GRIP 65
21.07.2022
Die Mediathek als erster Ausspielweg
Im Linearen wie im Digitalen ist der Hessische Rundfunk (hr) bis vor kurzem nicht von seiner Inhouse-Politik abgerückt. Um Zielgruppen unter 35 zu erreichen, möchte der Sender nun jedoch Serien für die Mediathek und Drittanbieter im Netz koproduzieren. Und hierbei sind bereits zwei hessische Filmproduktionsfirmen zum Zuge gekommen.
Von Birgit Schweitzer
Die Doku-Serie „Bastards.“ begleitet das deutsch-iranische Duo Pretty Bastards auf seinem Weg durch die deutsche Wrestling-Szene. In den insgesamt zwölf Episoden à 20 bis 30 Minuten stehen neben sportlichen Herausforderungen, Rückschlägen wie Nackenbruch und Schulterverletzung auch die persönlichen Geschichten der beiden Frankfurter Wrestler Maggot und Prince Ahura im Mittelpunkt. Nachdem der Darmstädter Filmemacher Marco Eisenbarth die erste Staffel unabhängig produzieren musste, stieg der hr für die zweite Staffel mit ein.
In der zweiten Staffel gesellt sich noch die befreundete junge Wrestlerin Baby Allison hinzu, die als einer der aufstrebenden Stars im Frauen-Wrestling ihren männlichen Kollegen in nichts nachsteht. Ebenso Aaron Insane, der langjährige Freund und Mentor der Pretty Bastards, ist Teil der Doku. Die Serie entführt in die harte und eindrucksvolle Welt der Wrestling-Szene, die aus Kampfsport, Show, Akrobatik und auch ein bisschen Selbstinszenierung besteht. Der Traum von der großen Karriere ist das Verbindende, mit dem sich die Zuschauer*innen identifizieren können. Beide Staffeln finden sich zurzeit in der ARD-Mediathek.
Adventure Comedy mit Tiefgang
Derzeit noch in der Entwicklung mit Beteiligung des hr ist eine Animationsserie für Erwachsene, „Soul Shift“, produziert von Thomas Schneider-Trumpp. Mit seiner Firma Playlist4You hat er bereits mehrere Animationsserien hergestellt. Autor und Regisseur ist Christian Franz Schmidt, Absolvent des Studienganges Animation an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, mit dem Schneider-Trumpp schon seit zehn Jahren zusammenarbeitet.
Zehn Folgen à zehn Minuten sollen in 2D Zeichentrick entstehen. „Viele verschiedene Welten werden für die Serie entworfen und ein Cast von 120 Characters gezeichnet“, erklärt Schneider-Trumpp. Vornehmlich hessische Animatoren seien damit beschäftigt. Bei der Story handelt es sich um eine Adventure Comedy mit Tiefgang: Erst durch eine Seele wird jedem Geschöpf im Universum, von der Mikrobe bis zum intelligenten Wesen, Leben eingehaucht. „Soul Shift“ macht die Seelen zu Protagonisten – mit Namen, Charakter, Vorlieben und einem speziellen Aussehen – und zeigt das Dasein der Seelen und der durch sie belebten Geschöpfe. Die Erfahrungen der Seelen reichen quer durch die Evolutionsgeschichte – und bieten dabei manchen Aha-Effekt. Die Fertigstellung sei laut Schneider-Trumpp für 2023 geplant.
Eine Gretchenfrage: Make or buy
Bei beiden Produktionen, die neue Zielgruppen ansprechen sollen, handelt es sich um kurzformatige Serien vornehmlich für den digitalen Ausspielweg der Mediathek. Bisher herrschte im Sender die Prämisse, bevorzugt selbst zu produzieren. Auftrags- und Koproduktionen gab es beim hr zwar schon immer, doch der Anteil steigt. „Das Tor wurde weiter geöffnet, seitdem wir auch für die Mediatheken produzieren“, berichtet Frank Böhm, Leiter der Stabstelle Neue Formate Bewegtbild/Mediathek beim hr. „Make or buy?“ sei die Gretchenfrage, die sich der hr nun stellen müsse, vor allem da in der digitalen Welt eine kürzere Lebensdauer der Produkte festzustellen sei. Genau hierin steckt derzeit eine große Chance für Filmemacher*innen in Hessen.
Im Juni fand das Festival „die Seriale“ in Gießen statt. Frank Böhm hat sich auf dem Pitch Contest im Rahmen des Business Treffens Seriale Pro nach „kreativen Köpfen, neuen Ideen, neuen Inhalten und Macharten für neue Zielgruppen“, wie er es formuliert, umgesehen. Im Wettkampf der guten Ideen mit den anderen ARD-Sendeanstalten will der hr der Region verbunden bleiben und setzt auf hochwertige Serien, am liebsten à la Netflix. „Bei allen neuen Produktionsvorhaben gilt die Mediathek als erster Ausspielweg mit all ihren Anforderungen. Dort ist es nicht wie beim Fernsehen, wo zu bestimmten Uhrzeiten in jedem Fall Zuschauer vorbeikommen, und unsere Aufgabe ist dafür zur sorgen, dass sie dranbleiben.“ Damit ein Inhalt in der Mediathek von Zuschauer*innen später gefunden werde, müsse die Werbung und Kommunikation mit der Zielgruppe gleich schon mitgedacht werden. Oder gar prominente Zugpferde gesucht werden. „Was in der digitalen Welt klar und gut funktioniert, funktioniert dann sehr oft auch im linearen Bereich“, so Böhm.
Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)
Schlagworte: Festival, Filmproduktion, TV/Rundfunk, Webformat, Animation, Filmwirtschaft
