GRIP 71

07.07.2025

Auf Thomas Manks Spuren wandeln

Viel zu früh verstarb am 17. Januar 2025 der Filmhaus Frankfurt- Mitbegründer Thomas Mank nach längerer Krankheit. Mit diesem Nachruf will der Autor einen visionären Filmemacher, Gestalter, Autor und Fotografen porträtieren und einen langjährigen persönlichen Freund verabschieden. Nebenbei soll das postume Porträt Antworten auf die Frage geben, wie wir uns an Thomas Mank erinnern können. Wir begeben uns also auf Spurensuche.

Von Felix Fischl

Mit der Gründung des Filmbüros Hessen 1982, der Einrichtung einer Landesfilmförderung unter dessen Dach drei Jahre später und der 1984 erstmals vom Filmbüro organisierten Frankfurter Filmschau wurden die Grundlagen des heutigen Filmstandorts gelegt. Doch es fehlte „ein Zentrum, ein Treffpunkt der Auseinandersetzung und der Möglichkeit von Diskussion und Produktion, wo Filmkultur wachsen kann“, schrieb die AG Filmhaus im Filmbüro in einem Konzeptpapier. Als eines der Mitglieder hat Thomas an dieser Vision eines Ortes für Arbeit und Austausch, Kultur und Kreativität, Kino und Kneipe mitgearbeitet. Die Ausgründung des Filmhauses Frankfurt aus dem Filmbüro im Dezember 1989 war demnach ein vorläufiger Höhepunkt der Aufbruchsstimmung. Doch auch für Thomas platzte der Traum, als die Stadt trotz langjähriger Lippenbekenntnisse die nötige Erhöhung der Mittel versagte, um, wie lange geplant, in die bereitstehende Boschfabrik einzuziehen und den Gründungszweck zu erfüllen. In diesen Jahren sollte er mit Verve in beiden Institutionen parallel Ämter bekleiden und mit zahlreichen gemeinsamen Aktivitäten und Veröffentlichungen helfen, der lokalen Filmszene einen Geltungsanspruch zu verleihen. Beteiligt war Thomas nicht zuletzt an der Gründung der „Filmszene- Zeitschrift“ GRIP, welche aus dem Rundbrief des Filmbüros hervorgegangen war und zunächst von beiden Institutionen herausgegeben und finanziert wurde. In der ersten Ausgabe vom April 1992 unterzeichnete Thomas das Editorial für beide Seiten: „Zur Darstellung der eigenen Arbeit, als Meckerecke und Informationsbörse“ solle die Publikation genutzt werden. Als Redaktionsmitglied, Autor und Gestalter prägte er mehrere Jahre Inhalt und Erscheinungsbild, während sein Atelier für fotografische Arbeiten in der Seehofstraße 21 die Redaktion beherbergte. Das selbstbewusst gestaltete Layout enthielt immer wieder Grafiken oder Fotos von seinen persönlichen Kontakten wie Jörg Simon oder Stefan Freund und sollte zweifellos den künstlerischen Anspruch der hessischen Filmszene unterstreichen.

Thomas Mank (21.1.1961 – 17.1.2025) Foto: David Ausserhofer
Thomas Mank (21.1.1961 – 17.1.2025) Foto: David Ausserhofer
Thomas Mank bei der zweiten Frankfurter Filmschau. Foto: Renate Boer
Thomas Mank bei der zweiten Frankfurter Filmschau. Foto: Renate Boer

Erfolgreich waren die Kurzfilmprojekte jener Zeit, etwa die Kompilation 15x3 ODER 6000 FRANKFURT, die 1990 die Kreativität und Vielseitigkeit der lokalen Filmszene in Form von dreiminütigen Animationen, Dokumentationen, Experimental- und Spielfilmen präsentierte. Heute ist die Kompilation digitalisiert über Filmhaus sowie Filmbüro für den Kino-Einsatz verfügbar. Sogar im Hessischen Rundfunk machte der Verein damals auf sich aufmerksam, in der ersten Sendung mit dem Titel „Neues aus dem Filmhaus“ kündigte Thomas als Ko-Moderator stolz zahlreiche Experimentalfilme an. Die Fahne der Experimentalfilmschaffenden hielt er auch bei der vom Filmbüro organisierten und damit eher durch den Dokumentarfilm geprägten Filmschau hoch. 

Als der Widerstreit zwischen Dokumentarfilmern (politisch) und Experimentalfilmern (ästhetisch) offen sichtbar war, setzte er sich viele Jahre lang als Teammitglied und später auch als einer der Leiter der Filmschau für Experimente ein. Beruflich war er seinerzeit eng mit dem Deutschen Filmmuseum verbunden, wo er seit 1985 als freier Mitarbeiter in der Weiterbildung, Kurator von Ausstellungen wie Experimentalfilmreihen und Fotograf tätig war.

