GRIP 71

07.07.2025

Rückschlag für das deutsche Filmerbe

Das gravierend gekürzte Förderprogramm Filmerbe (FFE) bringt aktuell auch die Arbeit zweier wichtiger hessischer Institutionen ins Trudeln. Für das Deutsche Filminstitut & Filmmuseum (DFF) und die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung ist das FFE die entscheidende Geldquelle, um bedeutende deutsche Filme zu restaurieren und mit ihrer Digitalisierung dem Publikum zugänglich zu machen. Ein Überblick.

Von Reinhard Kleber

Kurz vor Jahresende hat die Ampel-Regierung die Novelle des Filmförderungsgesetzes (FFG) beschlossen. Das Gesetz erhält den Auftrag zum Erhalt des Filmerbes, doch das FFE wurde deutlich geschwächt. Claudia Roth, frühere Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, kürzte den Finanzierungsanteil um ein Drittel, und sechs Bundesländer sind ausgestiegen. Während die Förderrichtlinie zur Digitalisierung des nationalen Filmerbes bis 2028 bis zu zehn Millionen Euro jährlich vorsieht, stehen in diesem Jahr nur noch fünf Millionen Euro bereit. Das FFE, das den Erhalt von Filmen mit besonderem historischem, dokumentarischem oder künstlerischem Wert fördert, wird von BKM, Bundesländern und der Filmförderungsanstalt zu gleichen Teilen finanziert. Die maximale Zuwendung pro Film beträgt in der Regel 40.000 Euro. Dank FFE wurden seit 2019 mehr als 1.000 Filme aller Arten und Längen in Deutschland restauriert und digitalisiert.

