GRIP 41
01.11.2009
Aus der Quote eine Tugend machen
Welche Rolle spielt der Dokumentarfilm im Fernsehen? – Der ZDF-Medienforscher Heinz Gerhard gewährt Einblicke in das Tagesgeschäft der Fernsehforschung
Von Daniel Güthert
Zahlen, Zahlen, Zahlen – daß darüber die Teilnehmer des Jour Fixe im Filmhaus Frankfurt nicht den Überblick verloren und eine alles andere als zähe Veranstaltung herauskam, war das Verdienst des Medienforschers Heinz Gerhard (ZDF), von dem man endlich Erkenntnis darüber erhoffte, was die Fernsehwelt im Innersten zusammenhält. Unter dem Motto "Was guckst Du?" war Gerhard angetreten, um über den Fernsehkonsum der Bundesbürger im allgemeinen und über den Rang von TV-Dokumentationen im deutschen Fernsehalltag im besonderen zu referieren.
Was also schaut der normale Zuschauer, wenn er im Schnitt dreieinhalb Stunden pro Tag vor dem Apparat sitzt? Jedenfalls nicht oder nicht dominant Fernsehdokumentationen. Sie spielten nach Bekunden des ZDF-Medienexperte nur eine nachgeordnete Rolle mit 13 Prozent Sendeanteil im Vergleich zu den Fiktionalprogrammen (Spiel- und Fernsehfilme), dem Infobereich und der Unterhaltung, die das Gros der Sendeplätze ausmachten. Noch einseitiger allerdings fällt der Vergleich bei den Einschaltquoten aus: Unter den 30 meistgesehenen Sendungen der vergangenen zehn Jahre waren sage und schreibe 28 WM- oder EM-Fußballspiele und zwei Showabende von "Wetten, daß".
Befragt man andererseits den Zuschauer, welche Programmsparten für ihn besonders wichtig seien, werden vorneweg Nachrichten, Dokumentationen und Regionalsendungen genannt. Der Sport beispielsweise rangiere danach erst an 13. Stelle. Auch das Genre Volksmusik und Gerichtsshows hätten in solchen Umfrage sehr niedrige Zustimmungswerte, erzielten andererseits aber überproportional hohe Einschaltquoten. Damit machte Gerhard auf das Problem der sozialen Wünschbarkeit aufmerksam. "Die in Umfragen ermittelten Angaben stehen vielfach in spürbarem Widerspruch mit dem tatsächlichen Fernsehverhalten der Bürger."
Diesen tiefen Graben zwischen den Zustimmungswerten in Befragungen und dem tatsächlichen Fernsehkonsum illustrierte Gerhard noch an einem anderen Beispiel: In den täglichen Zuschauerbefragungen zur Qualität einzelner TV-Beiträge schneidet gerade der Dokumentarfilm regelmäßig mit absoluten Höchstnoten ab. Somit erfahre das Doku-Format auch über diesen Indikator hohen Zuspruch. Und dennoch, so Gerhards Erfahrung im eigenen Haus, gerieten die Redakteure sofort wie manisch in Panikreaktionen, sollte die Quote mal nicht stimmen.
Anhand von Charts und Tabellen belegte Gerhard dann weiter, wie sehr speziell die TV-Dokumentation an Programmgewicht hinzugewonnen habe. Im Vergleich der marktrelevanten Fernsehkanäle von 1992 mit 2007 habe sich die Zahl der entsprechenden Sendeplätze verfünffacht. Bei einigen Öffentlich-rechtlichen Anstalten wie Phoenix oder ARTE mache der Dokubereich sogar über 50 Prozent des Programmbouquets aus. Sehr stark sei das Genre auch bei den Dritten Programmen der ARD vertreten, wobei, und das wollten die anwesenden Filmemacher kaum glauben, der hr den Spitzenplatz innehabe mit einem Dokuanteil von über 26 Prozent am Gesamtprogramm, gefolgt von NDR und BR. Auch bei 3Sat spielt die Dokumentation mit über 27 Prozent einen signifikanten Part. Und selbst die privaten Anbieter haben die Bedeutung des Dokumentarfilms erkannt und setzen das Genre verstärkt ein, wie zum Beispiel der Sender N24 (50 Prozent der Sendezeit).
Und schließlich räumte der Medienwisschenafttler mit dem Vorurteil auf, daß Dokumentarberichte nicht quotenträchtig seien. Daß das Gegenteil stimme, mache beispielsweise die Dokureihe TerraX im ZDF sichtbar, die auf annähernd 4 Millionen Zuschauer komme. Für Gerhard auch ein Beleg dafür, wie maßgeblich ein eingeführtes, anerkanntes Dachlabel sei wie TerraX. "Ein solches Markenzeichen ist enorm hilfreich für den Erfolg."
Und Erfolg sei nun mal in erster Linie die Quote, die man gleichwohl immer auch einordnen und analysieren müsse, denn Quote sei nicht gleich Quote. Hierbei den Redaktionen Hilfestellung zu geben, sei gerade die Aufgabe als Medienforscher, damit aus Zahlen nicht falsche, sondern richtige Schlüsse gezogen würden.
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: TV/Rundfunk, Dokumentarfilm
