GRIP 03

10/1/1992

Neue Filme - Work In Progress

Von Redaktion / diverse

Urs Breitenstein

TAGESFILM

Zum Filmprojekt (1983):
Jeden Arbeitstag, fast auf die Minute ge­nau, kommt ein Mann mittags zum Essen nach Hause. Noch auf der Straße steigt er vom Mofa, schiebt es über den Gehsteig und Vorplatz, stellt es vor dem Haus auf den Ständer, schließt den Benzinhahn, steigt die drei Stufen zum Eingang hoch, holt den Schlüsselbund aus der Hosenta­sche, öffnet den Briefkasten, entnimmt manchmal etwas, schließt wieder, geht ein paar Schritte zur Tür, drückt den Licht­schalter, sucht den Schlüssel im Bund, öffnet die Tür, tritt ein und geht die Treppe hoch, während die Tür selbsttätig schließt.
Meist öffnet einmal während dieser Zeit seine Frau das Küchenfenster im ersten Stock, hält nach ihrem Mann Ausschau und schließt das Fenster wieder hinter sich. Auch während ihr Mann fast auf die Minute genau wieder in der Tür erscheint, nochmal nach der Post schaut, zum Mofa geht, den Gürtel schnallt, den Benzinhahn öffnet, das Mofa antritt, vom Ständer hebt und über den Gehsteig auf die Straße schiebt, aufsitzt und aus dem Bild fährt, erscheint die Frau meist kürzer oder länger am Fenster. Gibt er Zeichen, ob Post da ist, winkt sie ihm zu, bevor sie das Fenster wieder hinter sich schließt. Dieses Kommen und Gehen an sieben Tagen bei unterschiedlichem Wetter mit unterschiedlichem Material gefilmt, stumm, im immer- gleichen Bildausschnitt.
Einige Passanten auch, Hausbewohner, die ein- und ausgehen, der Briefträger.
Das Bildmaterial durchkneten jetzt, die Handlungsabläufe analysieren bis in die einzelnen Gesten hinein, das Immergleiche und das jedesmal Andere herausarbeiten, die Handlungsstränge miteinander verzahnen, die unterschiedlichen Phasen mit entsprechenden Montageprinzipien durchsichtig machen, die sieben Tage zu einem machen, der alle des Lebens ent­hält. Verdichten und klären gleichzeitig, dem Filmmaterial eine geformte sinnliche Präsenz geben, die ausstrahlt, vielschichtig.
Den verschiedenen Bildtagen Tonatmo­sphären zuordnen, die Geräuschkulissen bilden, deren Quellen am Bildort, aber außerhalb des Bildausschnitts zu liegen scheinen, während die Ereignisse im Bild selber stumm bleiben.
Immer wieder auch das Fehlen von Ton überhaupt, was in fast schmerzhafter Weise Distanz schafft, während die Tonathmosphären den Raum zwischen Betrachter und Betrachtetem wieder aus­ füllen. Das Bild in Ton betten und wieder alleine stehen lassen, hin und her pendeln zwischen emotionaler Anteilnahme und distanzierter Betrachtung.
Alltag, geordnet, das Immergleiche, aber auch die Variationen. Arbeitstage, aber auch eine Art Liebesgeschichte, geschrieben Tag für Tag. Der graue Alltag und doch nicht.
Das Abgefilmte zum Film verarbeiten, daß einem die Augen aufgehen für das, was da ist, täglich.

Nach der Montage (1992):

TAGESFILM ist ein konventioneller Film im Sinne der klassischen Avantgarde, auf unterschiedlichem Filmmaterial gedreht, in Licht und Schärfe springend, eine fotografische und akustische Ruine von Anfang an und doch zwischen 1983 und 1992 sorgsam montiert.

Urs Breitenstein

 

Im Museum für Moderne Kunst

Frankfurt sind vom 12. September bis 29. November zwei Installationen und am 7. Oktober, 20 Uhr, sowie am 11. November, 18 Uhr, eine Werkschau mit Filmen von Urs Breitenstein zu sehen. Der TAGESFILM wird am Freitag, dem 9. November, 18-22 Uhr und Samstag/Sonntag, 11. /12. November von 11-18 Uhr im Portikus Frankfurt in Anwesenheit des Künstlers als Endlosprojektion (während der Öffnungszeiten) vorgeführt werden.

