GRIP 03
10/1/1992
Die Welt des Sports - A Day At The Races
“I’m going to someone who understands me. I’m going to Dr. Hackenbush! Why, I never knew there was a thing the matter with me until I met him" Mrs. Emily Upjohn (1937)
Von Oswalt
Dr. Karl Heinz Willgruber stellte sich nach dem Duschen auf die Waage, nahm die dreieinhalb Pfund zusätzliches Gewicht mit einem innerlichen Schulterzucken zur Kenntnis und hoffte auf den Gewichtsausgleich. Gabriele Hoffmann hatte den Samstagabend noch nicht so richtig verarbeitet. Immer wieder störten leichte Schwindelanfälle die Frühstücksvorbereitungen und nach der dritten Tasse Kaffee entschloss sie sich doch noch zu einem kleinen Nickerchen vordem Arbeitsbeginn.
Peter “Pjotr" Berschky begann den Sonntagmorgen mit einem ausführlichen Studium der "Sportwelt". Gestern war er nicht mehr dazu gekommen und diesmal wollte er nichts dem Zufall überlassen. Ein Anruf bei seinem Tippgeber vom Gestüt Schlenderhahn ließ die beabsichtigte Dreierwette im Siebten noch wahrscheinlicher werden. Mit der Startnummer vier schließlich kam Melissa Knabel viel zu spät aus dem Bett. Erst gegen 14. 00 Uhr hatte sic sich in den Audi Quattro gesetzt und die Strecke zwischen Bad Homburg und Frankfurt-Niederrad in weniger als 30 Minuten hinter sich gebracht. Da Bernd sie wieder einmal versetzt hatte, hoffte sie die Anderen nun auf der Rennbahn zu treffen. Das waren sie also, die vier Favoriten für das Hauptrennen und obwohl ich sie nun schon länger beobachtete, fehlte mir noch der entscheidende Hinweis. Ziemlich sicher war ich mir in Bezug auf Gabriele Hoffmann. Sie hatte eine glänzende Saison hinter sich, auch im Jahr zuvor war sie siebenmal in die Ränge gelaufen. Die letzten dreimal war sie in einem Ausgleich II immer vor Dr. Willgruber ins Ziel gekommen. Allerdings, und das machte die Sache für sie heute bestimmt schwieriger, ward er Boden auf der Niederräder Rennbahn durch die vielen Regenfälle des frühen Herbstes sehr schwer und Gabriele brauchte ihn eigentlich trocken. Dennoch war sie klare Favoritin für das heutige Ereignis. In alle Überlegungen miteinzubeziehen war auch Melissa Knabel. Obwohl in dieser Saison erst zweimal gestartet, hatte sie doch schon eindrucksvolle Beweise ihres Standvermögens abgeliefert und war vorletzte Woche in Mühlheim-Ruhr überlegene Siegerin geworden. Aus Dr. Willgrubers Form ließ sich keine eindeutige Tendenz ablesen. Er, der immer für ein Platzgeld gut ist, hatte bei seinen letzten Starts nicht über zeugen können. Allerdings, und deshalb wollte ich ihn heute mit in die Einlaufwette miteinbeziehen, war Ruhe in seinen Stall eingekehrt und mit Peter Amalfi saß ein Mann im Sattel, der ihn eigentlich gut im Griff haben sollte. Pjotre Berschky konnte die Überraschung sein. Er kam aus einem Frankfurter Stall, war mit dem Linkskurs vertraut und immerhin schon einmal unter die ersten Drei gelaufen. Heute war die Aufgabe für ihn ungleich schwerer, zumal er im direkten Vergleich bisher jedesmal von Melissa Knabel und auch Dr. Willgruber eindeutig distanziert worden war.
