GRIP 54
01.05.2016
Eins, zwei, drei Heimatländer
Sung-Hyung Cho – eine Heimatfilmerin aus Leidenschaft.
Von Claudia Prinz
„Heimatfilme“ ist das Label, mit dem Sung-Hyung Cho auf ihrer Website ihre Dokumentationen kennzeichnet. Bereits mit ihrem 2006 im Kino gezeigten ersten Langfilm „Full Metal Village“ traf sie damit auf ein dankbares Publikum, das sich gerne von der Koreanerin zeigen ließ, wie interessant die deutsche Provinz sein kann. Am Beispiel Wacken, wo jedes Jahr zwei verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, zeigte Chos unbefangener Blick, wie viel Heavy Metal Fans und die Bewohner eines 1800-Seelen-Dorfs gemeinsam haben. Die Regisseurin nimmt sie liebevoll in den Fokus und schafft Identifikationsmöglichkeiten, die sich ansonsten mit solchen Menschen nicht so leicht herstellen lassen. Der Film war im Kino sehr erfolgreich und es regnete Preise, unter anderem den Max-Ophüls-Preis und den Hessischen Filmpreis.
Sung-Hyung Cho wuchs in Busan in Südkorea auf und studierte in Seoul Kommunikationswissenschaften, bevor sie 1990 nach Deutschland kam und in Marburg ihren Master in Kunstgeschichte, Medienwissenschaften und Philosophie machte. 1999/2000 folgte das Studium an der HfG Offenbach im Fach Elektronisches Bild. Als Schnittassistentin arbeitete sie daraufhin für TV Serien wie "Ein Fall für Zwei" und "Die Kommissarin". Später wurde sie Cutterin bei IN–motion AG Frankfurt und war verantwortlich für den Schnitt diverser Musikvideos, TV Promotionsvideos, CD Werbungen und Showreels.
Mit „Full Metal Village“ aber war Cho endgültig in Deutschland angekommen. Mit ihrem nächsten Film aber wandte sie sich ihrer alten Heimat zu. Cho erinnert sich: „Nach dem Film 'Full Metal Village' fühlte ich mich zum ersten Mal in Deutschland wie zu Hause. Und dann musste ich an meine alte Heimat denken, an Korea. Mein Nachdenken über Heimat, mein Heimweh - so kam ich auf die Idee zu meinem nächsten Film 'Endstation der Sehnsüchte'". Der Film porträtiert drei bi-nationale Paare - mit deutschen Männern verheiratete Koreanerinnen –, die in dem extra für sie in Korea gebauten Dorf Namhae ihren Ruhestand verbringen. Für Cho ist das „Deutsche Dorf“ exemplarisch, weil dort zwei Heimatländer zu finden sind: Deutschland und Korea. „Ein Mensch wie ich, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt, hat natürlich auch eine doppelte Heimat. Ich bin Koreanerin, aber ich fühle mich auch in Deutschland zu Hause. Deshalb hat das Thema gepasst.“
2011 startete sie ihr nächstes Projekt, die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft bis zum Weltmeisterschaftssieg dokumentarisch zu begleiten. Aber die Realität machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Die Deutschen Fußballfrauen, haushohe Favoritinnen, schieden im Achtelfinale aus. Für Cho eine schwierige Situation: „Wie viele andere war auch ich fest davon überzeugt, dass unsere Spielerinnen bis ins Finale kommen. Sie hatten hart trainiert und man kann es sich bis heute nicht wirklich erklären, wie das alles kam. Wir hatten gehofft, dass der WM-Titel die Krönung des ganzen Turniers und damit auch unseres Films wird, aber leider ist es anders gelaufen. Wir hatten zwar nie vorgehabt, einen reinen Jubelfilm zu machen, dennoch ging so unser ursprüngliches Konzept nicht auf.“
Als Cho den Film 2012 fertigstellte, verschob sie die Perspektive auf einen neuen, überraschend spannenden Aspekt, nämlich auf die Frage: Was passiert mit der Mannschaft nach diesem völlig unerwartet frühen Ausscheiden. Cho zeigte, wie die Spielerinnen die Niederlage verarbeiten mussten und wie sie in ihr normales Leben zurückfanden.