  

Dagmar Kamlah

AUSZUG

Meinem Film AUSZUG liegt ein Text zugrunde, herausgerissen aus einem Roman von Alfred Kubin. Ich habe versucht, die Mechanismen einer Textillustration gegen den Text zu wenden. Der Romanprota­gonist schildert recht knapp die Stationen einer langen Bahn- und Schiffsreise. Text und Inszenierung verlaufen gegeneinan­der, die Reise findet nur in der Sprache, nicht in den Bildern statt. Zu sehen ist der isolierte Reisezustand - ein Ehepaar im Zugabteil, auf einem Schiff. Im Fensteraus­ schnitt zieht der ICE vorüber. Draußen fahren die Züge, die Reisenden im Film kommen nicht vom Fleck. Im Zitat der Reise bleibt der vom eigenen Bewußtsein kontrollierte Reisende stecken. Seine Vorurteile gegen andere Völker, sein Mißtrauen, seine Unfähigkeit zur Wahrnehmung spricht der Text aus.

Anläßlich der Frankfurter Uraufführung von, AUSZUG habe ich für die Reihe "EXpanded Screen" im Kommunalen Kino des Deutschen Filmmuseums ein Programm zusammengestellt, das verschiedene Formen des gesprochenen Kommentars zeigt. Die Auswahl ist subjektiv; es handelt sich um Filme und Texte, die mich berührt haben.

Dagmar Kamlah

 

EXpanded Screen, Premiere von Dagmar Kamlahs Film AUSZUG am 11. November, 20 Uhr im Kommu­nalen Kino des Deutschen Filmmuseums.

Im Programm sind zu sehen:

- Ulrich Sappok: DER NARRATIVE FILM, BRD 1988

- Tamas Szentjoby: A KENTAUR, Ungarn 1975 - Luc Moullet: LES HAVRES, Frankreich 1983

- Peter Nestler: AM SIEL, BRD 1962 - Ferdinand Khittl: DIE PARALLELSTRASSE, BRD 1961

- Dagmar Kamlah: AUSZUG, BRD 1992

 

 

Dieter Marcello

ALBERT KAHN -

ARCHITECT OF MODERN TIMES

1938 stammt beinahe jeder fünfte Entwurf aller von Architekten entworfenen Bauten in den USA aus einem einzigen Büro, dem von Albert Kahn," Architect & Engineers".
Er ist zusammen mit dem Aufstieg Ameri­kas zur Welt- und Wirtschaftsmacht Nummero Eins groß geworden und hat selbst daran einen überragenden Anteil.
Jude, 1869 in einem kleinen Nest in Deutschland geboren, vom elften Jahr an keine Schule mehr besucht, mit dem Traum von einer Karriere als Pianist, begabt mit einem großen zeichnerischen Talent, trägt er doch vom Zeitpunkt seiner Ankunft in Amerika an ein Gutteil der Verantwortung für das Auskommen seiner Familie und insbesondere das seiner acht jüngeren Geschwister. "A short man", erinnern sich übereinstimmend, die ihn kannten. Mit 21, ein Jahr Wandern, Zeichnen in Europa; wie ganze Generationen begei­sterter und ehrgeiziger Architekten die Formensprache der europäischen Rennaissance eintragen in das Antlitz der Städte Amerikas: Warenhäuser und Villen, Bürobauten, Tempel, Theater und allemal - Banken.
Reinforced Concrete, Stahlbeton - Kahn soll ihn erfunden haben.
Keiner hat so zielstrebig wie er damit das Fundament errichtet für die dynamische Entwicklung einer ganzen Stadt - Detroit, einer ganzen Industrie - der Autoindustrie, und am Ende für den Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Für El Alamein sei nicht er, der General verantwortlich, son­dern Kahn, aus dessen Chrysler-Tank Arsenal in Detroit sechs Monate vor dem Plan die Panzer rollten, die den Alliierten den Brückenkopf nach Europa ermöglicht haben. Und an seiner Traktorenfabrik Nummer Vier in Stalingrad kam schließ­lich Guderians Vormarsch zum Stehen. Darüber der Film.

