GRIP 54
01.05.2016
Die cineastische Begeisterung zum Beruf gemacht
Filmpresse Meuser lockt das Publikum ins Kino
Von Birgit Schweitzer
Wie werden Filme eigentlich an die Frau oder den Mann gebracht? Gisela Meuser weiß es. Seit 1986 ist sie, wie sie sich selbst definiert, „Mittlerin und Managerin zwischen Presse, Verleih und Publikum“.
Ihre Agentur Filmpresse Meuser, die sich in Frankfurt in der Ederstraße in Bürogemeinschaft mit dem Stadtmagazin Strandgut befindet, hat sich auf Arthouse Filme spezialisiert. Ihre Referenzliste enthält Titel wie „Das Piano“, „Die fabelhafte Welt der Amelie“, „Das Fest“, „Breaking the Waves“, „Alles über meine Mutter“ sowie Filme von Woody Allen, Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki, Ang Lee und Wong Kar-Wei. Aber auch für Mainstreamfilme von 20th Century Fox, darunter etwa „Avatar“ oder „X-Men: Apocalypse“, macht sie regional die Pressearbeit.
Cirka drei Monate vor dem Kinostart beziehungsweise der Premiere des Films auf einem Filmfestival kommt Gisela Meuser ins Boot und erstellt eine Pressestrategie. Das mehrseitige Strategiepapier erinnert an eine medienwissenschaftliche Seminararbeit. Der Film wird darin zusammengefasst, eine Logline gefunden, Referenzfilme genannt, die Stärken und Schwächen des Films herausgearbeitet und mögliche Zielgruppen eruiert. Insbesondere werden die inhaltlichen Themen des Films herausgestellt. Mit diesen potentiellen „Aufhängern“ für Berichte werden Print-, Radio- und Fernsehredaktionen konkret angesprochen, um – das ist das oberste Ziel - größtmögliche Präsenz in den Medien für den Film zu schaffen. Dazu lädt sie Journalisten auch zu Pressevorführungen des Films ein. Das Budget für die Pressearbeit variiert zwischen 3.000 und 20.000 Euro, je nachdem ob große Stars dabei sind und Premieren oder Pressetermine organisiert werden müssen.
Gisela Meuser hat ihre Passion zum Beruf gemacht: „Wir sind alle begeisterte Kinogänger. Das gehört dazu.“ Als sie in Marburg Germanistik und Russisch auf Lehramt studierte, war sie Mitglied im Filmclub. Damals fuhr sie schon auf Festivals wie die Hofer Filmtage und hat nächtelang Filme geschaut. In Frankfurt arbeitete sie als Disponentin im Pandora Filmverleih. Zusammen mit Christiane von Wahlert, die später als Geschäftsführerin zur Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V. (SPIO) ging, machte sie sich selbstständig. Die beiden Frauen reagierten damit auf eine Marktlücke. Zwei Mitarbeiterinnen, Carola Schaffrath und Anne Schütz, unterstützen sie heute. „Die Pressearbeit hat sich verändert, es ist vielschichtiger geworden“, zieht Meuser ein Fazit über die drei Jahrzehnte. Jede Woche kommen rund 15 Filme ins Kino, vier Mal so viele als zu Beginn ihrer Tätigkeit. „Die Zeiten, als ein Film von Jim Jarmusch mit 25 Kopien ins Kino kam, ein Jahr gelaufen ist und so eine Million Zuschauer erreichte, sind vorbei. Nach vier Wochen sind große Filme mit 500 bis 1000 Kopien weg vom Fenster und mittelgroße mit 50 bis 80 Kopien müssen am Wochenende einen guten Schnitt haben, um weiter eingesetzt zu werden.“ Es gibt zwar immer mehr Medien; neue Magazine für unterschiedliche Zielgruppen sprießen aus dem Boden, und der gesamte Onlinebereich ist dazu gekommen. „Doch für Entdeckungen von Newcomern oder kleinen Filmperlen ist trotzdem kein Platz mehr. Wenn früher auf zwei Seiten über einen Film berichtet wurde, reicht es heute nur noch für eine. Bloß Interviews von großen Stars finden letztlich einen Abnehmer.“
Viele solcher Stars lernte Gisela Meuser im Rahmen von Betreuungen bei Premieren und Interviewtagen sogar persönlich kennen. So traf sie unter anderem Steven Spielberg, Tom Hanks, Kate Hudson, Anne Hathaway und Hugh Jackman. Zuletzt betreute sie Jennifer Lawrence im Zusammenhang mit dem Film „Joy“. „Man ist den ganzen durchgetakteten Tag lang Ansprechpartner für den Star, aber man lernt ihn trotzdem nicht näher kennen, da immer ein Agent zwischengeschaltet ist, über den die Kommunikation läuft.“ Eine schöne Erinnerung ist für sie die Begegnung mit Woody Allen bei der Premiere von „Bullets over Broadway“ in Hamburg. „Er ist nicht nur auf sich konzentriert. Mir hat er auch Fragen gestellt, über Privates und was ich so mache. Er ist sehr interessiert an allem. Ein ganz besonderer Mensch.“
Schwierige Zeiten kamen für sie, als der Pandora Filmverleih verkauft wurde. „Das war, wie eine Heimat zu verlieren“, erzählt sie, da sie alle Filme des Verleihs betreute und liebte. Dann ging der Nachfolger Kinowelt auch noch Pleite. Dennoch, es lief weiter. Zwischendurch hatte sie überlegt, nach Berlin zu gehen, wo eine bessere Filminfrastruktur herrscht, hat sich aber dagegen entschieden. „Ich bin hier doch zu sehr verwurzelt.“
Kategorie: Firmenportrait (GRIP FACE)
Schlagworte: Filmwirtschaft, Institution, Verleih, Filmkultur, Filmemacher*in
