GRIP 03

10/1/1992

Astro-Saga - Eine unendliche Geschichte

Im Dietzenbacher Filmstudio nimmt das Science-Fiction-Projekt "Astro-Saga" Formen an. Das ist der Trick bei Trickfilmen.

Von Dirk Fuhrig

In Bernd Kammermeiers Besprechungs­zimmer hängt der Weltraum an der Wand: Frauen in enggeschnittenen Overalls besteigen Raumschiffe, künstliche Landschaf­ten breiten sich aus, Kuppeln von futuristischen Wohnkapseln stehen im Hintergrund, fliegende Untertassen auf staksigen Füßen sind bereit zum Abheben. Menschen wie aus dem "Raumschiff Enterprise", Ausblicke ins sternenübersäte Weltall wie in "Star Wars", Schüsse aus Laserpistolen wie in - der "Astro-Saga". 
Diesen Film hat noch niemand im Fernse­hen oder Kino gesehen. Er existiert nur im Kopf von Bernd Kammermeier. Und auf den sogenannten "Production Paintings" im Büro seines Filmstudios in Dietzenbach südlich von Frankfurt. Die gerahmten Bil­der zeigen Szenen aus dem geplanten Science-Fiction-Projekt des Regisseurs und Produzenten. Sie sollen einen Vorge­schmack vermitteln auf das, was dem­ nächst in den Kinos zu sehen sein wird, aber noch nicht zuviel verraten. Dem­nächst, das heißt frühestens in einem Jahr, wenn alles so verläuft, wie Kammermeier es sich wünscht. Aber Zeit spielt für ihn nicht die entscheidende Rolle. Immerhin bastelt er an seinem Lieblingsprojekt schon seit 1983. Damals wuchs in dem heute 35 Jahre alten "gebürtigen Sachsenhäuser" die Idee, einen eigenen Science-fiction­ Film zu drehen. Für Grenzwissenschaften hat er sich interessiert und für die Bücher Erich von Dänikens, etwa "Erinnerungen an die Zukunft". Eines seiner Vorbilder ist Stanley Kubrick mit "2001 - Odyssee im Weltraum". "Den Film habe ich Ende der sechziger Jahre gesehen und war irrsin­nig fasziniert", sagt der Absolvent der Offenbacher Hochschule für Gestaltung.
Die "Astro-Saga" soll ein ganz großer 135-Minuten-Wurf werden, der nicht etwa nur in deutschen Kinos, sondern auf dem internationalen Markt laufen soll. 15 Mil­lionen Dollar Produktionskosten sind da­ für veranschlagt und noch einmal soviel für Werbung und Vertrieb; das Geld hat sich Kammermeier von einer amerikani­schen Filmfinanzierungsbank geliehen.
Und selbstbewußt sagt der Regisseur: "Das wird der größte europäische Film."
Hollywood in Dietzenbach - ist das nicht ein bißchen verstiegen? Das Gefühl muß sich aufdrängen, wenn man das Studio betritt, in dem die "Astro-Saga" derzeit gedreht wird: eine unscheinbare Halle, mit 500 Quadratmetern von eher be­scheidenen Ausmaßen mitten im Industrie­ gebiet. Von außen weist nur ein kleines Schild auf die Firma "Panasensor" hin.
Doch noch unspektakulärer sieht es innen aus. Weder große Kulissen noch Aufbau­ ten. Am auffälligsten ist der Kopf der amerikanischen Freiheitsstatue, der in Originalgröße mitten im Raum steht. Doch diese Kopie hat mit der "Astro-Saga" überhaupt nichts zu tun. Sie ist Requisite in einem Werbespot für Klebstoff. Mit Reklamefilmen verdient Kammermeier nämlich eigentlich sein Geld, der Spiel­film läuft eher nebenher. Auch wenn er sein Studio nur aufgebaut hat, um den großen Film zu machen, wie er sagt. Die aufwendige Technik, die für Trickauf­nahmen nötig ist, läßt sich sowohl für komplizierte Werbefilme verwenden als auch für Science-Fiction-Aufnahmen. Wich­tig ist vor allem eine Spezialkamera. Und die hat Kammermeier in jahrelanger Arbeit selbst gebaut. Sie hängt "deckenge­stützt" an einem Kran herunter, ist in alle Richtungen schwenkbar, läßt sich "laufruhig in sauberen Bahnen bewegen" und wird über Computer gesteuert. So kann jede Einstellung und jede Fahrt gespeichert und beliebig oft identisch wie­derholt werden. Bei Trickaufnahmen ist das entscheidend, da die einzelnen Sequenzen in verschiedenen Schichten gedreht und später übereinandergelegt werden. "So eine Kameratechnik gibt es sonst nur in den USA", lobt Kammermeier sein gutes Stück - und hält es natürlich für noch besser als das meiste aus Hollywood.
Worum geht es in der "Astro-Saga"? In 15 roten Ordnern, die in Kammermeiers Büro eine ganze Regalzeile einnehmen, ist alles über den Film abgeheftet. Das Dreh­buch hat er schon mehrmals umgeschrie­ben. Am Anfang war noch etwas ganz anderes geplant: "Mir schwebte ein Familienfilm vor, auch wenn's ein bißchen kitschig klingt - so für 12- bis 14jährige."
Eher eine Komödie sollte die "Astro-Saga" werden, mittlerweile ist mehr Action ange­sagt. "Aber mit Raffinesse. Nicht nur bumm-bumm", sagt der Regisseur und hebt her­ vor, daß seine Helden keine Waffen tra­gen. Gegen die Bösen, die es natürlich gibt, kämpfen sie mit Geschick und Solidarität. Der Hauptböse heißt Peter Nortz und will natürlich die Macht im Weltraum erobern. "Der wendet pure Gewalt an, nutzt aber nur die Technik. Er hat keine Freunde wie Jupiter, der gemein­sam mit ihnen siegt. " Ein pazifistisches Weltraum-Märchen also? Nicht ganz, denn mit Zauberei, Außerirdischen und Robotern will Kammermeier nichts zu tun haben. "In dem Film gibt es nichts, was der Naturwissenschaft widerspricht. Es ist ein wirklicher 'Science'-Fiction, bei dem es sich nebenbei um Genmanipulation und Umweltzerstörung dreht. "Astro-Saga coming soon" steht optimistisch auf einer Tafel in einem Nebenraum. Dort ist die Lagerhalle für die Raumschiffe. Sie sehen aus wie die Miniaturen aus einem Bauka­sten für technikbegeisterte Jugendliche. "Ja, aus so einem Material sind sie", erläutert Kammermeier. "Wir bauen die in verschiedenen Größen. " 13 Leute sind damit beschäftigt, die Modelle zusammen­zubasteln. Was später auf der Leinwand als riesiger Raumgleiter durch die Galaxien rast, paßt in jedes Wohnzimmer - die Kamera macht's möglich. Das ist der Trick bei Trickaufnahmen. Aber wo sollen die Schauspieler hin in diesem kleinen Stu­dio? Kammermeier munkelt immerhin ge­heimnisvoll von großen Namen, von "in­ternationaler Besetzung", will noch nichts genaues verraten, außer: "Vielleicht Christopher Lambert in der Hauptrolle."
Kaum zu glauben. Aber nach Dietzenbach würde der jedenfalls nicht kommen. Die "Live acts" mit Schauspielern sollen näm­lich in Budapest gedreht werden, die Außenaufnahmen in der nordafrikanischen Wüste.

Kategorie: Personenportrait (GRIP FACE)

Schlagworte: Filmproduktion, Spielfilm, Filmemacher*in, Dreharbeiten

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