GRIP 50

01.05.2014

Crowdfunding als Wundermittel?

Wie die Schwarmfinanzierung beim Filmemachen helfen kann.

Von Reinhard Kleber

Wenn Förderer, Investoren, Sender, Verleiher bei Filmprojekten abwinken, greift so mancher ambitionierte Filmemacher gerne nach dem letzten Hoffnungsstrohhalm: Crowdfunding. Doch die Finanzierung von Projekten durch eine interessierte Menschenmenge (crowd) über das Internet ist kein Zauberwerk, das jeder unausgereiften Filmidee auf die Sprünge helfen könnte. Von daher sind die Erwartungen an dieses Finanzierungsinstrument der Internet-Ära oft überzogen. Vor allem wenn man keinen so spektakulären Stoff hat wie die finnische Sci-Fi-Komödie „Iron Sky“ über eine Nazi-Basis auf dem Mond.

Die erste große Produktion von Regisseur Timo Vuorensola sorgte schon 2009, noch vor dem Dreh, für reichlich Pressetrubel, unter anderem weil etwa zehn Prozent des Budgets von 7,5 Millionen Euro durch eine Fan-Gemeinde aufgebracht werden sollten, die Vuorensola mit seiner Star-Trek-Parodie „Star Wreck“ aufgebaut hatte. Und auf der Berlinale 2012 avancierte der von Deutschland koproduzierte Film zum Publikumsliebling.

Hierzulande kann 2011 als Startjahr des Crowdfunding gelten, als der 38-minütge Erotik-Spielfilm „Hotel Desire“ von Regisseur und Drehbuchautor Sergej Moya Schlagzeilen machte. Das Budget von 170.000 Euro finanzierten die Produktionsfirmen teamWorx und Von-Fiessbach-Film teilweise per Crowdfunding. Zudem kooperierten sie mit der Deutschen Telekom und ARTE. In den ersten sechs Monaten nach der Erstaufführung am 7. Dezember 2011 in Berlin konnten Interessenten den Streifen mit Clemens Schick und Saralisa Volm für 2,99 Euro über die Online-Plattform Videoload der Telekom abrufen. Im Juli 2013 strahlte ARTE den Film erstmals aus.

Das bisher größte erfolgreiche Crowdfunding-Projekt hierzulande initiierte der Autor und Produzent Ralf Husmann mit der Kinoversion seiner TV-Serie „Stromberg“. Im Dezember 2011 gelang es, durch einen Aufruf auf dem Comedy-Portal MySpass.de, dank der großen Fangemeinde der Kultserie eine Million Euro für die Produktion des Kinofilms „Stromberg – Der Film“ einzusammeln. 50 Euro betrug der Mindesteinsatz, 1.000 Euro der Höchstbetrag. 3.000 Kleininvestoren brachten die Summe auf der eigens geschalteten Plattform in nur einer Woche zusammen.

Pro verkauftem Ticket wurde ein Euro für die Rückzahlung der Einlagen eingestellt. Da der Film nach nicht einmal vier Wochen bereits eine Million Kinobesucher erreicht hat, machen die Investoren jetzt sogar Gewinn. „Denn von jedem weiteren verkauften Ticket geht ein Anteil von 0,50 Euro an die Investorengemeinschaft und wird sechs Monate nach Filmstart erstmals zusammen mit der Einlage ausbezahlt“, wie der Verleih mitteilte.

Husmann findet diese Finanzierungsform „total spannend, weil man so testen kann, ob es wirklich ein Interesse an dem Kinofilm gibt oder ob wir uns das nur einreden“. Außerdem wollte er durch die Beteiligung der Fans vermeiden, „dass sich andere Investoren, etwa ein Filmverleiher, engagieren und damit ein Mitspracherecht erwerben. Mit dem Crowdfunding haben wir uns die künstlerische Freiheit gesichert.“

Das Beispiel „Stromberg“ zeigt auch, wie die Grenzen zwischen Crowdfunding und Crowdinvesting verschwimmen können. Bekommen die Unterstützer im ersten Fall Belohnungen etwa durch eine Nennung im Abspann oder mit einer DVD oder Premierentickets, können im zweiten Fall Investoren Beteiligungen meist an Start-Ups mit Anspruch auf Gewinnbeteiligung erwerben. Bei den deutschen Crowdinvesting-Anbietern ist Seedmatch mit 61 Prozent des vermittelten Grundkapitals Marktführer, gefolgt von Companisto und Innovestment.

Auch international findet das Crowdfunding immer mehr Zuspruch. 2012 stiegen die Investitionen bei 308 untersuchten Portalen um 81 Prozent auf 2,7 Milliarden US-Dollar. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der amerikanischen Unternehmensberatung massolution. Deren Geschäftsführer Carl Esposti erwartete, dass aufgrund erfreulicher Aktivitäten der Regulierungsbörden das Crowdfunding 2013 sogar mehr als fünf Milliarden Dollar erlösen werde.

Zwölf Prozent der über Crowdfunding eingeworbenen Geldsummen kamen, so die Zahlen für 2012, Projekten aus Film oder Darstellenden Künsten zugute, 7,5 Prozent landeten in Musikprojekten. Etwa ein Drittel der Investments wurden für soziale oder philantropische Zwecke verwendet, 17 Prozent wanderten in Firmen.

