GRIP 27
01.08.2002
Kunsthochschulen, bewegt euch und eure Bilder!
Ein Plädoyer für einen Umbau der Kunsthochschulen in Deutschland
Von Helmut Herbst
Den Bau oder Umbau einer Kunsthochschule zu leiten, das ist, so sagt man, die Aufgabe ihrer Präsidentinnen und Präsidenten. Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe, die nacheinander das Bauhaus, die folgenreichste Kunstschule des 20. Jahrhunderts leiteten, waren Architekten. Ein Architekt als Rektor einer Kunsthochschule, das entsprach noch bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein einer gängigen Praxis. Seit dem Altertum galt die Architektur als die Mutter der Künste, sie gab den anderen Künste ihren Ort. Als dieses Leitbild in den siebziger Jahren verblasste, verblasste auch die führende Rolle der Rektoren - Baumeister. In den Rektoraten folgten ihnen Maler, Kunstwissenschaftler, Verwalter und Kultur-Manager. Derweil wurde die Frage nach dem Zentrum, um das sich eine aktuelle Kunstschule gruppieren solle, durch die Digitalisierung der Kommunikation und der Künste von außen her beantwortet.
Von den Studierenden, die heute das Studium an einer Kunsthochschule beginnen, interessiert die meisten eine Auseinandersetzung mit dem bewegten Bild in seinen unterschiedlichsten Erscheinungsformen vom Internet über Multimedia, das filmische Experiment, Installation und Performance bis zum Animations- und Spielfilm. Sie haben die Frage nach dem Zentrum einer aktuellen Kunsthochschule für sich längst beantwortet. Im bewegten Bild, der „Architektur in der Zeit“, erscheinen ihnen nicht nur die klassischen Sparten wie Typographie, Zeichnung, Malerei, Bühnenbild, Skulptur aufgehoben, hier können sie auch Sprache und Literatur, vor allem aber die Musik, in ihre Arbeit miteinbeziehen.
Die jedoch, die berufen wären, die Hochschulen diesem Paradigma folgend umzugestalten, ihre Präsidentinnen und Präsidenten, müssen von den Gremien, d.h. vor allem von den auf Lebenszeit beamteten Professoren, erst einmal gewählt werden. Für diese ist aber jede drastische Neuausrichtung der Lehre eine absurde Vorstellung. Zwar wird dort niemand behaupten wollen, dass unsere Zeit von kulturellen und technischen Umbrüchen verschont blieb, jedoch an den Kunsthochschulen der Republik geht alles immer noch seinen „kollegialen Gang“. Und diese kollegiale Gangart resultiert in Unbeweglichkeit vor allem kleinerer Kunsthochschulen, wo die Interessen der Studenten eine geringe Rolle spielen und die spärlichen Mittel nicht konzentriert für bestimmte Schwerpunkte eingesetzt werden.
Die Kunsthochschulen stecken also in einem Dilemma: Sie müssen ihre Medienausbildungen professionalisieren oder sich auf einen mehr musealen Kanon der Künste zurückziehen. Für ihre klassische Struktur mit Skulptur, Malerei und Grafik, bis hin zu den angewandten Disziplinen wie Plakat, Buchgestaltung, Illustration, wurde ihre Professionalität bisher nicht in Frage gestellt, wohl aber für den Film. Der Anspruch, die Spitze der Professionalität zu repräsentieren und auszubilden, wäre in den siebziger Jahren, nach dem Einzug des Films in die Hochschulen, nur unter gewaltigen finanziellen und personellen Anstrengungen zu realisieren gewesen, da die Hochschulen, entsprechend der Praxis in der Gebrauchsgrafik, die Spezialdisziplinen des Films wie Buch, Regie, Schnitt, Kamera, Filmtheorie etc. nach vergleichbaren professionellen Standards hätten besetzen müssen. Eine Absolventen- Erfolgsquote im einstelligen Prozentbereich, wie sie die Akademien und Kunsthochschulen heute noch für ihre am Kunstmarkt erfolgreichen Absolventen akzeptieren, wäre aber bei diesem personellen und finanziellen Aufwand nicht mehr zu rechtfertigen gewesen. Doch da gab es glücklicherweise den sogenannten „Experimentalfilm“, der, in den sechziger Jahren ideologisch aufgeladen, die unbedingte