Dieter Marcello

Dieter Marcello ist zur Zeit mit der Endbearbeitung des oben beschriebenen Dokumentarfilms - 35mm, 90 Minuten - befaßt. Der Film wird finanziert mit Mitteln des Bundesfilmpreises und der Baden- Württembergischen Filmförderung. Die Premiere ist für Dezember 1992 in den USA anläßlich des 50. Todestages von Albert Kahn geplant.

 

King Kong Kunstkabinett

UNGEWÖHNLICHER AUFENTHALTSORT EINES KLEINEN ULYSSES

Wir arbeiten zur Zeit in München und Frankfurt an einem poetischen Film mit dem Titel UNGEWÖHNLICHER AUFEN­ THALTSORT EINES KLEINEN ULYSSES. Der Film wird ca. 30 Min. lang werden und vermischt Zeichentrick, Puppenanima­tion, Fremdmaterial und Realfilm. Es geht um die Verkehrung identitätsstiftender Fra­gen. Das traditionelle 'wo komme ich her, wo gehe ich hin' verbiegt sich unter den Bedingungen rasender Geschwindigkei­ten zu 'wo bin ich? '. Der Eingriff/Unfall wird zum Kulminationspunkt. Der Film beschreibt die Ortslosigkeit im Verlauf karthartischer Zustände, dem das filmische Subjekt leidend ausgesetzt ist. Parallel werden zwei Reisebewegungen demon­striert. Einmal die Auswanderungsinitiative hin zu fremden Gestirnen, zum anderen Reisen durch und in Eis und Schnee. Die eine Reise handelt von der Suche nach visionären Orten, die andere meint die Anstrengung nach einem Körper.

Ulrich Zierold / KKK

 

Klaus Gietinger

Derzeitige Projekte:

- Drehbücher zu zwei Folgen einer neuen TV-Serie (je 52');

- Drehbuch, Regie bei drei Kurzfilmen für ein neues TV-Magazin des Hessischen Rundfunks (Titel: ZEITSPRUNG);

- TV-Spot für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung;

- Vorbereitung zu einem neuen Kinospiel­ film: FREIBEUTER UND LANDJÄGER.

 

 

Manfred Seiler / Peter Petersen

SAND

SAND versucht mit Hilfe visueller Metaphern den Kampf des Menschen gegen die Vergänglichkeit aller Dinge und damit letztendlich auch den Kampf gegen den eigenen Tod in einer dramatischen Story zu zeigen.
Der Film beschreibt eine Welt des Zerfalls, die in vielleicht ferner Zukunft liegt. Die Bauten und Errungenschaften des Men­schen fallen der Zeit ebenso zum Opfer, wie die Idee einer unsterblichen Mensch­heit. Dies wird nicht mit Darstellung der üblichen Endzeitkatastrophe geschehen, sondern der 'Zahn der Zeit' selbst läßt mit unendlicher Geduld auch scheinbar un­zerstörbares zu Sand werden.
Gegen dieses Prinzip des Verfalls, wel­ches der Sand hier symbolisiert, widerstrebt das Prinzip des Lebens, das zu immer komplexeren Formen strebt, zur Ordnung von Materie. Selbst der Sand, die an sich unbelebte Materie, erscheint organisiert in einem phantastischen Formenreichtum von Dünen, Verwehungen und anderen Strukturen, den Gesetzen der Physik fol­gend.
Trotz Not und der Mühe ihrer Existenz hadern die Personen in SAND nicht mit ihrem Schicksal. Ähnlich den Oasenbauern in der Sahara, die nach jedem Sandsturm ihre Brunnen und Felder wieder ausgra­ben müssen, sind sie von einem Gleichmut erfüllt, der sie ihr Leben ertragen läßt. Sie klagen nicht, denn sie ahnen, daß die Natur weder gut noch böse ist.
Der Film verbindet Motive und Symbole des Existenzialismus und des absurden Theaters mit Elementen des Science-Fiction­ Films, einer modernen Erzählstruktur und Sicht auf unsere Welt.
Konsequent wird auf den Einsatz von Dialog verzichtet. Der Film erzählt seine Geschichte auf rein visuelle Weise. Die Kamera wird nicht nur zur Illustration einer Handlung benutzt, sondern wird zum Vermittler von Emotionen und Ideen. Doch SAND ist kein Stummfilm. Der Ton hat eine wichtige Funktion: Er synchronisiert nicht nur die Geschehenisse auf der Leinwand, sondern verstärkt oder konterkariert das Bild.
SAND ist der erste Teil einer geplanten Anthologie von vier Kurzfilmen mit dem Arbeitstitel DIE ELEMENTE. Die anderen drei Teile werden nach SAND in Produk­tion gehen und von verschiedenen Regis­seuren inszeniert werden.

