GRIP 65
21.07.2022
„Weg von der kompletten Eigenproduktion“
Auch wenn der Hessische Rundfunk (hr) Webserien neuerdings mit regionalen Filmschaffenden koproduziert, stellte dieser als einziger der öffentlich-rechtlichen Sender seine Spielfilme und Dokumentationen fast ausschließlich selbst her. Dies ist neben der gering ausgestatteten Filmförderung ein Faktor, warum sich im Rhein-Main Gebiet nur wenige Filmproduktionsfirmen dauerhaft angesiedelt haben. Doch jetzt scheinen sich für die hessische Filmbranche weitere Türen im hr zu öffnen. Die Programmdirektorin Gabriele Holzner stellte sich unseren Fragen.
Von Andrea Wenzek
GRIP: Der regionale Filmnachwuchs, organisiert in dem Verbund „Junge Generation hessischer Film“, hat sich bereits mehrmals mit hr-Redaktionen zu Gesprächen getroffen. Geht es dabei längerfristig um Sendeplätze für Nachwuchs- Filmproduktionen?
Gabriele Holzner: Die Sendeplätze im linearen Fernsehen verlieren nach und nach an Bedeutung. Darauf haben wir im hr reagiert und unsere Strategie von einer Fernseh- zu einer Bewegtbildstrategie entwickelt. Was heißt das? Wir entwickeln nur noch lineare Formate, die innerhalb der regionalen Kernzeit von 16 bis 20 Uhr liegen. Das sind unsere wichtigsten Sendeplätze. Unser zweiter Fokus liegt auf der Formatentwicklung für die Mediathek. Diese beiden Produktions- und Erzählweisen unterscheiden sich deutlich. Unsere Redaktionen sind mit dem hessischen Filmnachwuchs bezüglich Stoffe und Themen im Austausch.
Läuft es dann eher auf Koproduktionen oder gar Auftragsproduktionen für die regionale Filmbranche hinaus?
Der hr verändert gerade seine Strategie weg von der kompletten Eigenproduktion hin zu vermehrt Auftrags- und Koproduktionen. Diese werden wir auch als Koproduktionen und im ARD-Verbund realisieren. Denn in der Mediathek kommt es darauf an, für die unterschiedlichen Zielgruppen spezifische Angebote zu unterbreiten. Leider reicht das begrenzte Budget des hr an dieser Stelle nicht für viele fiktionale Produktionen im Jahr aus. Wenn der hessische Nachwuchs interessante Projekte vorschlägt, ist eine Zusammenarbeit in Einzelfällen möglich. Der Austausch mit der hessischen Filmbranche ist uns sehr wichtig, weil wir uns gegenseitig wertvolle Impulse liefern können.
Die „Initiative Hessen Film“ fordert seit langem eine Veränderung der Eigenproduktionspolitik des hr zwecks Stärkung des Filmstandorts Rhein-Main. Wären auch für den linearen Bereich zukünftig Koproduktionen möglich?
Der hr hat im Mai bei einem Round Table mit Vertreter*innen der hessischen Produzentenlandschaft nachvollziehbar gemacht, in welche Richtung wir uns strategisch entwickeln und welche Sendeplätze beziehungsweise Platzierungen es in der Mediathek überhaupt gibt. Bislang hat der hr beispielsweise vier bis fünf Spielfilme jährlich für Das Erste geliefert, darunter drei Tatorte. Diese fiktionalen Projekte wurden bisher eigenproduziert. Hier werden wir in Zukunft einen anderen Weg gehen. Dies ist jedoch ein Prozess über mehrere Jahre, weil der hr in allen Gewerken über hochkompetentes und kreatives Personal verfügt. Wir werden künftig unsere vorhandenen Kompetenzen weiter auslasten, aber es in Auftragsproduktionen als Beistellungen einbringen. So leisten wir unseren Beitrag zum hessischen Filmstandort. Übrigens tun wir dies auch als Gesellschafter der HessenFilm und Medien GmbH und unterstützen damit Filmprojekte in Hessen.
Der hr stellt seine Dokumentationen fast ausschließlich selbst her. Die AG Dok beklagt, dass für freischaffende Filmemacher*innen nur wenig übrigbliebe, insbesondere für die langen Dokumentarfilme.
Unsere veränderte Strategie von der Fernseh- zur Bewegtbildstrategie gilt auch für den Bereich Dokumentationen. Dabei ist zu bedenken, dass der lange Dokumentarfilm ein Genre unter vielen ist. Im linearen Programm nimmt die Akzeptanz des Publikums für dieses Genre, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, weiter ab. Das müssen wir bei der Planung der Sendeplätze berücksichtigen. In der ARD gibt es insgesamt nur die Anforderung von zwölf Dokumentarfilmen pro Jahr. Damit ist für den hr nur begrenzt möglich, eigene Projekte unterzubringen. Seit Jahren bereits beteiligen wir uns an ARD-Produktionen, beispielsweise bei den Dokumentarfilmen „Nur eine Frau“ oder „Das Forum - Rettet Davos die Welt?“, und gerade über eine Expedition in die Antarktis.
Kategorie: Interview
Schlagworte: TV/Rundfunk, Webformat, Filmwirtschaft, Filmproduktion, Nachwuchs
