GRIP 71
07.07.2025
„Es gibt immer solche, die auf Kosten anderer agieren“
Thomas Höppner spricht über den von KI getriebenen Markt für Filmproduzenten und den sich verschärfenden Konflikt mit den großen Digitalplattformen. Er ist Experte für Kartellrecht der Plattformökonomie und Berliner Partner der international tätigen Law Firm Hausfeld.
Von Dieter Brockmeyer
GRIP: Wie wird sich der KI-Video-Markt entwickeln?
Thomas Höppner: Das müssen wir stark differenzieren, denn Generative KI ist in der Lage, alle Arten von Inhalten nachzubilden, zu kombinieren und am Ende zu vermarkten. Bei holistischer Betrachtung wird es nicht mehr die Trennung zwischen Filmindustrie, der Presse oder der Bilderindustrie geben. Da die KI alles in einem Paket zusammenführt, ist der Gesamtmarkt natürlich sehr viel größer. Man kann sicherlich von einem Milliardenmarkt ausgehen. Das Ziel der Anbieter von generativer KI ist es natürlich, an diese Budgets im audiovisuellen Markt heranzukommen.
In dem Chart ist ein immenses Wachstum für die nächsten Jahre prognostiziert, aber nicht spezifiziert.
Das Problem bei den Prognosen ist im Moment, dass keiner vorhersagen kann, was wirklich passieren wird. Wir haben über den Hype gesprochen, aber alle Voraussagen, dass die Blase bald platzt, sind bisher nicht eingetreten. Das heißt, auch ich kann nicht prognostizieren, wo die Reise hingeht. Wenn man sowieso eine Cloud betreibt und kann so günstig, fast kostenlos weitere Marktanteile bekommen, dann macht es einfach Sinn, weiter in diese Richtung zu gehen. Wenn wir sehen, was sich in den letzten drei Jahren schon alles bewegt hat und packen da noch mal zehn Jahre drauf, dann ist KI nicht mehr wegzudenken. Und es gibt immer solche, die auf Kosten anderer agieren.
Wo sehen Sie die Risiken, etwa für einen klassischen Filmproduzenten?
Die Risiken sehe ich im Zusammenhang mit den großen Digitalplattformen, die schon jetzt sehr dominant sind, entweder durch User-generated content oder in Kooperation mit anderen Partnern. Anstelle Lizenzen an Produzenten zu zahlen, generieren sie zunehmend ihren eigenen Content. Das führt zu weiter sinkenden Lizenzpreisen, weil die Plattformen die Nachfrage nach Entertainment mit eigenen nullpreisigen Angeboten befriedigen. Das ist eigentlich eine ganz logische Kalkulation. Die KI-Produktionen werden immer besser und je mehr da aufspringen, desto größer wird die Dynamik.
Das sind ja alles die digitalen Dickschiffe. Wo bleibt da der unabhängige Produzent?
Man braucht ein Basismodel, daher gibt es sehr viele Kooperationen aus denen heraus audiovisueller Content generiert werden kann. Das kann nicht von einfachen Filmstudios geleistet werden, sondern nur von den großen Plattformen mit ihrer technischen Infrastruktur, etwa Microsoft und Nvidia. Selbst wenn sie nicht selbst produzieren wollen, stellen sie doch White-Label-Lösungen ein. Auch Streaminganbieter wie Netflix werden solche Kooperationen eingehen, einfach weil das für sie zu sinkenden Lizenzkosten führt. Denn wenn immer mehr günstiger Content verfügbar ist, sinkt die Nachfrage, und damit auch die Preise. Das werden alle spüren.
Was heißt das für unabhängige Produzenten hier in Europa?
Die großen Plattformen sind extrem gut darin, die Schwächen des Urheberrechts auszunutzen und es komplett auszuhebeln. Das geschieht durch ein Teile-und-herrsche- System, das darauf hinausläuft, dass die Urheber, die es wagen, etwas zu fordern, unsichtbar gemacht werden. Wer akzeptiert, unentgeltlich genutzt zu werden, dem wird noch ein Zugang zum Endkunden gelassen. Solange das Gegengewicht, das ein Urheber auf die Waage legen kann, so kleinteilig ist und man sich nicht einmal einig ist, nutzt das aktuelle Urheberrecht fast gar nichts.
Also, keine Hoffnung?
Wir kommen an einer Art des kollektiven Rechtsschutzes nicht vorbei, um zu verhindern, dass Urheber ihre Inhalte verschenken. Um das zu erreichen, brauchen wir ein wachsendes Bewusstsein, dass unsere kulturelle Vielfalt ein ganz bedeutender Faktor für unser Wohlbefinden in Europa ist. Wir müssen uns auch wirtschaftlich wieder stärker auf Europa beziehen. Ich hoffe, dass da auch die Kreativen miteingeschlossen werden.
Kategorie: Interview
Schlagworte: Filmproduktion, Filmwirtschaft, Institution, Künstliche Intelligenz