Der Ursprung von Thomas‘ eigenem Filmschaffen ist in seinem Studium der Visuellen Kommunikation an der HfG Offenbach zu finden. Bei Helmut Herbst und Urs Breitenstein eignete er sich die Mechanik des analogen Films an, schloss mit einer Arbeit über absoluten Film ab und produzierte radikale Collagenfilme mit einer eigenwilligen Ton-Bild-Kombination. Als „Grenzgänger der visuellen Medien“ bezeichnete ihn seinerzeit die Frankfurter Rundschau, er wolle „keine Geschichten in bewegten Bildern erzählen, sondern einen mechanischen Weg zum künstlerischen Ausdruck erschließen“, schrieb die FAZ. Einer seiner größten Erfolge ist der ohne Kamera entstandene Kurzfilm „Hochhaus“ (1985-1986), bei dem schwarzweiße Foto-Sequenzen des Frankfurter BfG-Hochhauses auf Filmmaterial kopiert und mit einem durch optische Belichtung des Lichttonstreifen hergestellten pulsierenden Ton kombiniert wurden. Winfried Günther, langjähriger Kino-Mitarbeiter im Deutschen Filmmuseum, setzte den international erfolgreichen „Bestseller“ bei einer Umfrage der Stiftung Deutsche Kinemathek auf eine Liste der 50 besten deutschen Filme.

„Signalstörung“ (1998) Stills: Thomas Mank/ZDF
„Signalstörung“ (1998) Stills: Thomas Mank/ZDF
„Signalstörung“ (1998) Stills: Thomas Mank/ZDF
„Signalstörung“ (1998) Stills: Thomas Mank/ZDF

Ein noch größeres Sprungbrett war sein abendfüllender Essayfilm „Signalstörung“ (1996–1998), für den er gleich zwei Mal mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, für das Drehbuch und die Regie. Das Porträt über seinen an Aids erkrankten Freund und Kommilitonen, den Filmemacher und Maler Jörg Simon, baut auf dessen Interview-Äußerungen über Erinnerung, Sterben und Sexualität und schildert die Veränderung der Wahrnehmung durch die Krankheit. Der offene wie schonungslose Kommentar teilt Gedanken von Kindheit bis Koitus und begleitet die abstrakt gehaltenen dokumentarischen und fiktionalen Szenen. Besonders hervorzuheben ist die Tongestaltung des Komponisten und Freundes Bernd Schultheis, der Aufnahmen von Kontrabass und Atmosphären elektronisch verarbeitet und verzerrt hat. Das omnipräsente Klangband ersetzt jeglichen Originalton. Eine Collage als Hommage. Der Film entstand im Auftrag von ZDF – Kleines Fernsehspiel und zeugt mit seiner radikalen Form von der einst vorhandenen, lange verlorenen Experimentierfreude im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es war die damalige Redakteurin Liane Jessen, die das Potential des preisgekrönten Drehbuchs erkannte und das Projekt nachhaltig förderte. Nach „Signalstörung“ landete Thomas in Berlin, vertrieben – wie viele vor und nach ihm – von den leeren hessischen Fördertöpfen. Trotzdem oder weil er seither keinen weiteren filmischen Achtungserfolg mehr vorweisen konnte, muss man einen Blick auf die gescheiterten und unvollendeten Projekte werfen. Mit dem Drama „Im Eppsdorfer Grund“ über familiären Kindesmissbrauch in der fiktionalen hessischen Provinz wollte Thomas den Heimatfilm revolutionieren. Doch es gab immer wieder Verzögerungen durch neue Drehbuchfassungen, die trotz Beteiligung gleich mehrerer Autor*innen nie zufrieden stimmten. Thomas erster abendfüllender Spielfilm sollte die Vorproduktion nicht überleben. 

Oder das Porträt über Arbeit und Leben des wegweisenden Filmdirigenten und -komponisten Frank Strobel mit dem Titel „Synchronpunkte“, das er schon seit den 1990er Jahren plante und an dem er laut seiner sorgfältig aufbereiteten Website immer noch arbeitete – dokumentiert unter thomasmank.stefanfreund.de. Die Zusammenarbeit basierte auf der gegenseitigen Überzeugung der beiden Freunde „des unbedingten Zusammengehens von persönlichen Lebensumständen und der eigenen Kunstproduktion“, das Ergebnis sollte ein eigenständiges Kunstwerk, „nicht nur das Abbild einer Kunstproduktion“ sein. Bis zuletzt arbeitete Thomas wohlgemerkt wieder aus und über Frankfurt. Sein geplanter Essayfilm über die Neue Frankfurter Altstadt unter dem Arbeitstitel „DomRömer – der gebaute Diskurs“ verdeutlicht seine Verbundenheit zur Architektur und ist angereichert mit Fragestellungen über die Wohnorte unseres Lebens. Es scheiterte letztlich an krankheitsbedingten Unterbrechungen. Einen Baustein daraus, die Interviews mit den Verantwortlichen als Wegweiser zu den biographischen Ursprüngen dieses architekturhistorischen wie politischen Kompromisses, stellte er in den vergangenen Jahren persönlich in Frankfurt vor, sie sind unter domroemerportraits.stefanfreund.de dokumentiert. Dieses Zwischenprojekt hinterließ jedoch, wie es Thomas bis zuletzt bedauerte, einen unzureichenden Eindruck seines eigentlich geplanten, vielschichtig mäandernden Essayfilms, für dessen Drehbuchherstellung er hessische Filmförderung erhielt. All diese unvollendeten Projekte bleiben – aus verschiedenen Gründen – verpasste Chancen. Doch wir können erahnen, welche durchdachten makellosen Kunstwerke daraus geworden wären.

Kategorie: Nachruf

Schlagworte: Filmemacher*in, Experimentalfilm, Filmhaus Frankfurt, GRIP, Institution

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