GRIP 33

01.08.2005

Im Verborgenen glücklich

Ein Porträt des Frankfurter Filmemachers Niki Stein

Von Claudia Prinz

Fast unbemerkt und abseits der Szene lebt er seit 11 Jahren in Frankfurt:  Niki Stein, einer der renommiertesten Fernseh-Autoren und -Regisseure Deutschlands, vor allem durch zahlreiche Tatort-Inszenierungen bekannt. Ihm verdanken wir Friedrich Delwo und Charlotte Sänger (gespielt von Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki), das Tatort-Duo des Hessischen Rundfunks, das 2001 den steifen und reichlich angestaubten Kommissar „Fliege“ Brinkmann ablöste. Auch das Konzept für den Tatort des WDR mit Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt als Kölner Kommissare Ballauf und Schenk stammt von ihm. Für etliche Folgen schrieb er das Buch, bei anderen führte er Regie, manchmal beides. Daneben gibt es von ihm  Komödien, Dramen, Kurzfilme und einen Kinofilm. Dreimal wurde er für den Adolf-Grimme-Preis nominiert; sein neuester Tatort „Leerstand“ war auf das Münchner Filmfest eingeladen; über Beschäftigungsmangel kann er also nicht klagen.

In Berlin oder München wäre Niki Stein in der Öffentlichkeit präsent und würde regelmäßig in den Gazetten auftauchen, aber im medienmäßig unspektakulären Frankfurt lebt er gänzlich unbeachtet. Anfangs, nachdem er aus familiären Gründen aus Berlin hierher gezogen war, hatte er auch deswegen Eingewöhnungsschwierigkeiten. Inzwischen hat er die Stadt schätzen gelernt und ist überzeugter Frankfurter.  Hier, abseits vom Schuss, muss er sich nie mehr auf langweiligen Promi-Parties herumquälen oder sich fragen, warum er zu einer Filmpremiere nicht eingeladen wurde. Er kann in Ruhe arbeiten, und die Kontraste Frankfurts dienen ihm dabei als Inspiration.

„Die Stadt  ist in der Konzentration dessen, was nebeneinander passiert, in Deutschland einmalig. Wenn man hier durchs Bankenviertel geht und einerseits die Banker und andererseits das Junkie-Elend sieht, das löst schon Geschichten aus. Und man kann sie global erzählen, weg von einem Lokalkolorit. Während Sie in Berlin, München oder Hamburg immer auch das lokale Milieu miterzählen, kommt man in Frankfurt gar nicht darauf, etwa in Äbbelwoi-Seligkeit zu schwelgen. Die Konzentration der Probleme ist sofort ein Reflex auf globale Geschichten“.

Niki Steins Karriere beginnt klassisch als jugendlicher Kinofan, der keinen Streifen auslässt und sich vor allem für den Neuen Deutschen Film begeistert. Talent zeigt er als Mitglied der Schultheatergruppe, allerdings nicht genug, um die Aufnahmeprüfung auf eine Schauspielschule zu bestehen. Es folgt ein Weg von der Pieke auf: Studium der Gesellschafts-und Wirtschaftskommunikation an der HdK in Berlin, gleichzeitig Produktionsfahrer (unter anderem für Rainer-Werner Faßbinders „Berlin Alexanderplatz“), erste Kurzfilme aus zusammengeschnorrtem Restmaterial, dann längere Filme für den WDR. Vom WDR bekommt er auch das Angebot, Drehbücher für den Tatort zu schreiben.

In Zusammenarbeit mit Jacki Engelken entstehen fünf Folgen, aber die Regiearbeit stagniert. Erst nachdem er den damals neu geschaffenen Aufbaustudiengang Filmregie bei Hark Bohm und Alexander Mita in Hamburg absolviert hat, wagt er sich an einen Kinofilm. Der allerdings wird zur traumatischen Erfahrung, denn die Produzenten betrügen ihn und der Verleiher geht mit den Fördergeldern durch. Danach hat er von Kino die Nase voll und stürzt sich aufs Fernsehen. Er kriegt anspruchsvolle Angebote, schreibt weiterhin Drehbücher und führt Regie, wobei er auch dann häufig am Drehbuch beteiligt ist.

„Von der Idee her ist ein Buch, an dem mehrere Köpfe gearbeitet haben, immer tiefer und hat andere Aspekte. Ein Regisseur muss am Buch mitarbeiten, denn es sind ja zwei völlig verschiedene Talente, sich eine Geschichte auszudenken und sie dann für einen Film praktikabel zu machen. In Amerika gibt es da keinerlei Nickeligkeiten, aber hier in Deutschland ist das nach wie vor ein eigenartiges Tabu. Ich habe bei vielen Filmen das Buch mitgeschrieben, wo ich am Ende nicht als Autor auftauchte. Da wollte ich ein vernünftiges Buch und habe dafür meine eigene Eitelkeit weggesteckt, aber bei Drehbuchautoren und auch Sendern gelte ich deshalb inzwischen leider als schwierig und es werden mir weniger Drehbücher angeboten.“