2011 trat Cho eine Professur für Künstlerischen Film/Bewegtbild an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken an. Das brachte Einschränkungen für ihre eigenen filmischen Aktivitäten mit sich, so dass sie erst 2013 ihr nächstes Projekt beginnen konnte, das dann 2015 fertiggestellt wurde. In „Verliebt, verlobt, verloren“ wendet sie sich noch einmal ihren koreanischen Landsleuten zu. 1952, noch während des Koreakrieges, wurden junge Nordkoreaner zur Ausbildung in sozialistische Bruderländer geschickt. Mit dem neuen Wissen wollte man sie irgendwann zurück in die Heimat holen, um das zerstörte Vaterland wieder aufzubauen. Die DDR nahm einen großen Teil der koreanischen Studenten auf. Die höflichen jungen Männer beherrschten neben der deutschen Sprache bald auch die landestypischen Tanzschritte und es kam, wie es kommen musste: Sie verliebten und verlobten sich, sie bekamen Kinder. Anfang der 60er Jahre mussten die jungen Nordkoreaner nach Hause zurückkehren, die meisten ließen ihre frisch gegründeten Familien für immer zurück.
Ursprünglich sollte der Film in einer Wiederbegegnung der verlassenen Familien mit ihren nordkoreanischen Männern beziehungsweise Vätern gipfeln. Dafür reiste Cho extra zum Filmfestival nach Pjönjang. Doch der Plan scheiterte, dafür wurde ihr aber von den Nordkoreanern die Möglichkeit einer „Zusammenarbeit“ zu einem anderen Thema in Aussicht gestellt. Es dauerte dann noch einmal ein Jahr, bis sie die Erlaubnis erhielt, einen Dokumentarfilm über Nordkorea zu drehen, als Koreanerin mit deutschem Pass. Nach drei Recherchereisen begann sie 2014 mit den Dreharbeiten, die sich äußerst schwierig gestalteten. „Wir hatten uns vorher genau überlegt, wie wir in dem gegebenen Rahmen und mit den bekannten Einschränkungen wenigstens gewisse Freiheiten erlangen könnten und wir haben sehr darum gekämpft. Klar war, dass wir unsere Protagonisten nicht beliebig aussuchen durften, aber wir konnten unseren Ansprechpartnern eine Palette von Personen präsentieren, mit einem bestimmten Alter, Berufsfeld oder Hobby, die wir in ihrem Alltag gezeigt haben. Wir konnten natürlich nicht auf der Straße auf Leute deuten und sagen, ‚der da‘ oder ‚die da‘, das ging gar nicht, aber kleine Freiheiten gab es. Wir konnten vor Ort unsere Protagonisten austauschen, wenn uns einer nicht gefiel.“
In “Meine Brüder und Schwestern im Norden“ fing sie in noch nie gesehenen Bildern das Alltagsleben verschiedener Menschen ein, nicht nur in der Musterstadt Pjöngjang, in der alle ziemlich privilegiert sind, sondern über das Land verteilt: Eine patriotische Großmutter mit ihren Enkeln in der Hauptstadt, eine junge Textilarbeiterin in einer kleinen Hafenstadt, ein Bauernpaar auf einem Dorf. Dort sieht man das „normale“ nordkoreanische Leben. Die Menschen werden zu Hause und an ihrem Arbeitsplatz gezeigt, wie sie arbeiten und was sie in ihrer Freizeit machen. „Natürlich ist alles mehr oder weniger gestellt und wir mussten den Behörden jeden Meter Film vorlegen,“ sagt Cho. „Die Leute sind sehr kontrolliert, aber wer genau hinschaut, wird hinter der Fassade ihre Wünsche und Nöte erkennen.“
„Meine Brüder und Schwestern in Norden“ hatte als Eröffnungsfilm im März auf dem 9. Lichter Filmfest in Frankfurt Premiere, wo er auch den Preis für den besten Langfilm erhielt. Mitte Juli wird er in den Kinos anlaufen.
Filmografie:
"Die Türen", Musikvideo, 1997
"Dämmerung", Musikvideo, 1997
"Der Wind, die Schnecke, und das Spinnenetz", Musikvideo, 1999
"Take me", Musikvideo, 2000
"Your Mind", Kurzdoku, 2001
"Schrei ohne Schmerz", Kurzdoku, 2002
"Full Metall Village", Dokumentarfilm, 90 Min., 2006
"Endstation der Sehnsüchte", Dokumentarfilm, 95 Min., 2009
"11 Freundinnen", Dokumentarfilm, 97 Min., 2011/2012
"16 x Deutschland, heimisch in Hessen", Kurzdoku, 2013
"Verliebt, verlobt, verloren", Dokumentarfilm, 93 Min., 2015
"Meine Brüder und Schwestern im Norden", Dokumentarfilm, 106 Min., 2016
Kategorie: Personenportrait (GRIP FACE)
Schlagworte: Filmemacher*in, Dokumentarfilm, Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Festival
