GRIP 65

21.07.2022

Was für eine Stimme! Zum Tode von Geraldine Blecker

Von Dieter Brockmeyer


Was von Geraldine Blecker hängen bleibt? Ihre Stimme mit dem einzigartigen rauchigen Timbre und ihr sehr eigener Sinn für Humor, sehr direkt. Fast schon, nein, nicht „brutal“, denn verletzend war sie nie, sie verbreitete immer positive Vibes. Sie war eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, bisweilen den Raum füllend und immer wohlmeinend. Viele hier in Frankfurt haben über Jahrzehnte von ihrem Newsletter profitiert, in dem wöchentlich und absolut zuverlässig die hiesigen Pressevorführungen der neuesten Filme aufgeführt waren. Das war aus ihrer Liebe zum Film geboren. Und Geraldine lebte auch den Film. Ihr Voiceover hatte all das, was eine englische Stimme benötigte. Das war das eine, aber sie war auch als Autorin und Script Doctor aktiv. Ihr schier unerschöpflicher Ideenreichtum und ihre Erfahrung fanden in vielen Projekten Eingang.
Sie selbst bezeichnete sich gerne als Hippie. 1950 in England geboren, kam sie erst 1984 nach Frankfurt. Ihre Karriere startete sie als Rocksängerin. Wegen Drogenbesitzes saß sie kurzzeitig im Knast – eine Erfahrung, die sie mit in das Drehbuch der Filmkomödie „Schloss & Siegel“ einbrachte. Auch als Darstellerin. Leider wurde das von der Frankfurter Filmwerkstatt produzierte Regiedebüt von Heidi Ulmke mit dem Geraldine ganz eigenen Humor von der deutschen Kritik nicht verstanden und der Film ist in die Tiefe der Archive verschwunden.
Eine Anekdote aus der Zeit, bevor sie nach Deutschland kam, beschreibt Geraldine vielleicht am besten. Sie hatte mir den Vorfall selbst einmal erzählt und ihr Bruder setzte diesen in das Zentrum seiner Trauerrede auf Geraldines Beerdigung an jenem kalten Dezembertag kurz vor dem Jahreswechsel. Geraldines Bruder wollte ihr bei einem Besuch in London etwas Besonderes bieten und hatte Opernkarten erstanden, ganz vorne in der zweiten oder dritten Reihe. Nach einer fordernden Arie hörte man Geraldine in die Stille der Pause plötzlich laut ausrufen: „Was für eine Stimme!“ Der Saal gefror erneut, als sie kurz darauf nachsetzte: „Und ganz ohne Mikrofon.“ Bezeichnend für ihre Art an Dinge heranzugehen, ist auch das Zitat, das die Traueranzeige ziert, die unter anderem von den Frankfurter Filmgrößen Rolf Silber und Karl-Eberhard Schäfer unterzeichnet wurde: „Who is the biggest, who is the best; who is nobler than the rest – said the nightingale and flew around the ring – I find it quite absurd, of all you large exotic birds, there is not a single one of you can sing“. Die Zeilen stammen aus Geraldines Buch “The Stork of Timbuktu”. Ja, Geraldine, egal mit wem ich gesprochen habe, alle haben mir bestätigt: Wir vermissen dich! Deine positive Grundhaltung, deine Direktheit, deinen ganz besonderen Humor, deine Liebe und deine Betrachtungen zum Film.

Kategorie: Nachruf

Schlagworte: Drehbuch, Schauspiel, Filmproduktion

Artikel im PDF aufrufen