GRIP 65
21.07.2022
Wie läuft das eigentlich mit den Regionaleffekten?
Die Fördereinrichtungen der Bundesländer wetteifern seit je darum, attraktive Filmproduktionen ins Land zu holen. Dabei spielt der Regionaleffekt eine große Rolle. Er schreibt vor, dass ein bestimmter Prozentsatz der Fördersumme vor Ort auszugeben ist. Kürzlich wurde dieser von der HessenFilm und Medien GmbH (HFM) gesenkt. Doch wie werden hessische Kreative und Unternehmen berücksichtigt, deren Produktionsfirmen aus anderen Bundesländern kommen? Wir haben dazu drei Spielfilme herausgepickt, die seit Sommer 2021 im Kino starteten.
Von Reinhard Kleber
„Borga“ ist eine deutsch-ghanaische Kinokoproduktion der Chromosom Film aus Berlin, East End Film aus Stuttgart sowie Deal Real Productions mit SWR und arte. Mit 90.000 Euro erhielt „Borga“ 2017 die höchste Fördersumme der HFM. Das bereits mehrfach preisgekrönte Migrantendrama und Kinodebüt des gebürtigen Kasselaners York-Fabian Raabe wurde in Ghana, Mannheim und Kassel gedreht und erzählt vom jungen Kojo, der vom kleinen Elektroschrottsammler in Ghana zum schillernden Geschäftsmann in Deutschland aufsteigt: Zu einem „Borga“.
Von den 21 Drehtagen entfielen drei auf Kassel, für Aufnahmen in der Umgebung der berühmten Hercules-Figur kam laut Chromosom Film auch eine Drohne zum Einsatz und die Tonpostproduktion fand beim Frankfurter Tonstudio Hyve statt. VFX-Arbeiten führten die Firmen Tag und Nacht in Darmstadt und Lavalabs Moving Images in Frankfurt durch. Neben dem Regisseur Raabe, der wieder in Kassel wohnt, kamen drei weitere Mitglieder der Crew aus Hessen, etwa aus den Departments Garderobe und Set-Aufnahmeleitung.
Zwischen Frankfurt und Senegal
Mit „Toubab“ gab der aus Wiesbaden stammende Regisseur Florian Dietrich sein Kinolangfilmdebüt. In der Gangsterkomödie erzählt er von dem jungen Schwarzen Babtou aus Frankfurt, der kurz nach der Entlassung aus dem Knast mit seinem besten Kumpel eine Scheinehe eingeht, um der Abschiebung in den Senegal zu entgehen. Die Schiwago Film aus Berlin, die mit ZDF und Arte koproduzierte, erhielt dafür eine hessische Produktionsförderung von 400.000 Euro. Der Film wurde an 26 Tagen komplett in Darmstadt und Frankfurt gedreht, nur für die Schlussszenen reiste ein kleines Second Unit Team in den Senegal. Während Sounddesign und Mischung in Berlin stattfanden, kamen Data-Wrangler und Materialassistenz aus Frankfurt und Umgebung. Dies galt auch für die Standorte des Hotels, der Autovermietung und des Caterers. „Neben Regisseur Florian Dietrich stammen Farba Dieng, einer der Hauptdarsteller, und die Schauspieler Michael Birnbaun und Altine Emini aus Hessen, zudem kommt der Drehbuchautor Arne Dechow aus Wiesbaden“, erklärt Teamassistentin Antonia Gronau.
Viele Drehtage in Rhein-Main
„König der Raben“ ist der zweite lange Film des Offenbacher Regisseurs Piotr J. Lewandowski. Sein Liebesdrama handelt vom jungen Mazedonier Darko, der sich als Illegaler durch den deutschen Großstadtdschungel schlägt, bis er sich in die Künstlerin Alina verliebt. Das Projekt der Riva Filmproduktion aus Hamburg wurde in Hessen mit 500.000 Euro gefördert. Es folgten 23 von 26 Drehtageim Rhein- Main Gebiet. „Die Postproduktion fand in Baden-Württemberg statt, Firmen und Dienstleister aus Hessen hat es jedoch in den anderen Departments gegeben“, berichtet die Produktionsassistentin Theresa Noll. Neben Lewandowski waren etliche Kreativkräfte aus Hessen beteiligt, unter anderem in den Departments Regieassistenz, Licht und Kostüm.
Prozentsatz der Hessen-Effekte sinkt
Im Frühjahr 2022 gab die HFM bekannt, dass der Hessen-Effekt bei Filmen mit Produktionskosten über 1,5 Millionen Euro um 25 Punkte auf 125 Prozent des Förderbetrags sinkt. „Unnötige Umzüge von Dreharbeiten werden so vermindert, eine grünere Filmproduktion gefördert“, heißt es zur Begründung. Bei Budgets unter 1,5 Millionen Euro kann der Hessen-Effekt sogar auf 100 Prozent gesenkt werden.
Doch wie bewältigten die Produktionsfirmen die früheren 150 Prozent Regionaleffekt? Insgesamt hatten „Borga“ und „König der Raben“ keine Probleme, den Hessen-Effekt zu erfüllen. Bei der Riva Filmproduktion stößt die künftige Minderung des Effekts auf Zustimmung: „Insbesondere in einem Fördergebiet, in dem noch keine riesige Film-Infrastruktur vorhanden ist, hilft es den Produktionsfirmen enorm, wenn die Effekt-Verpflichtungen sinken. Wir begrüßen auch die Nachwuchsinitiativen der Hessen Film, die eine ebensolche Film-Infrastruktur schaffen wird.“
Ähnlich sieht das die Schiwago Film: „Selbst bei Drehs, die zu Großteilen in Hessen stattfinden, ist es zu produktionellen Stoßzeiten – vorrangig im Sommer – immer noch sehr schwierig, auf qualifiziertes Fachpersonalzurückzugreifen. Dadurch, dass zurzeit extrem viel in Deutschland produziert wird, sind die hessischen Mitarbeiter*innen schnell ausgebucht. Die Konsequenz wäre, dass wir wegen des zu erbringenden Ländereffekts ganze Produktionen verschieben müssen – das ist sicherlich nicht sachdienlich.“ Denkbar wäre auch eine Tauschbörse mit anderen Fördergebieten – ein Modell, an dem Hessen und Hamburg ja bereits arbeiten.
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: Filmförderung, Filmproduktion, Filmwirtschaft, Spielfilm, Dreharbeiten
