GRIP 65

21.07.2022

Das bittere Los der Filmverleiher

Die Pandemie hat im Kulturbetrieb tiefe Spuren hinterlassen. In den vergangenen zwei Jahren war häufig von finanziellen Problemen der Kinos, vom Verschieben der Blockbuster-Kinostarts und von erschwerten Produktionsbedingungen die Rede. Dagegen war so gut wie gar nichts über die Situation der „kleineren“ Verleih-Unternehmen zu lesen, die Arthouse-Filme in die Kinos bringen und bereits vor der Corona- Krise einen schweren Stand hatten.

Von Claus Wecker

Im Februar 2022 hat sich der Geschäftsführer des Filmverleihs „Salzgeber“, Björn Koll, über die Unsinnigkeiten der Filmförderung beklagt, die seinem Unternehmen – und nicht nur diesem – existentielle Sorgen bereiten. In seinem Offenen Brief an Filmschaffende und Produktionsfirmen rechtfertigte er, warum er immer mehr Anfragen nach Verleihförderung, die auf seinem Schreibtisch landen, eine Absage erteilen müsse. Auch wenn ein Verleihvertrag wichtig sei, um weitere Finanz- oder gar DFFF-Mittel zu erhalten.

Keine Förderung ohne Kinoauswertung
Es geht also um die leidige Frage, wie deutsche Filme finanziert werden und wie sie finanziert werden sollten. Koll führt ein Beispiel an, bei dem die Kinoauswertung Erfolg versprach. Den Dokumentarfilm „Wagenknecht“ über die prominente gleichnamige Politikerin ereilten nach dem Start am Donnerstag die Kinoschließungen am Wochenende. Eine sofortige Anfrage bei der Filmförderungsanstalt (FFA) auf Internet-Freigabe für den „Salzgeber Club“ wurde nicht beantwortet.
Auch ist das unternehmerische Risiko hoch, wenn ein Verleih nur auf Drehbuchbasis in ein Projekt finanziell einsteigt. Die diversen Fördereinrichtungen wie etwa der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) und die Filmförderanstalt (FFA) sind aber für ein funktionierendes Kinosystem konzipiert – und schreiben Kinoeinsätze vor, auch wenn der Film etwa auf arte nur zu mitternächtlichen Sendezeiten laufen würde. Koll stemmt bei Salzgeber größere Projekte. In der BR-Sendung „kinokino“ sagte er im April: „Ich hab‘ in den letzten zwei Jahren 400.000 Euro verloren. Das hält das Unternehmen aus. Das ist aber ’ne Menge Geld.“ Aus dem hohen Fördervolumen von 770 Mio. Euro gingen nur 16 Mio. Euro in die Verleihförderung.

Besucherrückgang bei Arthouse Filmen
Die AG Verleih, der Verband der sogenannten unabhängigen Verleiher, spricht von der tiefsten Krise, die inzwischen 26 Monate andauere, und trotz der Aufhebung der coronabedingten Beschränkungen von einem Besucherrückgang von bis zu 70 Prozent. In das Kreuzfeuer von AG Verleih und AG Kino ist der German Motion Picture Fonds geraten, der sich mit einer Ausnahme auf die Förderung von Streaming-Serien verlegt hat. Dass kommerziell erfolgreiche Serien à la „Berlin Babylon“ gefördert werden, während Kinoverleiher ums Überleben kämpfen, erregt auch den „Pandora“- Geschäftsführer und AG Verleih-Vorsitzenden Björn Hoffmann. "Die Situation im Arthouse könnte gar nicht schlechter sein, als sie derzeit ist. Und mit der Ankündigung neuer Corona-Wellen schwindet so langsam auch jegliche Hoffnung auf Besserung. Ehrlich gesagt bin ich derzeit so desillusioniert wie nie zuvor in den letzten 24 Monaten. Denke, 2023 werden wir nur noch einen Bruchteil der derzeit tätigen Verleiher haben, und ich weiß nicht, ob wir dazu gehören oder dann auch pleite sind“, sagt der Chef des Verleihs, der sich wie kein Zweiter um das Arthouse-Kino hierzulande verdient gemacht hat.
Torsten Frehse, der mit den „Monsieur Claude“-Filmen kommerziell erfolgreich war und es mit dem dritten Teil vermutlich erneut sein wird, erklärte für seine Firma „Neue Visionen“: „Wir machen auch mit jedem Film Verluste. Auf der anderen Seite ist es so, dass wir die Filme lieben, dass wir sie im Kino sehen wollen und dass sie auch für‘s Kino da sind.“

Und der Frankfurter jip-Verleih?
Julia I. Peters von „jip film &verleih“ in Frankfurt plädiert für eine Sperrfristverkürzung von zurzeit vier auf drei Monate für die Auswertung per Video on Demand (VoD). In Zusammenarbeit mit Jutta Feit verleiht sie Spiel- und Dokumentarfilme, die sich politischen Themen in Krisengebieten wie Afghanistan und der Ukraine sowie Frauenrechten widmen. Aus ihrem Programm wurden zwei Filme für den Deutschen Filmpreis 2022 in der Kategorie Dokumentarfilm nominiert, „The Other Side oft he River“ gewann die goldene Lola. Die Verleiherinnen sind bislang gut durch die Krise gekommen, was auch an ihrem erfolgreichen Zielgruppenmarketing liegen mag. Allerdings kalkulieren auch sie mit niedrigeren Besucherzahlen.

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Verleih, Kino, Filmwirtschaft, Filmförderung

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