GRIP 54
01.05.2016
Das Universum von Agnès Varda
Die Reihe "Lecture & Film" widmet sich dem Werk der großen Filmregisseurin
Von Vinzenz Hediger
Als Agnès Varda am 11. Februar im Städelmuseum den Max Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt entgegennahm, der zum ersten Mal an eine Persönlichkeit des Films vergeben wurde, sprach die Preisträgerin in ihrer Dankesrede zunächst auch gar nicht über Film, sondern vielmehr über den Ort, an dem die Zeremonie stattfand. Genauer: Sie sprach über Malerei, und auch nicht über Malerei im allgemeinen, sondern über einzelne Werke aus der Sammlung des Städels.
Es zeigte sich, dass die 1928 in Brüssel geborene Filmemacherin, Photographin und Installationskünstlerin schon öfters in Frankfurt gewesen war, als Reisende in Sachen Kunst, um Ausstellungen zu sehen und bestimmte Werke im Städel zu studieren. Was Varda als Würdigung des Ortes verstand, an dem sie den Preis erhielt, lässt sich durchaus auch als Schlüssel zu ihrem Werk verstehen. Varda erzählt gerne, dass sie in ihrem ganzen Leben erst drei Filme gesehen hatte, als sie 1954 ihren ersten Langspielfilm „La pointe courte“ realisierte. Varda ist in der Tat ausgebildete Photographin, und ihre Herkunft liegt in der bildenden Kunst, in der Geschichte der Malerei und der Photographie.
Gleichwohl war sie mit ihrem ersten Film schon der Kinogeschichte in gewissem Sinne voraus. „La pointe courte“, die Geschichte eines Heimkehrers, der in Paris gelebt hat und sich in dem Küstenstädtchen Sète mit seiner Lebensgefährtin trifft, nimmt viele stilistische Elemente des Kinos der 1960er Jahre vorweg. In Bildkomposition und Toneinsatz nimmt sich der Film, der lange Jahre nur einem kleinen Publikum von Kennern bekannt war, schon aus wie eines der großen Werke von Alain Resnais, der hier als Cutter am Film beteiligt war.
Zugleich greift "La courte pointe" Motive des Neorealismus auf und kombiniert diese mit avantgardistisch anmutenden Elementen. Ein Spiel mit den Registern des Films und der Filmgeschichte, das für die Nouvelle Vague, aber auch für das spätere Schaffen von Varda selbst charakteristisch werden sollte.
Als Varda mit ihrem zweiten Langspielfilm „Cléo de 5 à 7“, einem Schlüsselwerk des modernen Kinos, 1962 zur Protagonistin der Nouvelle Vague avancierte (und damit zugleich sicherstellte, dass diese Neuerungsbewegung des Kinos nicht eine reine Männersache blieb), holte sie demnach in gewisser Weise nun für alle Welt sichtbar nach, was sie fast zehn Jahre früher mit ihrem ersten Film für ein kleines Publikum schon geleistet hatte: Die Grundzüge einer neuen Art des Filmemachens zu bestimmen.
Die Photographin, die sich an der Malerei orientierte und den Spielfilm nur als eine der Formen verstand, in denen sie sich ausdrücken konnte. Dieser Bestimmung ihres Kinos blieb Varda auch im weiteren Verlauf ihres Schaffens treu. Sie bewegt sich seit fünf Jahrzehnten frei zwischen den Genres und Formaten und realisiert feministische Musicals ebenso wie engagierte politische Dokumentarfilme, Essayfilme über Photographie und bildende Kunst ebenso wie spielerische Porträts, Fernsehserien und epische Spielfilme.
Ganz egal aber, in welchem Format oder welchem Medium Varda sich ausdrückt: Konstant bleibt ihre Erfindungskraft, ihre unvergleichliche Fähigkeit, aus jeder Situation und Konstellation ein Bild zu machen, eine Komposition, die zugleich eine Einstellung in einem Film ist und eine Bildschöpfung, die auch für sich stehen und als Photographie an der Wand hängen könnte.
In den letzten zehn Jahren hat Varda sich überdies als Installationskünstlerin profiliert, zunächst auf Einladung eines Kurators hin und seither immer wieder aus eigenem Antrieb. Ihre filmischen Installationen werden mittlerweile regelmäßig in den großen Museen in Europa und den USA gezeigt und von Sammlern erworben.
Eine Karthographie ihres vielseitigen Schaffens zu erstellen ist jetzt Gegenstand der derzeitigen Reihe "Lecture und Film", die von der Goethe-Universität in Kooperation mit dem Filmmuseum Frankfurt und der hessischen Film- und Medienkademie (hFMA) angeboten wird. Internationale Referenten diskutieren ausgewählte Film Vardas mit Gästen und Publikum. Die Aufführungen im Kino des Filmmuseums abends sind jeweils öffentlich. Der Eintritt ist frei. Bis Mitte Juli wird die Reihe noch fortdauern. (Weitere Informationen unter www.agnes-varda.de)
* Der Autor ist Professor für Filmwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: Filmtheorie/Filmwissenschaft, Filmemacher*in, Filmkultur