Allein 1,6 Milliarden Dollar wurden laut Studie 2012 in Nordamerika eingesammelt, hier gab es einen Zuwachs von über 100 Prozent. 945 Millionen Dollar kamen in Europa zusammen, hier betrug der Anstieg 65 Prozent. Damit bestreiten beide Weltregionen etwa 95 Prozent des erfassten globalen Crowdfunding-Ertrags.

Im deutschsprachigen Raum gilt Startnext als größte Crowdfunding-Plattform für kreative Projekte. Seit der Gründung 2010 wurden über sie 9,1 Millionen Euro eingesammelt und gut 1.500 Projekte erfolgreich finanziert. Als erstes Filmprojekt ging dort im November 2010 „Endland“ online – allerdings ohne Erfolg. Auf der Plattform ist Film/Video die Kategorie, zu der am meisten Projekte eingestellt wurden. „Insgesamt gab es 813 Filmprojekte auf Startnext von denen 438 erfolgreich finanziert wurden“, sagt Theresa Koppler, bei Startnext Projektbetreuerin Kommunikation. „Aktuell sind 53 Projekte in dieser Kategorie bei uns online, davon 16 in der Start- und 37 in der Finanzierungsphase.“

Beim Marktführer, der seit Anfang 2013 auch Crowdinvesting anbietet, können derzeit nur Projekte von Personen eingestellt werden, die ihren Wohnsitz in Deutschland oder Österreich haben. Insgesamt stammen 773 Projekte aus Deutschland. „Mit unserem Regionalfilter kann man übrigens schnell feststellen, aus welchen Regionen und Städten die Projekte kommen“, ergänzt Koppler.

Und welche Filmgenres suchen vorrangig nach Online-Unterstützern? Koppler: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass vor allem bei Dokumentarfilmen Crowdfunding äußerst erfolgreich eingesetzt werden kann. Aber auch bei Kurzfilmen, Filmfestivals und Musikvideos hat sich gezeigt, dass das Modell großen Anklang findet.“

Entgegen der Annahme, dass Projektinitiatoren nur einmal erfolgreich für ihr Vorhaben „betteln“ können, sieht man bei startnext durchaus Chancen für mehrmalige Anläufe. „Ist eine Kampagne für ein Filmvorhaben geglückt", so Kopller weiter, "liegt es nahe, für spätere Produktionen wieder eine Crowdfunding-Kampagne einzusetzen. Die Fans und Unterstützer der vorherigen Kampagne können über die alte Projektpräsentation direkt adressiert werden, um sie auf das neue Projekt aufmerksam zu machen. Mit einer erfolgreichen Kampagne und der erfolgreichen Umsetzung des so finanziertem Filmvorhabens kann der Projektstarter das Vertrauen in seine Person und sein Können bei seinen Unterstützern steigern.“ Zum Beispiel hätten die Organisatoren des Slash Filmfestivals, dieses schon zwei mal über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert.

Dass eine große Zahl von Fans und eine rege Werbung in den Social Media die Erfolgschancen erhöhen, kann auch Janine Scherf, Sprecherin des Crowdfunding-Portals Visionbakery, bestätigen: „Dann sind auch andere schneller bereit, auf den Zug aufzuspringen.“

Inzwischen haben auch die Förderer das Crowdfunding als flankierendes Instrument der Nachwuchsförderung entdeckt. Im Sommer 2012 startete die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) mit Startnext den ersten Crowdfunding-Wettbewerb. Ins Rennen gingen fünf Nachwuchsfilmemacher aus Mitteldeutschland, die ihre Projekte beim Nachwuchstag „Kontakt“ engagierten Mitstreitern und Experten erfolgreich präsentiert hatten. Auf Startnext konnten die Talente die Online-Community auf ihre Vorhaben aufmerksam machen. Für die drei Filmemacher mit den meisten Supportern stiftete die MDM zudem Preisgelder als Anschubfinanzierung.

Crowdfunding dient manchmal auch als Rettungsanker für Projekte, die in Finanzierungsnot geraten sind. So startete der Wiener Filmproduzent Knut Ogris im November 2011 eine Kampagne, um seinen Kinderfilm "Manusha - Die kleine Romahexe" fertigstellen zu können. Durch den Aufruf auf der Plattform MySherpas wollte er mindestens 49.000 Euro generieren, die unter anderem für die deutsche Synchronisierung gebraucht wurden. „Aufgrund des Ausfalls zweier österreichischer Regionalförderer ist eine Finanzierungslücke entstanden, ohne die unsere Postproduktion nur mehr schwer möglich ist. Darum haben wir uns dazu entschlossen, einen großen Teil über Crowdfunding zu finanzieren“, sagte Ogris. Allerdings blieb der Aufruf trotz einer Verlängerung ohne Erfolg. Die genutzte Plattform MySherpas wurde inzwischen eingestellt. Und der Film ist offenbar noch immer nicht fertiggestellt.

Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)

Schlagworte: Filmförderung, Filmwirtschaft, Webformat, Spielfilm, Filmproduktion

Artikel im PDF aufrufen