GRIP 42
01.05.2010
The Winner is ...
Will der Hessische Rundfunk künftig noch den Hessischen Film- und Kinopreis übertragen?
Von Daniel Güthert
Man stelle sich einmal vor: der Hessische Rundfunk berichtet in einer Zusammenfassung anderntags von der nächtlichen Oscar-Verleihung in Los Angeles. Eine magische, faszinierende Atmosphäre, vor allem, wenn es heißt. "The winner is ...". Doch dann wird einfach ausgeblendet, die Preisträger werden unterschlagen, selbst in der Kategorie "Bester Film des Jahres". Undenkbar, wird der geneigte Leser entgegenhalten und eine solche Idee geradewegs in den Bereich der Fabel verweisen. Verständlicherweise – und dennoch irrt er.
Denn genau so hat es sich abgespielt, mit einem einzigen Unterschied; nicht vom Oscar ist die Rede, sondern von der Verleihung des Hessischen Film- und Kinopreises 2009. Und der steht - durch Politik, Buchmesse und hr als Mitveranstalter mittlerweile grandios aufgewertet - dem Oscar an Glanz und Prominenz kaum nach. Alles was in Politik und Kultur Rang und Namen hat, war vertreten in der Alten Oper, bei einer glamourösen Gala, die längst, wie allenthalben füglich betont wird, weit über die hessischen Landesgrenzen ausstrahlt und wahrgenommen wird.
Dabei ist sicherlich vertretbar, wenn in einem Zusammenschnitt nicht jede Dankesrede, nicht jeder Laudator und nicht jeder Gag des Moderatorenduos, so prächtig jeder einzelne Auftritt für sich genommen auch war, zu seinem Recht kommen kann. Selbst daß zwei oder drei Nebenpreise nicht der Erwähnung wert befunden wurden, mag zwar bedauerlich sein, aber noch angehen, wenn eine fast zweieinhalbstündige Veranstaltung auch aus Gründen der Dramaturgie auf 90 Minuten verdichtet werden muß.
Doch völlig unbegreiflich ist, daß diesem Diktat auch zwei der Hauptpreise zum Opfer gefallen sind, nämlich der Kinopreis, der einer Handvoll Filmtheatern überreicht wurde, die - wie es in der Jurybegründung heißt – mit ihren Programmen dem Publikum ein breites Spektrum an Filmen aus aller Welt bieten, und zum anderen der Preis für den "Besten Film des Jahres", der 2009 an Carmen Tartarottis Porträt von Friederike Mayröcker ("Das Schreiben und das Schweigen") ging. The winner is ... – beim hr Fehlanzeige.
Prompt blankes Entsetzen bei den betroffenen Preisträgern. "Einfach nur ärgerlich", so Tartarottis Reaktion. Und das Kino- und Filmbüro hält es für ein Unding, wie dessen Geschäftsführer Erwin Heberling sagt, vom Hessischen Film- und Kinopreis sprechen zu wollen, wenn die geehrten Kinos nicht einer einzigen Sendeminute für würdig erachtet werden. Dabei bräuchten, so Heberling, gerade diese kleinen Lichtspielhäuser, von denen etliche wie das Traumstern in Lich oder das Ried-Casino in Nauheim eine wichtige kulturelle Funktion im ländlichen Raum erfüllten, jede nur erdenkliche Presse, erst recht aus einem solchen Anlaß.
Angesprochen auf die Vorwürfe, beklagt Fernsehprogrammdirektor Manfred Krupp das Dilemma: die vorgenommen Schnitte seien auch aus seiner Sicht unbefriedigend, aber hätten ad hoc erfolgen müssen, da die Veranstaltung entgegen der verabredeten Ablaufplanung um mehr als eine halbe Stunde überzogen worden sei. "Wäre die Verleihung nur 90 Minuten lang, hätten wir das Problem gar nicht. So aber mußten wir ganze Blöcke kippen, um den Hauptpreis, den Ehrenpreis des Ministerpräsidenten, noch unterbringen zu können."
Zugleich aber räumt Krupp ein, daß mit dem Filmpreis keine Quote zu erreichen sei, schon gar nicht, wenn man nicht wenigstens ein paar bekannte Gesichter, sprich Stars präsentieren könne. Insoweit sei es auch eine programmliche Entscheidung, die Überreichung des Kinopreises nicht zu berücksichtigen. "Wenn da ein gutes Dutzend Personen auf die Bühne kommt und die Ehrungen entgegennimmt, das ist dem Fernsehzuschauer nicht zu vermitteln. Das ist nicht telegen. Da schalten die Leute schlagartig weg und kommen auch nicht wieder zurück."
So scheint es, als verschanzte sich der Sender hinter vermeintlichen Sachzwängen. Mal ist es die Quote, mal die unzureichende Vorplanung mit dem Veranstalter Barbarella. Aber was hindert den hr daran, als Mitveranstalter auf Ablauf und Gestaltung des Festaktes Einfluß zu nehmen? Was hindert die Verantwortlichen daran, sich beispielsweise mit dem Film- und Kinobüro an einen Tisch zu setzen, um Wege einer attraktiveren Präsentation zu suchen?
Aber möglicherweise besteht daran gar kein ernsthaftes Interesse. Weder beim Veranstalter, der Agentur Barbarella, noch beim hr oder bei der Politik, wie Carmen Tartarotti nüchtern unterstellt: "Wir Filmemacher oder auch die engagierten Kinobetreiber, wir sind doch nur der Kitt, damit andere ihren großen Auftritt haben."
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: TV/Rundfunk, Auszeichnung
