GRIP 71

07.07.2025

Der glasklare Blick der Hanna Laura Klar

Von Andrea Wenzek

Gäbe es an den Filmhochschulen ein Seminar zum „Autorenzentrierten Dokumentarfilm“, sollte es für die Studierenden zur Pflicht erhoben werden, sich Werke der im Februar 2025 verstorbenen Frankfurter Regisseurin Hanna Laura Klar anzusehen. Die Stimme der Fragenden ist in nicht nur in essayistischen Kommentaren aus dem Off präsent, auch in den Gesprächen mit ihren Protagonist*innen. Sie nähert sich ihnen nicht wie so oft mit worthülsenartigen Fragen an, vielmehr ist deutlich, dass den nun filmischen Begegnungen ein langer Kennenlernprozess vorausgegangen ist. „Hanna Laura Klar stellt auf diese Weise Nähe her. Selbst zu Leuten, wie Elfriede Jelinek, die eigentlich keine Nähe dulden. Sie erzeugt Vertrauen zu ihrem Gegenüber, aber ebenso auch zu uns, den Betrachtern. Sie geht auf Augenhöhe mit ihren Figuren um. Von Du zu Du“, bekundete einst der Literaturwissenschaftler und -kritiker Martin Lüdke in einer Laudatio im Kino Mal Seh’n. So geschehen in ihren Werken, in denen sie Künstler*innen porträtiert: Den Theaterregisseur Einar Schleef in „3 Frauen um Schleef“ (2002), die Freundschaft der Schriftstellerinnen Elfriede Jelinek und Elfriede Gestl in „Elfriede & Elfriede“ (2003) und ein Porträt der Pionier-Schauspielerin des Neuen Deutschen Films in „Ich friere auch im Sommer – Die Zwei Leben der Alexandra Kluge“ (2018).

Hanna Laura Klar, Bild Andreas Pohlmann
Hanna Laura Klar, Bild Andreas Pohlmann

Klars Aufmerksamkeit galt auch bedeutsamen Menschen, die weniger im öffentlichen Licht standen: Elisabeth Hartnagel, die das Leben und Wirken ihrer Geschwister Hans und Sophie Scholl in „Sophie’s Schwester“ (2006) reflektiert sowie Alice Ricciardi-von Platen, NS-Prozessbeobachterin in „Die Protokollantin“ (2007).
Hanna Laura Klar hat ihr Handwerk an der für die Geschichte des deutschen Films wegweisenden Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm unter anderem bei Alexander Kluge und Edgar Reitz erlernt. Nach ihrem Abschluss 1965 arbeitete sie als Redakteurin und studierte in den 1970ern Philosophie und Soziologie mit dem Schwerpunkt Medienanalyse. Doch zuvor entstand „Das schwache Geschlecht muss stärker werden“ (1970) mit fünf Kolleginnen der feministischen Film- Avantgarde: Helke Sander, Ula Stöckl, Claudia von Alemann, Erika Runge und Susanne Beyeler. Es folgten ab 1974 Arbeiten für das Fernsehen, in denen es um soziale Themen geht, wie etwa „Marianne findet ihr Glück“ (1974) über zwei geflüchtete Frauen aus der DDR. Schon hier zeichnete sich ab, dass Klar in ihren insgesamt 26 Filmen vor allem Frauen in den Fokus rückte. Hierzu gehört auch Klars wohl bekanntester Film „Berlin-Paris – Die Geschichte der Beate Klarsfeld“ (2011). Martin Lüdke erinnert sich an die Ohrfeige, die Klarsfeld 1968 auf dem CDU-Parteitag dem Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger gab. „Der Name Beate Klarsfeld wurde zur Chiffre für antifaschistisches, demokratisches Engagement, für politisches Bewusstsein und den Mut, dafür auch einzustehen. Ich freue mich, dass Hanna Laura Klar diesen Film gemacht hat. Wieder mal so einen Film, der, gestatten Sie den Kalauer, klar, und zwar glasklar, ihre Handschrift zeigt.“

Ein Porträt von Hanna Laura Klar findet sich in GRIP 46 

Kategorie: Nachruf

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