DFF hat 850 digitale Kopien im Verleih
Der jüngste Rotstiftkurs bremst das verdienstvolle Engagement zentraler Akteure wie der Berliner Stiftung Deutsche Kinemathek, des DFF in Frankfurt sowie der Wiesbadener Murnau-Stiftung. Die beiden Institutionen in Hessen sind allerdings unterschiedlich aufgestellt: Während das DFF ein gemeinnütziger Verein ist, ist die Friedrich-Murnau-Stiftung eine Stiftung bürgerlichen Rechts. In größerem Umfang restauriert und digitalisiert das DFF seit 2013 analoge Filme, 850 Digital Cinema Packages (DCPs) sind bereits hergestellt, darunter auch viele Kurzfilme.
Im Vorjahr verzeichnete Thomas Worschech, Leiter des Filmarchivs, 624 Buchungen, die Ausleihen wie Lizenzierungen umfassen. 45 Prozent davon waren digital, 55 Prozent analog. „Bis Ende April haben wir dieses Jahr 200 Ausleihen, wobei der digitale Anteil auf 60 Prozent steigt“, so Worschech. Kein Wunder, sinkt doch allmählich die Zahl der Kinos, die noch 35 mm-Kopien abspielen können. Knapp 15 Prozent der Ausleihen entfielen im Vorjahr auf das Ausland. Besonders fleißig buchten Mitglieder der Internationalen Vereinigung der Filmarchive (FIAF). Auch die Nachfrage von Festivals war rege. „Wir versuchen auch aktiv, unsere neuen Digitalisierungen als Premieren unterzubringen, etwa auf den Festivals in Pordenone, Belgrad oder Cannes – durch das FFE können wir unserem Auftrag, das deutsche Filmerbe auch ins Ausland zu tragen, erst gerecht werden.“ Für die Präsentation seiner Arbeitsergebnisse hat das DFF vor fünf Jahren eine eigene Plattform geschaffen. Im hauseignen Kino zeigt die Reihe „Filmerbe – digital. Film Preservation Weekend“ an einem Wochenende 11 bis 13 digitalisierte Filme. Im nächsten Schaufenster im Januar 2026 sollen laut Worschech unter anderem frisch restaurierte Kurzfilme von Peter Fleischmann laufen.
Für eine Restaurierung sowie Digitalisierung müssen für Worschech zwei Bedingungen erfüllt sein: Es müssen die Rechte und das bestmögliche Filmmaterial vorliegen. Das ist bei den Vor- und Nachlässen von Filmschaffenden, die das DFF übernommen hat, oft nicht der Fall. So habe das Archiv auch Nachlässe eingelagert, bei denen die Rechte woanders liegen. Im Fall von Rainer Werner Fassbinder bewahrt das DFF zwar die analogen Kopien des Basis-Film Verleihs auf. Die Digitalisierung der Filme hat jedoch die Rainer Werner Fassbinder Foundation übernommen.
Derzeit arbeitet das DFF-Archivteam in Wiesbaden mit 14 Personen an 20 Projekten. Dazu gehört die Digitalisierung eines 20-minütigen Dokumentarfilms über das Endspiel der deutschen Fußballmeisterschaft 1925 zwischen dem FSV Frankfurt und dem 1. FC Nürnberg. „Das Projekt passt zu unserem Schwerpunkt Frankfurt im Film“, betont Worschech.
Weitere Projekte sind der Historienfilm „Napoleon auf St. Helena“ von 1929 mit Werner Krauß und das Melodram „Mazurka“ aus dem Jahr 1935 mit Pola Negri. Besondere Aufmerksamkeit widmet das Archiv dem Dokumentarfilm.“ Gerade digitalisiert wurden drei Filme von Mischka Popp und Thomas Bergmann: „Die Potemkinsche Stadt“ (1986), „Herzfeuer“ (1993) und „Kopfleuchten“ (1997). Das Schützen und Zugänglichmachen des nationalen Filmerbes ist für Christine Kopf, die neue Künstlerische Direktorin des DFF, „Kern unserer institutionellen Identität“. Um deutsche Filme zu sammeln, zu bewahren und lebendig zu halten, erhalten wir Bundesförde rung.“ Allerdings sei man als Verein „nicht auskömmlich aufgestellt“ für die Fülle der Aufgaben. In anderen europäischen Ländern gebe es bessere Lösungen, dort verfügen vergleichbare Institutionen über ein verlässliches Budget für das Digitalisieren des Filmerbes.

Abwärtsspirale stoppen
Kopf erwartet nach intensiven Gesprächen, dass es vorerst bei den Kürzungen des FFE bleibt. „Wir hoffen aber, dass wir die Abwärtsspirale aufhalten können. Wir haben im Kinematheksverbund vereinbart, unsere Energien zu bündeln, um weitere Gespräche zu führen und auf die großen Erfolge des Förderprogramms hinzuweisen. Ich möchte selbstkritisch anmerken, dass wir die in den vergangenen Jahren nicht stark genug kommuniziert haben. Denn es gelingt uns ja, das Filmerbe zugänglich zu machen und ein junges Publikum zu gewinnen.“ Kopf möchte die Kulturpolitik auch dafür sensibilisieren, dass es beim FFE nicht nur darum geht, uralte Stummfilme aus rostigen Dosen zu erlösen. Wenn es von Filmen aus den 1970er oder 1980er Jahren nur noch analoge Kopien gibt, können die allermeisten Kinos diese nicht mehr zeigen. „Das geht nur, wenn sie digital vorliegen. Daher gehört es zu unserem Auftrag, diese zu digitalisieren.“ Im Übrigen gebe es ohne Digitalisierung auch keine Blu-ray oder Streaming-Auswertung, ergänzt Worschech.

