GRIP 65

21.07.2022

Vom Markt aussortiert

Das „Lichter Filmfest Frankfurt International“ versammelte die Branche im Mai 2022 zum zweiten „Kongress Zukunft deutscher Film“. Mehr als 20 Veranstaltungen zu Themen in der Filmproduktion und zu Filmkultur fanden statt. Das Treffen steht auch in der Kritik, weil es dort nicht wie 2018 um eine grundsätzliche Reform des deutschen Fördersystems gegangen sei. Doch nicht wenige Panels sorgten für neue Impulse, darunter eines zur Diversität: „Klassismus in der deutschen Filmbranche“.

Von Andrea Wenzek

Die Diskriminierung von Kunst- und Kulturschaffenden aufgrund der sozialen Herkunft und der sozialen wie ökonomischen Position, Klassismus genannt, hat erstaunlicherweise kaum Einzug in den Diversitätsdebatte in der deutschen Filmbranche gehalten. Warum? Deutschland gibt sich gerne als ein Land, in dem die Klasse unsichtbar ist und die Chancen auf Bildung und Wohlstand für alle gleich sind. Doch gleich zu Beginn des Panels „Klassismus in der deutschen Filmbranche“ durfte das Publikum mithilfe einer Befragung durch den systemischen Coach Nenad Cupic ernüchtert feststellen, dass vor allem Privilegierte aus dem Bildungsbürgertum und der Mittelklasse Zugang zur Branche finden.
Biene Pilavci ist dagegen gelernte Einzelhandelskauffrau und wollte unbedingt an die Filmhochschule, um Regisseurin zu werden. Auch wenn hier kein Abitur erforderlich ist, stieß sie bei ihren Bewerbungen auf Ablehnung. Sie fühlte sich als Frau mit Migrationsgeschichte und aus der Armutsklasse stammend gleich mehrfach diskriminiert. Erst nachdem sie Praktika auf dem Filmset absolviert hatte, ergatterte sie einen Studienplatz an der DFFB. Nachdem sie zwei Kino-Dokumentarfilme realisiert hatte, musste Pilavci jedoch feststellen, dass sie „vom Markt aussortiert“ wurde, ihre Treatments fanden kein Gefallen mehr. „Die dachten: Sie hat bestimmt eine traumatische Biographie und kann nicht mit dem Budget umgehen“, kommentierte Pilavci das Geschehen.

Zu homogen besetzte Redaktionen
Dem Regisseur und Produzenten Çagdaş Eren Yüksel gelang es mit Webserien wie „Rendez Who“ (2018) mehr als drei Millionen junge Zuschauer*innen mit Themen rund um Rassismus, Sexismus und Diskriminierung zu erreichen. Mit „Nuancen“ (2022) ist aktuell seine erste fiktionale Serie aus der Perspektive von Alltagsrassismus betroffener Menschen in Entwicklung. Er habe dank eines Mentors Glück gehabt mit seinen Themen, so Yüksel. Kolleg*innen mit ähnlichen Projekten stießen in den Redaktionen allerdings häufig auf taube Ohren – mit der Argumentation, dass es hierfür keine Zielgruppen gebe. Dies liege vor allem daran, dass die Redaktionen immer noch zu homogen besetzt wären. Yüksel unterstrich, dass bei den Gatekeepern oft derjenige gewinnt, der immer noch Klischees über die diskriminierten Gruppen bediene.

Vertragsberatung bei ver.di
Doch was kann man gegen den Klassismus in der deutschen Filmbranche tun? Biene Pilavci ist Teil des politischen Filmnetzwerks „Neue Deutsche Filmemacher*innen“, sie rief dazu auf, noch mehr Banden zu bilden. Çagdaş Eren Yüksel meinte, man sollte sich trauen, für erste Projekte über Crowdfunding Umwege zu gehen. Zurzeit öffneten sich auch mehr Türen in den Fernsehredaktionen. Anja Willmann von der ver.di FilmUnion betonte, dass es eine Kernaufgabe der Gewerkschaften sei, Menschen aus prekären Beschäftigungsverhältnissen herauszuholen. Umso mehr Filmschaffende sich gewerkschaftlich organisierten, desto stärker könnte ver.di die Interessen von Kunst- und Kulturschaffenden vertreten. Es ginge nicht nur um höhere Gagen und bessere Arbeitsbedingungen. Willmann stellte fest, dass nicht nur von Klassismus Betroffene mit den bis zu 30seitigen Verträgen überfordert wären. Hier biete ver. di Beratung an. Bei dem derzeitigen Fachkräftemangel wäre es außerdem wichtig, bei Vertragsabschlüssen fordernder aufzutreten und zu sagen: „Ich bin aber mehr wert!“

Das Fördersystem stand nicht zur Debatte
Lars Henrik Gass, Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage, nahm im filmdienst auch dieses Panel zum Anlass einer grundsätzlichen Kritik am Kongress: Das Panel machte deutlich, warum die Filmförderer in Allianz mit den Fernsehsendern, die seit Jahrzehnten fast alles verhinderten, „was die soziale Realität ungeschönt zeigt und künstlerisch aus dem Mittelmaß zur Vielfalt hinausführen will“, nun „auf einmal ein so großes Interesse am Change Management, also unserer aller Umerziehung haben.“ Die Branche sehe nicht die Filmförderstrukturen als Problem an, sondern die Privilegierten, die sozial Benachteiligte am Fortkommen hinderten.
Im Gegensatz zum ersten Kongress 2018 spielte die „Systemfrage“ diesmal tatsächlich nur am Rande eine Rolle. In den Frankfurter Positionen wurde etwa noch gefordert, das Finanzierungsmodell der Länderförderungen – Kino-Koproduktion mit den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten – zu beenden.

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Festival, Filmförderung, Diversität, Sozialversicherung, Filmwirtschaft

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