte ist dies ein gutes Beispiel für die von ihm angestrebten Kooperationsmodelle: Die Kommune tritt als Träger auf und schafft die notwendigen Voraussetzungen, ein Verein betreibt da nach das Kino in eigener Regie. Notwendige Gemeinschaftsentscheidungen trifft ein Beirat, in dem beide vertreten sind. Als Beispiel dafür, wie man Chancen verschenkt, nennt Nolte dagegen das fehlende Auftreten der hessischen Filmleute in eigener Sache: Gerade in finanziell noch rosigeren Jahren sei man nicht nachdrücklich genug und vor allem nach Arbeitsbereichen zerstritten in Wiesbaden aufgetreten. Dies räche sich jetzt, wo die ohnehin spärliche Fördersumme von zwei Millionen Mark gerade noch einmal dem Rotstift entronnen ist...
Der erste Film, an den sich der 51jährige SPD-Abgeordnete Dieter Nolte erinnert, wurde von der Barmer Mission gedreht und handelte von den Papuas auf Neuguinea. Kino war weit weg vom 300-Einwohner-Dörfchen in Westfalen, und für den kleinen Dieter kaum erschwinglich. Ein mal in der Woche wurden im Gasthaussaal oder in der Kirche jedoch Filme des Amerikahauses in Paderborn oder der Mission gezeigt, was die christlich orientierten Eltern Nolte lieber erlaubten, als den Gang ins Kino.
Noltes Parteikollege Karl Dörr erinnert sich noch gern an die “Fuzzi”- Filme, Western mit einem komischen Titelhelden, die in seiner Jugend der große Renner waren. “ Ich glaube, ich habe alle Randolph-Scott-Filme gesehen, ” sagt Dörr, der sich noch gern an den sonntagnachmittäglichen Gang ins Kino erinnert. Von damals ist ihm seine Liebe zum “Plüsch-Kino” geblieben, das im Gegensatz zum Fernsehen viel mehr Erlebnischarakter habe.
Da es heute in Groß-Umstadt kein Kino mehr gibt, mußte Dörr nach Darmstadt fahren, um sich Kevin Costners ROBIN HOOD anzusehen - den letzten Film, den er im Kino gesehen hat. Dieter Nolte sieht dagegen Filme meist im Fernsehen oder wird von seinen Kindern als Chauffeur eingesetzt, wenn sie vom heimischen Bad König-Zell nach Höchst oder Erbach ins Kino wollen. Das meint Nolte, mögen sie lieber als die heimische Glotze.
In Bad König könne das örtliche Kino nur noch durch die Kurgäste überleben. Trotz dem spüren die Einwohner gelegentlich auch den Hauch einer anderen Kino-Welt: Dann nämlich, wenn der Offenbacher Film-Professor Helmut Herbst mit seinen Studenten im heimischen Odenwald arbeitet, oder wenn die in Bad König ansässige Rebecca Horn zwischen ihrer Arbeit in Berlin und Paris gelegentlich auch ein mal zu Hause vorbeischaut.
Kategorie: Personenportrait (GRIP FACE)
Schlagworte: Filmpolitik, Politiker*in, Filmförderung, Kulturförderung
