GRIP 65
21.07.2022
Eine Schule des Sehens – 50 Jahre Kommunales Kino Frankfurt
Wie in vielen anderen Fällen verdarb die Corona-Pandemie im Dezember 2021 auch dem Kommunalen Kino in Frankfurt die Geburtstagsfeier zum 50-jährigen Bestehen. Im Juni wurde die Feier nachgeholt mit einem Sonderprogramm aus Klassikern und Raritäten. Ein Rückblick auf die frühen Jahre eines der ersten „Kokis“ der Republik.
Von Reinhard Kleber
Am 3. Dezember 1971 war es so weit: Das Kommunale Kino eröffnete den Spielbetrieb im damaligen Theater am Turm mit einer Buster Keaton-Retrospektive. Treibende Kraft war der Kulturdezernent Hilmar Hoffmann, der den Anspruch erhob, Film den anderen Künsten gleichzustellen – aus heutiger Sicht eine kulturpolitische Pioniertat. Im Oktober 1972 zog das Kino ins Historische Museum. Die Leitung des Kinos, für das sich schnell die Abkürzung Koki einbürgerte, übernahm Sigmar Ahlering, der 1973 von Walter Schobert abgelöst wurde. Dieser prägte auch den Slogan „Andere Filme anders zeigen“, der den bis heute gültigen kulturpolitischen Anspruch der Kokis auf den Punkt bringt.
Keimzelle für Cineasten
An dieser Stelle erlaubt sich der Autor dieser Zeilen einen Exkurs. Als Student der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft kam ich in den 1980er Jahren durch Walter Schobert erstmals anschaulich in Kontakt mit der deutschen Filmgeschichte. In seinen Seminaren lernten wir Klassiker wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Metropolis“ kennen, aber auch Karl Freunds entfesselte Kamera in Murnaus „Der letzte Mann“. Wir profitierten von der profunden Sachkenntnis Schoberts und im Rückblick betrachtet legte dieses Seminar die Keimzelle für mein Selbstverständnis als Cineast. Schobert zog 1984 als Direktor des neu gegründeten Deutschen Filmmuseums ans Mainufer und mit ihm das Koki. Nach meiner Frankfurter Zeit geriet es 1993/94 in eine Krise, als der Magistrat aus Spargründen die Schließung beschloss. Nach mehr als 200 Protestschreiben wurde die Entscheidung zwar revidiert, doch das Koki verlor seine Eigenständigkeit und wurde zum Kino des Museums, im heutigen DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum.
Ein Koki-Urgestein
Winfried Günther hat mit allen Kinoleiter*innen seit der Frühzeit des Koki zusammengearbeitet: Von Walter Schobert und Ronny Loewy über Kitty Vincke und Ulrike Stiefelmayer. Und bis heute mit Natascha Gikas, denn auch nach seiner Pensionierung 2014 ist er im Team geblieben: „Von der Recherche über die Filmbestellung und das Verpacken von Filmen bis zu Büroarbeiten, wir teilen die Arbeit im Team.“
In den vielen Jahrzehnten hat Winfried Günther zahllose Programmreihen kuratiert. Besonders am Herzen liegt ihm der Avantgarde-Film, denn lange Jahre hat er die Reihe „Avantgarde und Experiment“ betreut. „Das hat in der Form kein anderes Kino in Deutschland gemacht“, meint Günter und fügt hinzu: „Eine Großtat war Anfang der 1980er Jahre ein Programm mit Filmen aus allen sowjetischen Unionsrepubliken, das es bis dahin hierzulande nicht gegeben hatte.“ Ein Highlight ist für ihn auch eine Reihe aus dem Jahr 1984: „Eine Geschichte des japanischen Kinos in 100 Filmen“. „Viele der Filme haben wir zum ersten Mal in Europa gezeigt.“
Und was ist seine schönste Erinnerung an die Arbeit im Koki? Günther denkt nach und sagt: „Natürlich die vielen schönen Filme, die ich als Mitarbeiter sehen konnte.“ Aber es habe auch peinliche Vorfälle gegeben: „Wir hatten mal einen Gast aus den USA, da fiel die Filmvorführung aus, weil sich der Vorhang nicht öffnen ließ. Das Seil hatte sich verhakt. Ein Techniker konnte das Problem erst am nächsten Tag lösen, da war der Gast aber schon weitergereist. So was bleibt natürlich im Gedächtnis.“
Früh Kinder einbeziehen
Bei den Retrospektiven von Regisseur*innen hebt Günther die Filmschauen zu Jean Rouch, Raul Ruiz, Jean Rollin, King Vidor und Stan Brakhage hervor. Sehr stolz sei das Team auch auf die Gründung des Kinderfilmfestivals Lucas: „Das fing 1975 ganz klein an, hat sich aber immer weiter entwickelt. Uns war immer wichtig, für Kinder etwas anzubieten, die ja die zukünftigen erwachsenen Besucher sein sollen.“
Und wo steht das Koki in zehn Jahren? Schauen dann alle nur noch Filme via Streaming? „Corona hat eine schleichende Entwicklung beschleunigt, nämlich dass immer mehr Leute Filme zuhause streamen“, sagt Günther, „andererseits ist noch nie ein Medium verschwunden, weil ein neues aufkam. Das Kino führt in zehn Jahren vielleicht eine Nischenexistenz, aber es verschwindet nicht. Auch das Kino des DFF wird es weiterhin geben.“
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: Filmkultur, Kino, Institution, Filmwirtschaft
