GRIP 41
01.11.2009
Viel ist erreicht worden
Das Filmhaus Frankfurt blickt auf 20-jähriges Bestehen zurück
Von Ralph Förg
Die Erfinder des Filmhauses hatten es sich ursprünglich komplett anders vorgestellt, als es dann gekommen ist. Denn als sie den Verein „Filmhaus Frankfurt e.V. im Dezember 1989 ins Leben riefen, hatte das Digitalzeitalter kaum begonnen. Man drehte noch auf echtem Filmmaterial, auf 16 mm und 35 mm, im Kühlschrank waren noch die Negativrollen eingelagert und die entsprechenden Steenbeck-Schneidetische wurden noch gebraucht.
Nachdem die Stadt Frankfurt das avisierte Fabrik-Gelände mit Studios und allem Drum und Dran, die Bosch-Fabrik in Frankfurt-West, schließlich doch nicht den enttäuschten Filmemachern und Cineasten angeboten hatte, womit die Chance auf ein wegweisendes Medienzentrum vertan war, sind die Weichen anders gestellt worden. Das Filmhaus bezog Position mit Aktivitäten, die sich im Verlauf der kommenden Jahre - und bis heute - als unentbehrliche Hilfeleistung und Unterstützung für die heimische Szene erwiesen.
Das Filmhaus kam also nicht in die Bosch-Fabrik, sondern bezog Räume in der Hamburger Allee 45, wo damals schon eine Medienszene versammelt war. Neue Projekte wurden auf die Beine gestellt, wie etwa die Filmzeitschrift GRIP; die sich als brancheneigenes Verständigungsorgan etablierte. Es wurden die ersten Workshops von Kundigen für nicht ganz so Kundige gehalten. Filmpolitischer Ratschlag wurde angeboten und bekam durch den Jour fixe des Filmhauses seinen öffentlichen Ort. Filmreihen wurden ausgearbeitet und in den sympathisierenden Kinos in Frankfurt präsentiert; und es wurden Filmemacherinnen und Filmemacher in ihren jeweiligen Arbeitsvorhaben unterstützt.
Noch immer baut das Filmhaus Frankfurt auf die damals gestarteten Aktivitäten. Der Seminarbetrieb hat sich über die Jahre fest etabliert, im Rekordjahr 2007 angewachsen auf sage und schreibe 47 ausgeschriebene Seminare. Es waren stets genügend Seminarbesucher also vorhanden, die auf das breitgefächerte Angebot des Filmhauses zurückgegriffen haben. Es gibt einen Stamm von gut 25 Referentinnen und Referenten, zusätzlich weiterer, sporadisch antretender Fachleute, die mit ihrer Arbeit das institutionelle Rückgrat des Filmhaus-Seminarbetriebes bilden. Drehbuch, Rechte, Organisation, Technik, Regie, Schnitt, VFX, Vertrieb – kaum ein filmspezifisches Arbeitsgebiet, das nicht regelmäßig oder nach anfallendem Bedarf bedient wird.
Mit der Digitalisierung, die zwar in den Kinos bis heute nicht in vollem, technisch möglichem Umfang Einzug gehalten hat, ergab sich bekanntermaßen eine grundlegende technische Neuorientierung auf der Filmproduktionsseite. Berufsbilder haben sich verändert, neue sind hinzugekommen. Filmische Kunstformen haben sich gewandelt, neue haben sich herausgebildet. Neue Distributionsformen, Datenträger und Netzanwendungen haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren in rasantem Maß herausgebildet und fortentwickelt. Arbeitsteilungen, Spezialisierungen haben sich verändert und ändern sich fort.
Diesen Wandel hat das Filmhaus, sowohl in seinen angebotenen Seminaren als auch in seinen Veranstaltungen, Filmpräsentationen - kurz: in der Ausrichtung seiner inhaltlichen Arbeit - mit vollzogen. „Der Film“ ist heute eben nicht mehr nur: der Kinofilm. Sondern auch überall verfügbares, alltägliches Kommunikationsmittel. Film wird völlig selbstverständlich von vielen gut ausgebildeten Leuten, von genialen Autodidakten, von Seiteneinsteigern bis hin zu unambitionierten Amateuren produziert. Da gilt es Umsicht zu bewahren, auf Qualitätsansprüchen zu bestehen und vor allem, den Künstlerinnen und Künstlern zur Seite zu stehen, deren Werke sich vom allgemeinen Flimmern und Rauschen wohltuend abheben. Davon gibt es einige in Frankfurt, in der Region. Das Filmhaus ist stolz darauf, für engagierte Leute in unterschiedlichen Gewerken, Gehaltsstufen und Betriebsgrößen ein etablierter Ansprechpartner und Helfer zu sein.
