GRIP 27

01.08.2002

Lebende Leichen und lange Nächte

Ein Porträt der Frankfurter Berger Kinos

Von Martin Loew

Der Zeitpunkt der Eröffnung der Berger Kinos 1981 war gut gewählt und doch beinahe eine Katastrophe. Gut, weil damals die Harmonie in Sachsenhausen das einzige Filmkunsttheater auf Frankfurter Boden war und bei weitem nicht die Kapazität hatte, die ganze Palette anspruchsvoller Filme zu zeigen. Ein guter Moment also für ein weiteres Kino mit Programmanspruch. Und doch beinahe eine Katastrophe. Denn noch bevor die zwei Säle des alten Stadtteilkinos Schützenhof, das als letztes auf der Bergerstraße verblieben war, umgebaut waren, hatte die Alte Dame des Frankfurter Kinos, Liselotte Jaeger, ihr Innenstadtkino Eldorado ebenfalls in ein Arthouse-Kino umgewandelt. Bis das Berger Kino aufmachte, hatte das Eldorado bereits Kooperationsvereinbarungen mit den wichtigsten Verleihern getroffen. Die Marktlücke war geschlossen. So musste sich Kinobetreiber Harald Metz erst einmal Wiederaufführungen und Reprisen bereits in Frankfurt angelaufener Filme begnügen, statt der geplanten Erstaufführungen. Da man sich auf diesem Marktsegment jetzt in Konkurrenz zu zwei Erstaufführungshäusern befand, schrieben die Berger Kinos zu Anfang rote Zahlen.

Der Durchbruch kam mit Rosa von Praunheims Film „Unsere Leichen leben noch“. „Von Praunheim stand eines Tages vor der Tür, die Filmkopie unter dem Arm, und sagte, keiner in Frankfurt wolle seinen Film spielen“, erinnert sich Harald Metz. 14 Tage später gab es eine Pressevorstellung, die außerordentlich gut besucht war, dann nahm das Berger Kino den Film ins Programm. Er lief ein halbes Jahr lang, viele Vorstellungen waren ausverkauft. Nicht nur das Frankfurter Publikum hatte damit das Berger Kino für sich entdeckt, auch die Verleiher wurden durch den Kassenerfolg auf das Haus aufmerksam.

In der Folge konnte der kleinere der beiden Säle, der nach der Eröffnung des Kinos wegen gravierender Mängel bald wieder geschlossen worden war, umgebaut und 1983 als „Atelier im Berger Kino“ wieder eröffnet werden. Seitdem verfügen die Berger Kinos über insgesamt 395 Plätze. Beide Säle können 16, 35 und auch 70 mm Filme zeigen und sind mit Dolby Digitalton ausgestattet. „Insgesamt haben wir in all den Jahren gut drei Millionen DM in die Modernisierung der Kinos gesteckt“, so Harald Metz.

Dass Beträge dieser Größenordnung erwirtschaftet und investiert werden konnten, verdankt das Kino sicherlich auch einer weiteren Seltsamkeit der Branche. Verleihriese UIP suchte nach einem Krach mit den Frankfurter E-Kinos eine neue Abspielstelle, um nicht ausschließlich auf den damaligen Marktführer Ufa angewiesen zu sein – und fand die Berger Kinos. In der Folge wurden UIP-Filme in Frankfurt parallel im Royal und in den Berger Kinos gestartet. „Da mussten wir schon manchmal Filme spielen, die wir eigentlich nicht ins Programm genommen hätten“, erinnert sich Metz, „andererseits war aber auch zum Beispiel „Rain Man“ bei UIP und den starten zu können war natürlich Klasse!“ Manchmal sei ihnen vorgeworfen worden, das Programm sei verflacht und mit Hollywood-Mainstream überladen. „Aber gute Filme sind gute Filme, und wir haben keine Berührungsängste“, betont Metz.

Ein besonderer Schwerpunkt der Berger Kinos ist ihr umfangreiches und anspruchsvolles Kinderkinoprogramm. Außerhalb Sommerferien gibt es täglich zwei Vorstellungen, darüber hinaus eine gute Kooperation mit den Frankfurter Schulen. „Als „Nomaden der Lüfte“ in die Kinos kam, haben wir auf Anregung einiger Biologiekurse eine ganze Reihe von Naturfilmen organisiert. Das war fast schon ein kleines Festival“.
Während Kinder- und Schulvorstellungen gut laufen, ist eine andere Programmschiene, für die das Berger einst berühmt war, leider heute kaum noch machbar: die legendären langen Nächte. Drei Filme am Stück, Start gegen 23 Uhr, Ende im Morgengrauen. Die Zusammenstellung reichte von Klassikern über Dauerbrenner bis hin zu echtem Trash. Eines der Highlights sicher mit „Sinn des Lebens“, „Time Bandits“ und „Das Leben des Brian“ die lange Monty-Python-Nacht. Bei den langen Nächten war alles möglich und das meiste erlaubt. Aber das Publikum für solche Veranstaltungen gibt es nicht mehr.

Dafür ist das Programm der Berger Kinos nach wie vor geprägt von Vielfalt, worauf Harald Metz auch sehr viel wert legt. Zahlen von weit über 150.000 Besuchern pro Jahr zeigen, dass die Zusammenstellung ankommt. Natürlich bekomme man nicht immer die Filme, die man gerne zeigen würde. Aber die Kinolandschaft hat sich gerade in Frankfurt drastisch geändert in jüngster Zeit. Die Dinge sind in Bewegung gekommen. Und diesen Sommer passierte dann etwas, das es die ganzen einundzwanzig Jahre, die die Berger Kinos bestehen, noch nicht gegeben hat: mit der französischen Komödie „Acht Frauen“ hatte Frau Jaegers Eldorado und Harald Metz’ Berger Kino einen gemeinsamen Filmstart.

Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)

Schlagworte: Kino, Filmkultur

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