GRIP 65
21.07.2022
Christoph Maria Fröhder – ein Krisenberichterstatter mit Grundsätzen
Mit dem Ukrainekrieg nimmt die Kriegsberichterstattung derzeit einen so breiten Raum in den Medien ein wie selten zuvor. Der Frankfurter Journalist Christoph Maria Fröhder war mehr als 50 Jahre lang weltweit vor allem für die ARD unterwegs und betrachtet sich nicht als Kriegs- sondern als Krisenberichterstatter. Er blickt kritisch auf seine Zunft. Im September 2022 wird Fröhder 80 Jahre alt.
Von Claudia Prinz
Nach mehreren Jahrzehnten als Reporter in Auslandseinsätzen ist Christoph Maria Fröhder so etwas wie ein Elder Statesman des Krisenjournalismus. Nach seinem letzten Einsatz im Darfur Konflikt im Sudan ist er sesshafter geworden. Er hält heute vor allem Vorträge und kümmert sich um den journalistischen Nachwuchs, der ihm Exposés zur Begutachtung schickt. Er kann hier auf seine Erfahrungen als investigativer Journalist zurückgreifen, immerhin deckte Fröhder 1987 den Skandal um die Hanauer Firma Transnuklear auf, die illegal Atommüll über die deutsch-belgische Grenze verschoben hatte. Anstatt die Abfälle in Belgien verbrennen zu lassen, wurden diese einfach umdeklariert und nach Deutschland zurückgebracht.
Verstecktes Filmmaterial
Sein Spezialgebiet ist seit den späten 1960er Jahren jedoch die Krisenberichterstattung. Der erste Einsatz war in der abtrünnigen nigerianischen Ostprovinz Biafra. „Vermutlich weil meine Reportagen ruhig und fragend waren, hat man mich danach häufiger gebeten, aus solchen Krisengebieten zu berichten. Die gab es genug. Bis weit in die 1970er schüttelten viele Länder das Joch der Kolonialzeit ab und versuchten einen neuen, einen eigenen Weg zu finden. Dies zu er- leben war faszinierend und ein wichtiger Strang in der Berichterstattung, dem ich später auch in Vietnam und Kambodscha, aber auch in Afghanistan folgte“, erinnert sich Fröhder. Als freier Korrespondent arbeitete er an den jeweiligen Kriegsschauplätzen auf der ganzen Welt und legte strenge Maßstäbe für sich an. So blieb er 1975 beim Einmarsch der Roten Khmer als einziger westlicher Fernsehjournalist in Phnom Penh. Das heimlich gedrehte Filmmaterial schmuggelte er in einem Gipskorsett am eigenen Körper außer Landes und konnte es später weltweit verkaufen. Dieses Bravourstück brachte ihm nicht nur journalistischen Ruhm ein, sondern finanzierte auch sein Haus in Frankfurt, in dem er heute noch wohnt.
Politischer Journalismus mit hohem Anspruch
Fröhder berichtete während und nach dem Zweiten Golfkrieg 1991/92 aus Bagdad, so auch 2003 während des Irakkrieges. In seinem Buch „Ein Bild vom Krieg – meine Tage in Bagdad“ erzählt er von dem Alltag eines Reporters im Krieg und setzt darin seinem Maßstab für eine ethisch vertretbare Krisenberichterstattung, die er bei manchen Kolleg*innen vermisst: „Mein grundsätzlicher Anspruch als politischer Journalist bedeutete immer, mit kritischem Blickwinkel beide Kriegsparteien zu beobachten. (…) Wir müssen eine unabhängige Instanz zwischen den Kriegsparteien sein, die durch ihre Berichte versucht, die Situation der Zivilbevölkerung darzustellen und sie letztlich damit auch zu schützen“. Die Hintergrundrecherche spielt für Fröhder hierbei eine wichtige Rolle: „Ich lese, lese, lese und ich rufe auch einmal Kollegen an, die in Ausnahmesituationen etwas berichtet haben, nicht nur Fernsehleute.“ Deren sachkundige, aber auch persönliche Einschätzung der Lage vor Ort sei ihm wichtig, man müsse „eine gewisse Demut mitbringen und auch von anderen lernen.“
Abrechnung mit der ARD
