GRIP 42

01.05.2010

Thesen zur Lehre vom bewegten Bild

Vortrag zur Medienausbildung an den Hochschulen anlässlich eines Symposiums der UdK Berlin im November 2009 – abgedruckt in gekürzter Fassung

Von Helmut Herbst

Historiker und Theoretiker bezeichnen unsere Zeit um das Jahr 2000 gerne als Zeit eines „Medienumbruchs“, so als wäre tatsächlich hier und jetzt die frische Bruchstelle einer beginnenden Kontinentalverschiebung zu besichtigen. Begonnen hat diese Kontinentalverschiebung jedoch bereits vor mehr als zweihundert Jahren, als die Bilder mobil wurden und anfingen, den ihnen im Rahmen des Tafelbildes oder auf den Seiten eines Buches zugewiesenen Ort zu verlassen. Sie verließen die Leinwand, das Papier, die Architektur, den Druckstock oder den Marmorblock und begaben sich auf eine mediale Flucht. 

Es mutet an wie ein „Treppenwitz“ der Mediengeschichte, dass am Ende des 18. Jahrhunderts diese mediale Flucht der Bilder mit Robertsons Laterna-Magica-Projektionen von sogenannten Geisterbildern begann. Die mediale Flucht der Bilder, die damals ihren Anlauf nahm, führte dazu, dass das Bild als Geisterbild seinen Rahmen verließ. Es verließ die Architektur, die Museen und den bürgerlichen Salon, so wie es demnächst auch das Kino verlassen wird.

Seitdem benutzen diese Geisterbilder auf ihrem medialen Fluchtweg die jeweils neuesten technischen Medien. Das gilt sowohl für die Erzeugung von Bildern wie für ihre Verbreitung. Dabei verhalten sie sich wie intelligente Viren und befallen immer den zur Zeit technisch stärksten Wirt, der ihnen die größte Verbreitung garantiert. Sobald ein neuer, technisch stärkerer Wirt auftaucht, verlassen sie den alten Wirt und vermehren sich massenhaft unter neuen globalen Bedingungen.

Um die selbsternannten Propheten des großen Medienumbruchs, der mit der  Ablösung der Filmkamera und der Filmchemie durch die Digitalisierung der Aufnahme und ihrer Nachbearbeitung stattgefunden haben soll, wird es zur Zeit merkwürdig still. Sie wurden in der Lehre vom Bewegten Bild auf Nebengeleise verschoben, oder wie der Gründungsrektor der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM), Siegfried Zielinski, abgelöst. Nachdem der gröbste Spuk des sogenannten Medienumbruchs vorüber ist, geht es wieder um Inhalte. Und die wiederum stellen sich als die alten Inhalte und ästhetischen Probleme des bewegten Bildes und des Films heraus.

Gut für die Studenten, daß es noch Dozenten gibt, die sich mit Film noch auskennen; denn nach dem Kollaps der großtechnischen digitalen Bildbearbeitung und dem Konkurs oder der Schrumpfung mancher aufgeblasenen Postproduktionsfirma fanden einige der dort Beschäftigten eine Anstellung als Hochschullehrer, meist an Fachhochschulen. Es steht zu befürchten, dass viele von ihnen nur über marginale Kenntnisse der Filmgeschichte verfügen.

Das BAUHAUS hat noch ganz darauf gebaut, dass die Architektur die absolute mater artium sei, dass im Bau alle Künste ihre Heimat fänden. Als Rektoren des Bauhauses kamen wie selbstverständlich nur Architekten in Frage. Dies war bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts selbst an den Kunsthochschulen noch die Regel. Die Löcher, die der listenreiche Moholy Nagy für das bewegte Bild in das ideologische Fundament des Bauhauses gebohrt hatte, vermochten diese Hierarchie noch nicht ins Wanken zu bringen.

Heute ist evident, dass alle Künste im bewegten Bild zusammentreffen. Dennoch wollen uns die starren Strukturen der Kunsthochschulen immer noch weismachen, dass es noch lange nicht so weit sei. Noch immer werden dort die Medien-Bereiche oder die alten Experimentalfilmklassen allenfalls als Wurmfortsätze der klassischen Disziplinen geführt - als fünftes Rad am Wagen der Maler, Bildhauer, Grafiker und so weiter. Wir werden aber in den kommenden Jahren erleben, dass die klassische Hierarchie der Kunsthochschulen nach und nach auf den Kopf gestellt werden wird. Dies signalisieren auch die erbitterten Kämpfe, hinter denen sich zumeist der Widerstand der klassischen Disziplinen gegen den voraussehbaren Kollaps der alten akademischen Rangordnung verbirgt.

Als Folge dieses Paradigmenwechsels wächst den Kunsthochschulen - auch im Vergleich zu den großen Filmhochschulen - eine neue Aufgabe zu. Während Ludwigsburg, Potsdam- Babelsberg und München mit immer stärker ausdifferenzierten Fachstudiengängen den Bedürfnissen einer schrumpfenden Kino- und TV- Industrie hinterherlaufen, könnten an den Kunsthochschulen - in großer gemeinsamer Anstrengung aller Künste - neue Strategien und Konzepte für die Zukunft des bewegten Bildes entwickelt werden. Zu Ehren gewisermaßen des heiligen Moholy Nagy.

* Helmut Herbst war u.a. von 1969 bis 1979 Dozent an der dffb Berlin und von 1985 bis 2000 Professor für Film an der HfG Offenbach

Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)

Schlagworte: Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Filmtheorie/Filmwissenschaft, Nachwuchs

Artikel im PDF aufrufen