GRIP 30
01.01.2004
Filmische Reflexion im Kollektiv
Ein Bericht über das Filmforum Höchst
Von Martin Loew
Frankfurt dürfte eine der wenigen Städte sein, die zwei kommunale Kinos beherbergt. Neben dem Kino im Deutschen Filmmuseum ist auch das Filmforum Höchst ein von der Stadt gefördertes Kino, dessen Träger allerdings nicht das Kulturamt sondern die Volkshochschule (VHS) ist. Demzufolge gestaltet sich denn auch das Programm des Filmforums deutlich anders, als das des Kommunalen Kinos im Stadtzentrum.
Entwickelt hat sich das Haus aus dem VHS-Filmstudio im Volksbildungsheim Höchst, das seit 1972 16mm Filmreihen anbot. Mit dem Umzug ins benachbarte Bildungs- und Kulturzentrum (BIKUZ), in dem neben der VHS eine Bibliothek und eine Schule untergebracht waren, wurde das Filmforum als Kino aus der Taufe gehoben. Untergebracht im Multifunktionsraum des BIKUZ, mit professioneller 35mm-Projektion und festem Programm an vier Tagen pro Woche, war das Filmforum zu diesem Zeitpunkt das einzige Kino im Stadtteil Höchst.
Diese Monopolstellung war auch noch gegeben, als das Kino 1987 an den heutigen Standort an der Emmerich-Josef-Straße umzog. Gemeinsam mit der Kabarett- und Kleinkunstbühne des Neuen Theaters wurden die Räumlichkeiten eines ehemaligen Kinos bezogen. Die Programmvielfalt reichte damals, in bunter Mischung, von Filmkunst und Dokumentarfilmen bis hin zu Hollywood - Streifen.
Die Sonderstellung endete allerdings mit der Eröffnung eines Mulitiplex-Kinos in unmittelbarer Nähe Anfang der neunziger Jahre: des Kinopolis in Sulzbach, das seither den Markt für Hollywoodfilme abdeckt. Zusätzliche Konkurrenz kam auch in der Arthouse-Nische hinzu, mit dem Kino Valentin, das gleich um die Ecke in das ehemalige Casino der US-Streitkräfte einzog.
„Die Veränderung der Kinolandschaft hat das Programm natürlich beeinflusst“, erinnert sich Klaus-Peter Roth, der heute als Angestellter der VHS als Theaterleiter fungiert. „Wir mussten uns auf unsere eigenen Stärken besinnen und zeigten mehr Dokumentationen, mehr Kunstfilm, mehr Filme in Originalversion.“
Mit Erfolg! Schon unmittelbar nach dem Umzug ins neue Domizil wurde nicht mehr nur an vier sondern an sechs Tagen pro Woche gespielt. Mittlerweile gibt es keinen Ruhetag mehr. Heute gilt das Haus als eines der wichtigsten Kinos für den neuen französischen Film in Hessen. Die Zusammenarbeit reicht hier vom Institut français in Frankfurt, über das Institut français Berlin bis zur Agence du Cinéma indepéndent (ACID) in Paris. Dieses Angebot wird natürlich auch von den VHS Kursen genutzt.
Wie überhaupt das Kino mit vielfältigen Veranstaltungen - wie beispielsweise mit Aufführungen der Filme in Originalversion - in das Programm der VHS eingebunden ist. Auch als Ort der öffentlichen Reflexion über das Medium Film sowie zur Darstellung gesellschaftspolitischer Themen bietet das Filmforum unter anderem jährlich eine Veranstaltungsreihe zum 9./10. November 1938 an, gestaltet Abende in Zusammenarbeit mit dem Höchster Bildungsschuppen zu den Themen Rassismus und Rechtsradikalismus, arbeitet mit Pro Familia, der Höchster Senioreninitiative oder auch attac Rhein-Main zusammen. Diese Kooperationsbereitschaft hat sich auch in der Festivallandschaft bewährt. So ist das Filmforum seit 1996 Mitausrichter der Festivals Cuba im Film und Africa Alive.
Ein Manko aus früheren Zeiten, das selbst Freunde des Hauses immer wieder bemängelt hatten, ist mittlerweile beseitigt: Mit der Reduzierung der Platzzahl von 180 auf 113 Sitze und der damit verbundenen modernen Bestuhlung bietet das Kino jetzt marktüblichen Komfort.
Ein Grundsatz ist jedoch, bei allen Veränderungen seit den Tagen des VHS-Filmstudios, bis heute ungebrochen: „Das Programm wird im Kollektiv entwickelt“, erzählt Klaus-Peter Roth. „Alle Mitarbeiter gemeinsam entscheiden über die Filmauswahl. Wir legen Wert darauf, dass sich die Filme gegenseitig ergänzen, inhaltlich oder formal, durch historische oder gesellschaftliche Zusammenhänge.“ Und da sind Meinungs- und Erfahrungsvielfalt offenkundig Basis des Erfolgs.
Nächstes Jahr wird das Filmforum sein 30jähriges Bestehen feiern können. Eine Bestätigung auch des funktionierenden Kollektivs.
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: Kino, Festival, Filmkultur
