GRIP 71

07.07.2025

25 Jahre kultureller Austausch mit Osteuropa

Das Filmfestival goEast in Wiesbaden feierte sein 25-jähriges Bestehen und hat mit der aktuellen russischen Bedrohung noch an Bedeutung gewonnen. Die scheidende Festivalleiterin Heleen Gerritsen hat das Festival acht Jahre lang geprägt, ihre Nachfolgerin ist die filmkundige Slavistin Rebecca Heiler.

Von Harald Zander

Am Anfang stand die europäische Idee. Der Eiserne Vorhang war gefallen, die EU-Osterweiterung bahnte sich an, doch das Wissen über die zukünftigen Mitgliedsländer war in Deutschland denkbar gering. Und so kam es 2001 zur Gründung von goEast als Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Beteiligt waren das Deutsche Filminstitut (DIF), die Stadt Wiesbaden und das Land Hessen. Claudia Dillmann, Initiatorin und erste Festivalleiterin, schrieb damals: „Es ist an der Zeit, sich zu öffnen für Gedanken, Bilder, Mythen und Geschichten der östlichen Nachbarn. Für ihre Kultur. Für ihre Filme.“ Und diese kulturdiplomatische Rolle als Bühne und Austausch zwischen Filmemacher*innen und Publikum aus Ost und West erfüllt das Festival bis heute.
Thematisch stand goEast anfangs stark unter dem Eindruck der Balkankriege. In den letzten Jahren rückten zunehmend der Ukrainekrieg und seine Folgen in den Fokus. Dauerthemen sind die Menschenrechte, die Einschränkung der freien Meinungsäußerung, die besonders Journalist*innen und Filmschaffende bedrohen. Doch jenseits der aktuellen Politik sind es die unterschiedlichen Kulturen und die Lebensumstände der Menschen, die auf der Leinwand überraschen.

Beeindruckende Widerstandskraft
Für die nach acht Jahren scheidende Festivalleiterin Heleen Gerritsen, jüngst zur neuen Künstlerischen Direktion der Stiftung Deutsche Kinemathek nach Berlin berufen, waren die größten Herausforderungen ihrer Amtszeit die Coronapandemie und zuletzt der russische Angriffskrieg 2022: „Wir haben uns sehr viel ausgetauscht mit Kollegen aus der Ukraine. Es war sehr beeindruckend, wie die Menschen mit dem Krieg umgehen und wie sie trotz alledem noch Filme machen. In unserem Jubiläumsprogramm 2025 stand diese Resilienz, diese Widerstandsfähigkeit unter sehr schwierigen Umständen noch kreativ sein zu können, auch im Mittelpunkt.“
Neben den Sektionen wie etwa Wettbewerb, Hommage und Symposium hat sich das Festival immer der Aufgabe gestellt, die unabhängige Filmbranche aus Mittel- und Osteuropa zu unterstützen. Hier ist besonders das East-West Talent Lab hervorzuheben. 

„Holy Electricity“ von Tato Kotetishvili (GEO, NLD 2024) gewann dieses Jahr den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis. Still: Zango Studio
„Holy Electricity“ von Tato Kotetishvili (GEO, NLD 2024) gewann dieses Jahr den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis. Still: Zango Studio

Es bietet Fortbildungsprogramme für Filmschaffende und Nachwuchstalente und einen Market Pitch, wo junge Talente aus Osteuropa auf der Suche nach Kofinanzierungen nonfiktionale und dokumentarische Projekte vorstellen können. Dank einer Neuausrichtung von Hessen Film & Medien können in Deutschland ansässige Firmen auch eine Förderung für internationale Koproduktionen beantragen, sofern hessische Firmen beteiligt sind. Zudem vergibt das Talent Lab Recherchestipendien.“

Der perfekte Spiegel
Unter Fachbesuchern hat sich das Festival seit langem einen festen Status erarbeitet. Im Jubiläumsjahr verfügt es über ein Gesamtbudget von 630.000 Euro. Jedes Jahr werden rund 200 Filmgäste eingeladen, darunter fanden sich bisher bedeutende Regisseur*innen, etwa Krzysztof Zanussi, Jiří Menzel, István Szabó, Béla Tarr, Kira Muratowa, Otar Iosseliani, Lana Gogoberidze, Jasmila Žbanić und Márta Mészáros. Hinzu kommen 450 Akkreditierungen und bis zu 12.000 Besucher. „Unser Publikum ist sehr durchmischt. Neben den Besuchern aus Wiesbaden kommen Filmstudenten und osteuropäische Communities aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet. Und das durchmischt sich dann im Saal, dort entstehen sehr spannende Gespräche. Das ist mehr als bloßes Filmanschauen, das ist ein wirklicher Austausch“, berichtet Gerritsen.

Das Festival steht also auf sehr soliden Beinen und mit der Slavistin Rebecca Heiler hat sich auch schon eine kompetente Nachfolgerin für Gerritsen gefunden. Sie ist bestens vertraut mit Osteuropa und hat schon für goEast und andere Festivals gearbeitet. Angesichts der vielen aktuellen Kriege und Krisen erweist sich der kulturelle Brückenbau notwendiger denn je. Und daran erinnert auch nach 25 Jahren Festivalgründerin Claudia Dillmann: „GoEast zeigt, dass die Idee des gemeinsamen europäischen Hauses immer aktuell geblieben ist. Und zwar mit allen Höhen und Tiefen. GoEast ist der perfekte Spiegel.“

In der Ausgabe 1/2009 unserer GRIP Beilage „Filmland Hessen“ berichteten wir über eine frühe Ausgabe des goEast Festivals

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

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