GRIP 03

10/1/1992

Many Dreams Of Many Gardens

In den vorigen Jahrhunderten waren Gärten selbstverständliche Stätten der Kunst: In ihnen standen Skulpturen und Plastiken, Konzerte wurden aufgeführt, in eigens entworfenen Orangerien lasen Dichter, der Sonnenkönig Ludwig XIV inszenierte Theater und sah sich unter freiem Himmel tanzend im Mittelpunkt der Welt.

Von Arnd Wesemann

Vieles von dem, was erst später für die Kunst wichtig wurde, war bereits formu­liert in den englischen Gärten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts: zum Beispiel die Abkehr von hierarchischen Ordnungen, die Pluralität der einbezogenen Medien und Stoffe (aus anderen Kul­turen und Zeiten), die Verbindung von Kunst mit anderen Bereichen, etwa der reformerischen Landwirtschaft.
Die im Garten beherrschte Natur und ihre Komposition, die noch im 18. Jahrhundert beinahe alle anderen Künste inspirierte, ist als ein Paradigma der Ästhetik nahezu verschwunden. Erst die "Land-Art" in den 60er Jahren entdeckte die Naturanlage erneut als ästhetischen Gegenstand. So reflektieren die Spiegelpavillons, die Dan Graham im Park installiert, die Tradition barocker Gartenpavillons. Im Zuge der postmoderner Rückbesinnung begann die Idee des Gartens wieder Einzug zu halten in die verschiedenen Kunstgattungen.
Im November/Dezember 1992 und im Juni/Juli 1993 findet in Frankfurt/Main das Projekt "Many Dreams Of Many Gardens" mit Unterstützung des Museums für Moderne Kunst, der Oper Frankfurt, des Deutschen Architekturmuseums, des Deutschen Filmmuseums, des Frankfurter Palmengartens u.a . m. statt.
Veranstalter des Projekts ist die "Frankfurter Kulturpolitik, Kultur im Dritten e. V. " in Kooperation mit den oben genannten In­stitutionen und dem Ausstellungsmacher und Galeristen Rüdiger Schöttle. "Many Dreams Of Many Gardens" ist eine Weiterführung der Projekte "Golde­ner Oktober" (1983) und "Res publica" (1985; vgl. Kunstforum Bd. 65 + 81), die in den 80er Jahren den Garten als Ort ästhetischer Auseinandersetzungen thematisierten. 1989 reflektierte Rüdiger Schöttle in seiner Ausstellung "Theatergartebestiarium" den Garten umfassend als Ort der Künste, der Naturwissenschaften, der Geschichte und Architektur. Diese Ausstellung kam in Poitiers (Frankreich) mit Künstlern wie Dan Graham, Ludger Gerdes, Glenn Branca, James Coleman und Jeff Wall zustande und bildet heute einen der Eckpfeiler des Projekts "Many Dreams Of Many Gardens".

In einem ersten, einführenden Veranstaltungskomplex werden im Deutschen Filmmuseum zwei Filme gezeigt: THE GARDEN des britischen Filmemachers Derek Jarman und LAS FERDINANDA der Filmemacherin und Künstlerin Rebecca Horn. Jeweils nach den Filmen wird Karola Gramann mit den eingeladenen Künstlern Derek Jarman, Tilda Swinton und Rebecca Horn ein Werkstattgespräch führen. 
Im Palmensaal des Frankfurter Palmengartens wird Guy Tortosa eine Einführung in die ästhetischen Dimensionen des Gartens an Hand der Ausstellung "Theater­gartenbestiarium" geben und eine Woche später, ebenfalls im Palmenhaus, der Künstler Ludger Gerdes über den Garten als "missing link" der Kunst sprechen. "Many Dreams Of Many Gardens", ge­fordert mit Mitteln des Hessischen Ministe­riums für Wissenschaft und Kunst und der Stadt Frankfurt am Main, setzt das Projekt im Dezember fort mit Vorträgen renom­mierter Architekten, die mit Unterstützung des Deutschen Architekturmuseums in das Foyer der Oper Frankfurt eingeladen sind. William Forsythe bringt sein neues Ballett heraus. Er hat bereits Vorjahren auf seine Beziehung zur Architektur, insbesondere zu den labyrinthischen Figurationen Daniel Libeskinds aufmerksam gemacht.

Das Projekt wird in den Sommermonaten Juni und Juli 1993 fortgesetzt. Hinzukom­men werden die Ausstellung "Theater­gartenbestiarium" sowie Aufführungen, Lesungen, Performances und Vorträge aus den Sparten Theater, Literatur, Bildender Kunst, Musik, Film, Architektur und Gar­tenkunst.

 

Arnd Wesemann

Kultur im Dritten / Projekte

MANY DREAMS OF MANY GARDENS
November und Dezember 1992
Freitag, 20. November, 20 Uhr Kommunales Kino im Deutschen Filmmuseum, Schaumainkai 41
Derek Jarman Film: THE GARDEN anschl.: Karola Gramann im Werkstattgespräch mit Derek Jarman und Tilda Swinton
Montag, 23. November, 20 Uhr Palmengarten, Palmensaal, Eingang Siesmayerstraße
Guy Tortosa: Der Theatergarten bestiarium
Eintritt frei
Freitag, 27. November, 20 Uhr Kommunales Kino im
Deutschen Filmmuseum, Schaumainkai 41 Rebecca Horn Film: LA FERDINANDA ■ anschl.: Karola Gramann im Werkstattgespräch mit Rebecca Horn
Montag, 30. November, 20 Uhr Palmengarten, Palmensaal, Eingang Siesmayerstraße
Ludger Gerdes: Der Garten als 'missing link' der Künste
Eintritt frei
Montag, 7. Dezember, 20 Uhr Oper Frankfurt, Holzfoyer, Theaterplatz
Rem Koolhaas: Architektur und Garten I
Eintritt frei
Montag, 14. Dezember, 20 Uhr Oper Frankfurt, Holzfoyer, Theaterplatz
Peter Eisenmann: Architektur und Garten II
Eintritt frei
Samstag, 19. Dezember, 20 Uhr Ballett Frankfurt, Theaterplatz
William Forsythe: Neuer Ballettabend
Dienstag, 22. Dezember, 20 Uhr Oper Frankfurt, Holzfoyer, Theaterplatz
Tojo Ito: Architektur und Garten III
Eintritt frei
Frankfurter Kulturpolitik, Kultur im Dritten e. V. Kaiserstraße 39
6000 Frankfurt am Main 1
Tel: 069 - 25 25 59, Fax: ■ 25 36 60

Kategorie: Veranstaltungshinweise

Schlagworte: Filmkultur, Institution

Artikel im PDF aufrufen