GRIP 65
21.07.2022
Filmbildung – Die europaweite Vernetzung fehlt
Der 2. Kongress Zukunft deutscher Film im Rahmen des Lichter Filmfest Frankfurt International suchte dieses Jahr nach Antworten auf die Frage, ob europäische Länder in Hinblick auf die Filmförderung voneinander lernen könnten. Insbesondere das Thema Filmbildung fristet – jenseits Frankreichs – eher ein Schattendasein in Europa. Ein Panel mit Expert*innen diskutierte die Frage: Welche Filmbildung braucht Europa?
Von Dieter Brockmeyer
Film habe sich zwar historisch gesehen sehr schnell zu einem prägenden Medium in ganz Europa entwickelt, im Vergleich zu anderen Kunstgattungen griffen die Bildungssysteme dies aber nicht auf, so die ernüchternde Einleitung von Christine Kopf, Leiterin der Abteilung Filmbildung und -vermittlung im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum (DFF). Es gebe noch immer große Defizite, wie Filmwissen vermittelt werden könne.
Ausgangspunkt Schule
Für Mark Reid, Leiter der britischen Lernprogramme des British Film Institute (BFI), sind die Schulen der richtige Ausgangspunkt für die Filmbildung: „Über die Schule können wir alle Kinder in Europa erreichen“ und er ergänzte, dass die Wichtigkeit der Filmbildung von vielen Ländern erkannt sei. So gebe es in den baltischen Staaten eine ganze Reihe durchfinanzierter Projekte. „Da ist einiges wirklich Brillantes dabei, was aber besser international miteinander verbunden werden könnte.“ Hier gebe es ein klares Defizit.
Reid war nicht sonderlich davon angetan, sich mit Filmbildungsaktivitäten auf die Branche zu fokussieren: „Wir haben hier etwa 90.000 Menschen, die in der Filmindustrie arbeiten. Wenn wir nur auf diese zielen, wo bleibt dann das breite Publikum?“ Es müsse um den Public Value gehen, also den gesellschaftlichen Mehrwert. Auch bei dem Begriff „Innovation“ meldete er Bedenken an. „Wenn wir die ganze Zeit nur nach Innovation schauen, dann heißt dies nichts anderes, als dass die vorherigen Projekte nicht gut genug waren. Das kommt mir doch irgendwie arrogant vor.“
Die Sichtbarkeit erhöhen
Die Bulgarin Ralitsa Assenova, die unter anderem für die internationale Online-Plattform European Cinema Education for Youth (CinEd) arbeitet, betonte, dass Workshops im Rahmen von Filmfestivals besonders wichtig wären. „Wir müssen vor allem unsere Sichtbarkeit erhöhen“, sagt Assenova. Und es sollten noch mehr Filme einbezogen werden.
Emese Erdös arbeitet seit 2017 am Nationalen Filminstitut in Budapest, für das sie inzwischen als Bildungsreferentin des Filmarchivs tätig ist. Sie betonte, dass ihre Arbeit sich auf die Filmgeschichte vor 1990 konzentriere: „Es ist wichtig diese Filme zu kennen, damit man die aktuellen besser einordnen kann.“ Erdös schließt den Experimentalfilm ausdrücklich mit ein.
Fördermöglichkeiten in Brüssel
Alle Teilnehmenden der Diskussionsrunde stimmten darin überein, dass eine größere europäische Vernetzung nötig sei. Kopf verwies auf das neue Media Programm der EU, dort stünden immerhin zwei Milliarden Euro für die nächsten sieben Jahre zur Verfügung – nicht allein für die Filmbildung, aber immerhin. Stefano D’Orilia arbeitet zurzeit an der Umsetzung des Creative Europe Media Programms bei der Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur (EACEA) der Europäischen Kommission. Er ermutigte jeden, seine Projekte einzureichen und betonte, dass die Frage, wie diese Anträge dann zu bewerten seien, einen sehr tiefen Einstieg in die vorgeschlagenen Projekte erfordere. So solle in den Anträgen sehr klar herausgestellt werden, was jeder Partner auf welche Weise dem Projekt beisteuere. Die Chancen stiegen, je deutlicher das Projekt und die Schritte in dem Antrag beschrieben würden. Was sich einfach anhört, ist in der Realität sehr komplex und die Antragstellung erfordert einen enormen Aufwand, der gerade von kleinen unabhängigen Initiativen nur sehr schwer zu stemmen sein dürfte, zumal eine Ablehnung immer möglich ist.
Veränderungen durch die FFG-Novelle?
Doch wie sieht es mit der Förderung von Filmbildung zurzeit auf Bundesebene aus? Lehrkräfte in den Schulen bauten bislang vor allem auf die seit mehr als 15 Jahren stattfindenden „SchulKinoWochen“ von Vision Kino, einer gGmbH zur Förderung der Film- und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Finanziert wird das Projekt über die Filmförderungsanstalt (FFA) und die BKM. Zeitgleich mit der Frankfurter Diskussionsrunde veröffentlichte Vision Kino seine Stellungnahme zur Novellierung des Filmförderungsgesetzes (FFG). Darin finden sich konkrete Erneuerungsvorschläge zur Förderung von Filmbildung und Medienkompetenz im Gesetzestext. Man sehe sehr wohl „einen erheblichen Bedarf, das Thema Filmbildungsförderung zukünftig stärker und detaillierter im FFG zu verankern.“
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: Filmkultur, Festival, Filmförderung, Filmtheorie/Filmwissenschaft, Institution