In Liane Jessen, seit 1999 Hauptabteilungsleiterin Spielfilm  beim Hessischen Rundfunk, hat Niki Stein eine ideale Redakteurin gefunden. Sie ist mutig genug, auch formale Experimente zuzulassen und gibt ihm freie Hand zur Entwicklung seiner Stoffe, bei denen er sich häufig an tatsächlichen Kriminalfällen orientiert. „Leerstand“ beispielsweise, der am 9. Oktober erstmals ausgestrahlt wird, greift die Umstände des Jakob-Metzler-Falles auf und diskutiert die Frage, inwieweit Opferschutz wichtiger sein könnte als die körperliche und seelische Integrität des Täters. Stein charakterisiert  seine Frankfurter Polizisten vor allem als von Politik und Gesellschaft Alleingelassene, die zwar den Müll wegmachen sollen, ansonsten aber meist nur Kritik einstecken, weil Morde nicht aufgeklärt oder Drogenprobleme nicht gelöst werden. Mit diesem Ansatz  will er sich bewusst von älteren Konzepten absetzen, in denen die Kommissarin oder der Kommissar als Macher dargestellt werden, die alles im Griff haben.

Auch der 2004 entstandene Fernsehfilm „Die Konferenz“ nach einem Drehbuch von Bodo Kirchhoff (ARD-Ausstrahlung am 9. November) konnte in Lianen Jessens Redaktion realisiert werden. Er spielt in einem einzigen Raum, dem kargen Lehrerzimmer einer Schule, wo neun Lehrer das Schicksal des Schülers Viktor verhandeln.  Der 18-Jährige soll seine Mitschülerin Tizia im Heizungskeller des Gymnasiums vergewaltigt haben. Niki Stein hat aus dieser Konstellation ein beeindruckendes Dialogstück  mit starken Darstellerinnen und Darstellern entwickelt, darunter Senta Berger und Nina Petri, die als „Lehrkörper“ in ihrer Selbstgerechtigkeit ihre ganze Überforderung offenbaren.

Als Privileg des Filmemachers begreift Niki Stein, seine Geschichten gründlich und mitten unter den Betroffenen recherchieren zu können. Für die Tatorte ist er viel mit der Frankfurter Kripo unterwegs, geht mit Drogenärzten ins Bahnhofsviertel, hat Zeit bei der Bahnhofsmission verbracht und entdeckt, dass Manager der Deutschen Bank dort ehrenamtlich arbeiten. In seinen Filmen möchte er nicht nur die destruktiven Seiten der Gesellschaft zeigen, sondern auch Menschen, die Vorbild sein können.

Als nächstes Projekt wird er in Zusammenarbeit mit dem aus Frankfurt stammenden Nachwuchsautor Thor Kunkel dessen Buch „Ein Brief an Hanny Porter“ verfilmen. Gerade abgedreht ist „Lenz, der Mann im Strom“, die Geschichte eines alleinerziehenden Vaters, der in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen seinen gesellschaftlichen Abstieg kämpft; ein Thema heute so aktuell wie damals.

Filmographie Niki Stein (kleiner Ausschnitt)

2005 DER MANN IM STROM  (nach dem Roman von Siegfried Lenz) - in Produktion, Regie, ZDF, Aspekt Telefilm
TATORT – Leerstand, Regie & Buch, HR
2004 TATORT – Schürfwunden, Regie, WDR, Colonia Media
DIE KONFERENZ , Regie, HR
2003 DIE QUITTUNG, Regie, ZDF, Berliner Filmproduktion
2002 - 2003 TATORT - Das Böse, Regie & Buch, HR
2002 TATORT – Frauenmord, Regie & Buch, HR
2001 Konzept für TATORT (HR) mit Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf
TATORT – Oskar, Regie & Buch, HR
2000 DIE PEST, Regie (2x90 Min.), RTL, Zeitsprung
1998 DIE STUNDE DES LÖWEN, Regie, Pro7, Novamedia
YOUNG LOVE, TRUE LOVE, Regie & Buch, RTL, Zuta Filmproduktion
1995 STILL MOVIN, Regie & Buch, Co-Autor: Jacki Engelken, Pro7, F+B Entertainment, Kino
1994 GEISEL DER LIEBE, Regie, Kurzfilm, Hamburger Filmwerkstatt
1984 VORSICHT SEPP!, Regie, Kurzfilm

Auszeichnungen und Preise:
"Die Quittung",2005 Nominierung für den Adolf-Grimme-Preis ,2004 Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis als Bester Fernsehfilm
1997 "Tatort - Bildersturm", Nominierung für den Adolf-Grimme-Preis
1984“Vorsicht Sepp!”, Hauptpreis beim Europäischen Kurzfilmfestival

Kategorie: Personenportrait (GRIP FACE)

Schlagworte: Filmemacher*in, Drehbuch, TV/Rundfunk, Spielfilm

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