Ein weiteres hat sich getan im Lande. Der wirtschaftliche Aspekt des breiter gewordenen Filmschaffens hat Anforderungen an Kommunen und auch die Bundesländer gestellt, sich im Wettbewerb der Film- und Medienbranche stärker zuzuwenden. So auch in Frankfurt und in Hessen. Als die Anzahl der Drehgenehmigungen in Frankfurt sprunghaft anstieg, forderte das Filmhaus eine Filmkommission und die stärkere Berücksichtigung der Branchenbelange durch die kommunale und die landeseigene Administration. In zäher Kleinarbeit und gemeinsam mit vielen Partnern ist es uns kontinuierlich gelungen, die Arbeitsbedingungen für Filmproduktionen bei Drehs in der Stadt Frankfurt zu verbessern; so daß man mit Fug und Recht sagen kann, sie sind besser denn je. Schnell finden sich kompetente Ansprechpartner in einem gut funktionierenden Netzwerk aus Servicecenter, Filmcommission, Wirtschaftsförderung und heimischen Produktions- und Dienstleistungsunternehmen, darunter viele Filmhausmitglieder der ersten und der aktuellen Stunde. So weit, so gut.
Wir wollen es, bei allen Leistungen und Verdiensten aber auch ganz deutlich sagen, was das Filmhaus und die engagierte Szene und Branche nach wie vor vermissen: eine veritable, funktional aufgestellte, finanziell gut ausgestattete Filmförderung des Landes Hessen. Nicht, dass wir keine Filmförderung hätten. Wir haben sogar drei; zählt man das „Kuratorium“ dazu, sind es sogar vier. Es war auch vor acht Jahren gelungen, das Programm Hessen-Invest-Film zu etablieren, das heute, obschon von Geburt her ein Bankenprodukt, als wirtschaftliche Unterstützung Filmproduktion ermöglicht. Trotzdem hat Hessen den Anschluss an die anderen Bundesländer nicht gefunden. Trotzdem wird die Bedeutung einer leistungsfähigen Filmförderung für das Land politisch unterschätzt. Da gilt es für das Filmhaus, im Kreis der vier Verbände – Vereinigung der Hessischen Filmwirtschaft, Film- und Kinobüro Hessen, ag Doc und Filmhaus – die darüber gebündelte Hessen-Initiative-Film weiterhin voranzutreiben. Da wartet viel Überzeugsarbeit, die in Wiesbaden zu leisten ist.
Besser für das Filmhaus und seine Mitgliedschaft lief es in Frankfurt. Ein dort aktiver Arbeitskreis, die AG Medien, in dem sich etliche in Frankfurt ansässige Institutionen zusammengefunden haben, um gemeinsam ihre Anliegen zu erörtern, dieser Arbeitskreis hat es immerhin erreicht, in der Ostbahnhofstraße einen gemeinsamen Sitz aufzubauen. Das Filmhaus Frankfurt, das Medienzentrum Frankfurt, das Kino- und Filmbüro, der Bundesverband Jugend und Film, die Medienwerkstatt Frankfurt und das Türkische Filmfestival haben alle ihren festen Sitz an der neuen Adresse im Frankfurter Osten. Die Mitarbeiter der Vereine sind aufgrund der kurzen Wege in der Lage, sich wechselseitig mit Räumen, Technik und – am allerwichtigsten – mit Know How zur Seite zu stehen. Eine überaus hilfreiche Einrichtung für Frankfurt, finden doch dort Drehbuchgruppen, Filminitiativen und auch Leute, die kurzfristig ein Produktionsbüro oder einen Schnittplatz suchen, ihren Raum. Und es ist ein Informationspool, der seinesgleichen suchen dürfte.
Eine gute Ausgangsbasis demnach für weitere zwanzig Jahre Arbeit. Was das Filmhaus leisten könnte, liegt auf der Hand: weiter die heimischen Künstler unterstützen. Stärker darauf hinzuwirken, dass die junge, gut ausgebildete und hochmotivierte Generation zu ihrem Recht kommt. Dafür zu sorgen, dass Filmkultur in all ihren Spielarten in Frankfurt endlich den Rang und die Bedeutung eingeräumt bekommt, die ihr gebührt. An unserem, ja nachweislich sehr praktischen Einsatz dazu soll es nicht fehlen.
*Ralph Förg ist Geschäftsführer des Filmhauses Frankfurt
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: Filmhaus Frankfurt, Institution, Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Filmpolitik