Bis zum Rennen hatte ich noch eine gute Stunde Zeit. Ich verließ meinen Platz auf der alten Tribüne und kaufte mir ein Bier und eine Riescnkrakauer. Beim dritten Biß in die rote, feste Pelle spritzte mir ein Strahl heißes Fett auf die Hose und hinterließ dort einen häßlichen Fleck. Zu dumm, die Hose war eigentlich noch bis Mittwoch vorgesehen. Wenn dies ein Hinweis sein sollte, so wurde ich nicht so recht schlau aus ihm. Eigentlich konnte es nur bedeuten, daß die vorgefassten Pläne so nicht funktionieren sollten. Also doch Pjotre Berschky? Die Vorwetten für das Rennen brachten mich nicht weiter. Klarer Favorit war und blieb Gabriele Hoffmann. Die anderen schienen das Vertrauen der Wetter nicht eindeutig zu besitzen und teilten die Hoffnungen unter sich auf. Blieb also nur noch der Führring. Eine gute halbe Stunde vor dem Rennen hinterließ Melissa einen merk würdig nervösen Eindruck. Das Spiel der Ohren, das unkontrollierte Ausschlagen und die Schwierigkeiten des Stallburschen beim Aufsatteln gaben mir zu denken. Blendend sah Dr. Willgruber aus. Aufmerksam und ruhig lief er seine Runden, sein Tritt war fest und sein kurzes Wichern klang wie eine Warnung an die anderen. Pjotre Berschky schien den rechten Hinterlauf ein wenig nachzuziehen.
Ich schaute genauer hin. Tatsächlich war ein kurzes Zucken, eine leichte Scheu vor dem Auftreten unübersehbar. Wäre er ins Geld gelaufen, hätte er mir bestimmt eine gute Quote gebracht und eigentlich wollte ich ihn nach der Riesenkrakauer doch bringen. Jetzt jedoch schien die Sache lächerlich einfach. Beim meinem Weg zum Wettschalter schaute ich noch kurz auf die aktuellen Quoten, die meinen beabsichtigten Tipp bestätigten. Gabriele Hoffmann wurde für einen Sieg 10:1 5 zahlen, Dr. Willgruber 10: 35 und Melissa Knabel 10: 40. Pjotre Berschky hingegen hätte 10: 230 gebracht. Die anderen Teilnehmer des 6. Rennen kamen unter ferner liefen und hätten ähnlich gut wie Berschky gezahlt. Also konnte meine Dreierwette nur lauten: Erster Gabriele Hoffmann, für die Plätze kombiniert Melissa Knabel und Dr. Willgruber. Ein wenig leichtsinnig war es dann doch vielleicht doch gewesen, auf diesen Tipp 200,- DM zu setzen. Aber wer denkt schon ans Scheitern?
Das Rennen verfolgte ich wieder von meinem Platz auf der alten Haupttribüne. Vielleicht wäre ich doch besser unten beim Ziel geblieben. Dann wäre das Elend nicht schon so früh zu erkennen gewesen. Hatte Berschky vorhin nur simuliert? Im Schlußbogcn lag er noch im Hauptfeld, zwei Längen hinter den drei Führenden und ich rechnete gerade meinen Gewinn bei einer zu erwartenden Quote von 10: 1500 in der Dreierwette aus, als er sich von der Gruppe löste und zu den Favoriten aufschloss. Ich stand auf. Jetzt lag Berschky nur noch eine Länge hinter Melissa. Ihr schien die Luft auszugehen. Der Jockey drohte mit der Peitsche, konnte aber ein Gleichziehen von Berschky nicht verhindern. Inzwischen stand die ganze Tribüne.
Berschky schob sich an Melissa vorbei und griff jetzt auch noch Gabriele Hoffmann an. Kopf an Kopf lagen sie wenige Meter vor dem Ziel gleichauf, eine halbe Lange hinter ihnen Dr. Willgruber. Wo blieb nur Melissa? Es war zum Kotzen. Ich war plötzlich sehr müde und am Ausgang des Rennens nicht mehr interessiert. Wütend starrte ich den Fleck auf meiner Hose an.
Dann war es vorbei. Hoffmann, Berschky, Willgruber. Aus. Während ich mich von der Rennbahn für diesen Tag verabschiedete verkündete die Rennleitung die Quoten für das 6. Rennen. Die Dreierwette brachte 10: 27000. Ich suchte meinen Autoschlüssel.
Kategorie: Kommentar (ab GRIP 63)