Über Jahrzehnte hinweg hat Fröhder als freier Autor, der seine Filme selbst produzierte, für die ARD gearbeitet. Bei den einen Redakteur- *innen war er hoch geschätzt, andere versuchten seine Beiträge zu verhindern. Dies mag auch mit Fröhders Bagdad-Buch zusammenhängen, in dem er früh Kritik an den schwerfälligen Entscheidungsstrukturen und Abläufen innerhalb der ARD übte. Und danach machte es die Runde, dass er sich zunehmend an der formalen und inhaltlichen Qualität der Moderation und der Berichte in den Nachrichtensendungen der ARD störte, unter anderem an der „sprachlichen Verlotterung“ – es wimmelte vor Grammatikfehlern. Die Anmoderation war identisch mit den beiden ersten Sätzen des Films. Es wurden Bilder ohne Hinweis auf ihre Herkunft benutzt und Zitate wurden nicht kenntlich gemacht
Der Spiegel trat 2015 für ein Interview an Fröhder heran, worin er verkündete, sich journalistisch von Tagesschau und Tagesthemen zu verabschieden, falls die Sendungen weiterhin so geführt würden. Rückblickend sagt Fröhder, dass es wichtig sei, an die Öffentlichkeit zu gehen und nicht nur intern und im Freundeskreis zu kritisieren. „Das hat dann eingeschlagen wie eine Bombe, woran man sieht, wie sensibel solche Systeme sind, weil sie sich für unantastbar halten.“ Innerhalb der ARD wurde bald darauf über die einzelnen Punkte seiner Kritik beraten. „Da sagten die Programmverantwortlichen: ‚Er hat leider recht. Nur warum hat er das nicht mit uns besprochen?‘ Aber dann wäre nie etwas passiert“, berichtet Fröhder und ergänzt, „heute sieht man, dass regelmäßig ‚Archiv‘ oben eingeblendet wird, und dass an manchen Stellen im Konjunktiv berichtet wird. Jedenfalls wurde damals eine Liste aufgestellt, um eine saubere Berichterstattung zu gewährleisen. Das ist nicht direkt auf meinem Mist gewachsen, aber ich habe zumindest den Anstoß gegeben.“ Heute verurteilt Fröhder die „Desinformation durch Überinformation“ im Fernsehen und plädiert dafür, den Zuschauenden Platz für die eigenen Gedanken einzuräumen.
Und die Ukraine-Berichterstattung?
Die derzeitige Ukraine-Berichterstattung findet Fröhder fast durchweg schlecht, weil sie versuche, staatsmännisch zu sein. Gerade im Fernsehbereich produziere man keine wirklichen Geschichten, sondern man zeige den Regierungssprecher und seinen verlängerten Arm. Es sei eine große Herausforderung, gleichermaßen vom Kriegsgeschehen und von der Lage im ganzen Land zu berichten, denn gekämpft werde überwiegend an den Rändern. Das, was in der großen Mitte der Ukraine geschehe, bleibe außen vor. Es gebe aber auch einige wenige gute Geschichten, etwa von Markus Preiß, Korrespondent der ARD in Brüssel: „Der hat einen Bericht über den Ort gemacht, an dem die Russen dachten, sie könnten mit Leichtigkeit über die Grenze einmarschieren. Die Bewohner hatten diese Furcht auch und haben kurzerhand eine Schleuse gesprengt, sodass ihr Dorf und sein ganzes Umfeld nass waren und die angreifenden Panzer im Schlamm versanken. Das hat Preiß nicht nur rekonstruiert, er hat es auch sehr anschaulich gezeigt, da er nur mit Gummistiefeln zu den Leuten ging. Da war alles drin: Das Persönliche, ein Überblick und ein positiver Aspekt. Insofern hat er sich angenehm von den täglichen „Human Touch”-Geschichten über das Schicksal der Flüch-tenden abgehoben.“
Auszeichnungen
Eduard-Rhein-Preis (1985)
Deutscher Kritikerpreis (1996)
Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis (1997)
Kategorie: Personenportrait (GRIP FACE)
Schlagworte: Dokumentarfilm, Dreharbeiten, TV/Rundfunk