230 Digitalisierungen in Wiesbaden
Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung pflegt – als Archiv und Rechteinhaber – einen bedeutenden Teil des deutschen Filmerbes. Der Filmstock umfasst rund 6.000 Stumm- und Tonfilme von den 1890er bis in die 1960er Jahre. Der Schutz des Filmerbes hat in Wiesbaden einen hohen Stellenwert. „Ziel und Zweck der Stiftung ist, das uns anvertraute ehemalige „reichseigene Filmvermögen“ zu erhalten und zugänglich zu machen“, unterstreicht Anne Siegmayer, die Leiterin des Filmarchivs.
Insgesamt hat die Stiftung seit 2010 von rund 230 erhaltenswerten deutschen Filmen digitale Kopien erstellt. „Allein im vorigen Jahr haben wir 20 Projekte abgeschlossen“, so Siegmayer. Seit 2012 schaffe man im Schnitt 15 bis 20 Titel im Jahr. Die Mühe lohnt sich: „2024 hatten wir etwa 900 Buchungen digitalisierter Filme. Davon fanden rund 200 im Ausland statt.“
Auf längere Sicht zeigt sich: die Nachfrage nach analogen Kopien sinke, die nach digitalen Kopien steigt. „2018 lag der Anteil digitaler Kopien – DCPs und Blu-rays – bei 65 Prozent, jetzt liegt er bei 75 Prozent“, erläutert Siegmayer. Die Archivleiterin freut sich besonders, wenn sich die Stiftung von dem bisherigen historischen Filmkanon lösen kann. „Gerade Filmemacherinnen aus der Zeit vor 1945 sind vielfach so gut wie vergessen. Umso schöner, wenn dann eine Stummfilmkünstlerin wie Ellen Richter wieder mehr Aufmerksamkeit erhält.“ Derzeit arbeiten die Restaurator*innen parallel an rund 20 Projekten. Zwei Highlights sind der erste abendfüllende Agfacolor-Film „Frauen sind doch bessere Diplomaten“ von Georg Jacoby (1939/41) und der Klassiker „Geheimnisse einer Seele“ (1926) von Georg Wilhelm Pabst. „Kurz vor dem Abschluss stehen die Arbeiten zu den Stummfilmen ,Der Sträfling aus Stambul‘ aus dem Jahr 1929 von Gustav Ucicky und ,Ein Walzertraum‘ von Ludwig Berger von 1925. Für diese beiden Titel planen wir eine größere Premiere mit Live-Einspielung an prominenten Standorten“, sagt die Archivleiterin.

Institutionelle Förderung überfällig
Die Murnau-Stiftung finanziert ihre Arbeit fast komplett aus eigenen Einnahmen wie Lizenzerlösen aus dem Filmverleih, dem Ausschnittsgeschäft und Veröffentlichungen auf DVD und Blu-ray. „Wir bekommen zum Glück eine regelmäßige Zuwendung der Stadt Wiesbaden, allerdings nur für unser Kino. Wir haben zudem einen engagierten Förderverein, der Spenden sammelt“, erläutert Siegmayer, doch „im Gegensatz zu anderen Filmerbe-Einrichtungen wird die Stiftung nicht institutionell von Land oder Bund gefördert. Das wäre aber dringend notwendig, damit wir unsere Aufgabe auch in Zukunft erfüllen können.“
Das FFE-Programm spielt für die Arbeit der Stiftung eine Schlüsselrolle. Siegmayer: „Ohne das FFE wären wir finanziell gar nicht in der Lage, unsere Bestände zu digitalisieren. Es finanziert die Digitalisierung von Filmen bei uns leider nur zu 80 Prozent der Gesamtkosten.“ Non-Profit-Organisationen wie das DFF erhalten dagegen 100 Prozent Förderung.
Umso schmerzhafter trifft der gekürzte Mittelansatz. „Das ist eine schlechte Nachricht und sehr dramatisch für uns und das nationale Filmerbe. Nach unserem Wissen bleibt es erst mal auch bei den Kürzungen. Die abgesprungenen Länder werden vermutlich nicht zurückkommen.“

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Digitalisierung, Institution, Filmtheorie/Filmwissenschaft, Filmkultur, Kino

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