Seiler/Petersen

 

Daniel Zuta Filmproduktion

Die folgenden Filmprojekte sind zur Zeit in der Endproduktion:

- WARUM WIR HIER SIND? Regie: Sam Davis, Kamera: Jörg Jeshel 45 Minuten, Dokumentation, 16mm. Warum Juden nach dem Krieg in Deutschland geblieben sind. WDR/BBC/Presseamt/Bundeszentrale für politische Bildung

- MIT DEM STREIFENWAGEN DURCH DIE USA Kamera, Regie: Fred Prase, Schnitt: Thomas Giefer 90 Minuten, Dokumentation, Prof. -S/ 35mm Sechs Monate von Küste zu Küste, US- Polizisten hautnah bei der Arbeit beobachtet. WDR/BR/Pandora-Film

- BARMHERZIGE SCHWESTERN Regie: Annelie Runge, Kamera: Jan Malir 90 Minuten, Spielfilm, 35mm Warum morden Krankenschwestern? WDR/ARTE/HFF/NRW Filmstiftung Folgende Projekte stehen vor ihrem Dreh­ beginn:

- TWO SMALL BODIES Regie: Beth B. 80 Minuten, Spielfilm, 35mm mit James Remar, Anna Thomson, nach einem Theaterstück von Neil Bell Drehbeginn: November 1992 ZDF/ARTE/Cineville

- LENI Buch, Regie: Leo Hiemer 90 Minuten, Spielfilm, 35mm Drehbeginn: Februar 1993 HFF/Ba-Wü/Kuratorium/SDR/WDR

 

Reinhard Kahn

hat seinen No-Budget-Film NACHSCHLEPPENDE NERZE UND VERLÄNGERUNGS­STANGEN DER BEWEGUNGSWERK­ZEUGE fertiggestellt, an dem er seit 1989 gearbeitet hat.
Es handelt sich bei dem 62-minütigem Schwarz/weiß-Film um Szenen aus dem Alltag eines Tanzinstitutes, die, obwohl inszeniert, gleichsam dokumentarisch ver­wendet werden.

Jetzt werden Mäzene für die Finan­zierung einer Kopie gesucht!
Bitte wenden Sie sich direkt an R. Kahn, Humboldtstraße 22, 6000 Frankfurt 1.

 

Charlie Weller

"Von Vietinghoff Filmproduktion" realisiert in Frankfurt einen Spielfilm. Drehzeit ist November bis Dezember 1992.
Buch und Regie: Charlie Weller.
Leider kann über Titel und Inhalt des geplanten Filmes noch nichts veröffentlicht werden.
Allerdings: Es werden noch Kom­parsen und Darsteller für kleinere Rollen gesucht.
Wer also Interesse und Lust hat in einem Film von Charlie Weller (SCHLAMM­ BEISSER) mitzuwirken, der wende sich mit Zuschrift und Bild an das Filmbüro Hessen e. V., Schweizer Straße 6, 6000 Frankfurt 70. Die Zuschriften werden an die Filmproduktion weitergeleitet.

 

 

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Dreharbeiten, Filmproduktion

Artikel im PDF aufrufen