GRIP 71

07.07.2025

Kino des Schreckens – dem Publikum das Fürchten nehmen

„Warum macht man Filme, die Angst machen?“ Unter diesem Motto stand ein Panel beim 5. Kongress Zukunft Deutscher Film im Rahmen des LICHTER Filmfests in Frankfurt. Es stellt sich die Frage, warum die Filmförderung hierzulande so ausgeprägt mit Genres wie Thriller und Horror hadert. Betroffen sind auch Produktionsfirmen in Hessen.

Von Birgit Schweitzer

Es scheint, als gäbe es zwei Arten von Menschen: jene, bei denen Horrorfilme erst Ängste wecken, und jene, die dieses Genre als eine Art Therapie gegen ihre Ängstlichkeit nutzen. Auf dem Panel traf man vornehmlich auf Vertreter*innen der letzteren Kategorie. Eine therapeutische Wirkung von Horror gegen Angst ist tatsächlich durch wissenschaftliche Studien belegt, unter anderem von dem Psychologen Coltan Srivner. Von einem weiteren Phänomen berichtete die Moderatorin und Filmproduzentin Mariam Michael: Horrorfans erwiesen sich in der Coronakrise als besonders resilient. Kino bietet seit jeher einen geschützten Raum für Emotionen. Der Filmemacher und Mitherausgeber der Filmzeitschrift Revolver Christoph Hochhäusler meinte hierzu: „Angst ist sowieso in der Welt und beim Filmschauen herrschen berechenbare Bedingungen. Man kann den Film wieder und wieder sehen oder zwischendurch die Augen zumachen.“

Mariam Michael (v.l.), Markus Keuschnigg, Linus de Paoli, Severin Fiala und Christoph Hochhäusler. Foto: Philipp Goldberg
Mariam Michael (v.l.), Markus Keuschnigg, Linus de Paoli, Severin Fiala und Christoph Hochhäusler. Foto: Philipp Goldberg

Angst im Thriller
Wie Georg Seeßlen in seinem Essay „Die Angst“ in der vom Filmfest herausgegebenen Aufsatzsammlung „Angst essen Film auf“ anmerkt, bietet das Horrorkino einen Raum, in dem Zuschauende sich ihren Ängsten stellen können – ein Prozess, der letztlich heilsam wirken kann. „Daraus lässt sich folgern, dass die Angst im Thriller nicht etwa die Krankheit (das „Problem“ des Genres), sondern die Therapie darstellt“, so Seeßlen. Horrorfilme ermöglichen den Filmemacher* innen ebenfalls, sich mit ihren eigenen Ängsten und Lebensrealitäten auseinanderzusetzen. Dies schilderte Severin Fiala, der gemeinsam mit Veronika Franz „Des Teufels Bad“ inszenierte. Das historische Horrordrama erzählt den Leidensweg einer depressiven Frau in einem religiös-dogmatischen Umfeld und wurde auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Markus Keuschnigg, Leiter des Horrorfilmfestivals SLASH in Wien, brachte das Phänomen der „Angstlust“ in die Diskussion. „Das Publikum ist mehr als bereit, alles zu empfinden“, so Mariam Michael. Hervorgehoben wurde der außergewöhnliche Support der Community: ein wohlwollendes Publikum mit viel Liebe für das Genre. „Es ist schön als filmemachender Mensch zu erleben, dass das Publikum etwas sehen will, mit dem es nicht gerechnet hat“, meinte auch Severin Fiala. Selbst noch wenn ein Film bis auf einige kurze Schockmomente nicht als spannend empfunden werde, „schmälert es nicht die Liebe zu dem Film. Deswegen mache ich gerne Genrefilme“, erklärte er, was unisono bestätigt wurde.

Keine Förderung für das Horrorgenre
Linus de Paoli, Regisseur und Autor von „A Young Man with High Potential“, bemerkte, dass es für Filmemacher*innen in Deutschland generell nicht leicht sei, Genrefilme zu produzieren. Diese Hürde erschwert es den Regisseur*innen, innovative und grenzüberschreitende Werke mit einer tiefgehenden, oft gesellschaftskritischen Botschaft zu entwickeln. „Die Horrorelemente sind ja letztendlich nur stilistische Mittel, um eine Geschichte zu erzählen“, kommentierte Mariam Michael. Dabei seien die in Deutschland und Österreich mit geringem Budget entstandenen Horrorfilme international konkurrenzfähig, hob Severin Fiala hervor. „Es gibt keine kulturelle Hemmschwelle für Horror“ ergänzte Linus de Paoli. Dieses Potential scheinen die Jurys der Förderinstitutionen, die vom kulturellen Anspruch der Arthousefilme geprägt sind, noch nicht entdeckt zu haben. Ein Umstand, der Kreativität bei der Suche nach alternativen Finanzierungen herausfordert.

Hessischer Horror
Jenseits des Panels berichtet Simon Pilarski von der Wiesbadener Lichtschloss Filmproduktion Ähnliches. Die Firma hat sich dem Elevated Genre verschrieben. Oft entstehen seine Genre-Projekte mithilfe internationaler Finanzierung oder durch Privatfinanziers. „Manche Projekte bekommen nicht einmal eine Drehbuchförderung. Dann stehen wir als Produzenten vor der Entscheidung, ob wir die weitere Entwicklung aus eigenen Mitteln stemmen oder das Projekt fallen lassen.“ Er wünscht sich mehr Mut seitens der Förderentscheider. In Deutschland, so merkt er an, fehle es an Diversität im Bereich der Filmgenres.
Vielleicht darf man sich in der nahen Zukunft auf eine Realisierung des Eco-Horrorthrillers „Paws“ von Neopol Film freuen. Das Drehbuch von Lukas Rinker war für den Hessischen Filmpreis in der Kategorie Bestes Drehbuch nominiert, und der Film erhielt eine Projektentwicklungsförderung in Österreich vom ÖFI – über eine Koproduktion mit Samsara Film. Laut Produzent Tonio Kellner ist das Projekt auf dem Marché du Film bereits erfolgreich in den internationalen Vorverkauf gestartet.

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

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