GRIP 41
01.11.2009
Magische Momente
Zum fünfundzwanzigsten Jubiläum des Frankfurter Mal Seh’n Kinos
Von Martin Loew
Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, heißt es bei Hermann Hesse. Etwas war wohl davon auch zu spüren, als 1984 das Kino Mal Seh’n im Frankfurter Nordend gegründet wurde. Wer hätte gedacht, daß das Haus tatsächlich auch die schwierigen Anfangsjahre heil überstehen würde? In einer Zeit, in der Filmtheater eher zum Verschwinden tendierten, sofern sie sich nicht vom Filmpalast zum Schachtelkino wandelten. Der Trend hieß Video und die altehrwürdige Zunft der Lichtspielhäuser war noch weit von ihrer Renaissance durch die Multiplexe entfernt.
Gleichwohl: das Mal Seh’n Kino eröffnete und überlebte. Aus einer Turnhalle, Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, wurde ein voll ausgestattetes Kino, das heute fester Bestandteil der Frankfurter Filmkultur ist. Es war geglückt, langsam zwar, aber mit viel Geduld und leidenschaftlichem, ehrenamtlichem Engagement ein beständig wachsendes Publikum zu gewinnen.
Nach einigen Wechseln in der Leitung des Kinos sind nun seit zehn Jahren Ariane Hofmann und Gunter Deller für die Programmgestaltung verantwortlich. Harte Arbeit, denn die Zahl der Filme, die jährlich in Deutschland ins Kino kommen, liegt mittlerweile bei bald 400 Titeln. Allein hier eine Auswahl zu treffen setzt nicht nur ein gutes Verhältnis zu Filmverleihern voraus, sondern verlangt auch die Bereitschaft, immer wieder Filme zu sichten; sei es auf Festivals oder Filmkunstmessen, sei zu Haus per DVD.
Um möglichst ein breites Publikum anzusprechen, wird auf Öffentlichkeitsarbeit und Information großen Wert gelegt. Im Schaukasten und im kinoeigenen Café hängen stets Filmplakate plus Kritiken aus, auch Flyer und Postkarten werden ausgelegt. Hinzu kommt eine zielgruppenorientierte Bewerbung der Filme wie etwa nach Sprache, da im Mal Seh’n Kino, soweit möglich, immer Originalfassungen mit deutschen Untertiteln geboten werden.
Ein Schwerpunkt, der sich über die Jahre entwickelt hat, ist die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern. Das Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Uni Frankfurt etwa oder die Kinothek Asta Nielsen regten die gemeinsame Gestaltung von Filmreihen an. Das Fritz-Bauer-Institut und die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm waren bei Sonderveranstaltungen mit dabei. Mittlerweile gehören Reihen wie „Psychoanalyse und Film“ in Zusammenarbeit mit der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft zum festen Repertoire. Und im angeschlossen Café des Kinos bietet sich Gelegenheit, die Filme noch nachklingen zu lassen.
All das Engagement, das neben den Programmleitern vor allen Dingen auch Beatrix Loew, Mitbegründerin des Kinos, unter Beweis stellen, wird durchaus honoriert. In erster Linie von unserem Publikum, das uns eine Auslastung beschert, die mit nahezu 30 Prozent weit höher liegt, als am Kinomarkt allgemein üblich. Aber auch durch das Bundesministerium für Kultur und Medien und das Land Hessen, die das Mal Seh’n Kino immer wieder für das ausgesuchte Programm mit Kinopreisen auszeichnen.
Muss man sich nun angesichts unzähliger Möglichkeiten, Film zu sehen nicht langsam vom Konzept des Filmtheaters verabschieden? Nein. Denn gerade in einer Zeit der Reizüberflutung, bietet Kino ein einzigartig intensives und gemeinschaftliches Erlebnis. Film ist, wie Zauberei auch, Illusion. Weder entstammt das Kaninchen wirklich dem Zylinder, noch gibt es ein bewegtes Bild. Doch wir lassen uns gerne von dieser Scheinbarkeit in Bann ziehen. Und der Lohn des Illusionisten? Applaus gibt es im Kino nicht. Aber die Stimmung im Kinosaal zu erleben, mitzubekommen, dass im Café noch Stunden nach einem Film dessen Handlung diskutiert wird, dass Zuschauer sich allein deshalb entscheiden, einen Film zu sehen, weil er in unserem Kino gezeigt wird – das sind bis heute magische Momente.
*Martin Loew ist Mitglied des Vorstands von Mal Seh’n e.V. und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig
Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)
Schlagworte: Kino, Filmkultur