Nichtkommerzialität, die „Unabhängigkeit von der Industrie“, auf seine Fahne geschrieben hatte. Die Vorteile für die Kunsthochschulen lagen auf der Hand. Mit relativ geringem finanziellem und personellem Aufwand ließen sich kleine Experimentalfilmklassen einrichten und betreiben, deren harmlose „Unprofessionalität“ von den sich als Profis verstehenden Professoren-Kollegen gönnerhaft belächelt wurde. Für die professionelle Ausbildung gab es ja inzwischen die Filmhochschulen. Gegen Ende der achtziger Jahre jedoch waren die ehemals elitären Bilderfindungen des experimentellen Films in den Musikvideos kommerziell verbraucht und bis in den Hollywoodfilm hinein akzeptiert worden. In den Film- und Videoklassen der Kunsthochschulen wuchs der Druck hin zu einer professionellen Ausbildung und zwar – wie oben beschrieben - in neuer zentraler Rolle. Die kollegialen Immunsysteme antworteten mit Abschottungs- Strategien und der Suche nach neuen Nischen, wie z. B. dem Musikvideo, in die man das Bewegte Bild hineinstopfen konnte. Sie nahmen dabei in Kauf, dass die Hochschulen immer mehr einen musealen Charakter annahmen. Bezeichnenderweise sind die neuen Kunsthochschulen, die dem hier beschriebenen Paradigmenwechsel folgen, entweder „auf der grünen Wiese“ (HfG Karlsruhe / Filmakademie Ludwigsburg) oder auf den Trümmern einer Vorgängerschule (Kunsthochschule für Medien, Köln) errichtet worden. Sie wurden wohlweislich nicht einer bestehenden Hochschule implantiert, wohl weil die gewitzteren unter den Kulturpolitikern heftige Abstoßungsreaktionen befürchteten. Ein frühes Beispiel für eine solche Reaktion des kollegialen Immunsystems ist die Abnabelung des sehr erfolgreichen Instituts für Filmgestaltung (mit Alexander Kluge und Edgar Reitz) 1966 von der damaligen Ulmer Hochschule für Gestaltung.
Die an den Kunsthochschulen praktizierte „kollegiale Gangart“ dient so meist dem Artenschutz historischer Disziplinen. Nun wird niemand die Abschaffung klassischer Disziplinen wie Malerei, Skulptur oder Zeichnen fordern wollen. Erst im Dialog der klassischen mit den neuen Disziplinen entfaltet sich die Stärke der Kunsthochschulen gegenüber den mehr auf die Ausbildung der Operator- Ebene ausgerichteten Fachhochschulen. Um mit den neuen digitalen Werkzeugen über „learning by doing“ hinaus zu außergewöhnlichen Lösungen zu gelangen, ist das alte analoge, „synthetische“, Denken und ein breites künstlerisches, technisches und theoretisches Wissen unverzichtbar.
Was also wäre zu tun? Denkbar wäre zum Beispiel das Abschmelzen der beamteten Kunsthochschulprofessuren bis auf wenige zentrale Stellen. Die freiwerdenden Mittel könnten dann sehr viel effektiver, weil gezielt, für Investitionen, Gastprofessuren und auf Zeit zu engagierende Mitarbeiter verwendet werden, die dafür sorgen, dass der Anschluss an aktuelle Prozesse gewährleistet ist. Das Prinzip der Zeitprofessuren wird aber nur dann in einem gewissen Umfang die beamteten Professuren ablösen können, wenn es in Deutschland zu einer von allen Kultusministerien getragenen Aufwertung und tariflich abgesicherten Bezahlung von Professuren auf Zeit kommt. Das ist der Preis für die Renovierung des so gemütlichen „Systems Kunsthochschule“ und eine effektivere Lehre.
Ein Institut für das bewegte Bild, angesiedelt in der Mitte einer Kunsthochschule, finanziell so selbstständig, dass es eine fortschrittliche Personalpolitik betreiben kann, das wäre ein für einen generellen Kunsthochschul- Umbau taugliches Modell. Hier träte das bewegte Bild aus der Nische der alten Film- und Videoklassen in einen neuen breiten Ausbildungszusammenhang. Denn der Druck von der Seite der Studierenden, die nach einem Ausspruch des Malers, Videoclip-Künstlers und Avantgardefilmers John Maybury „größte und beängstigendste Kunst dieses Jahrhunderts“, nicht weiter auszusperren, wird immer stärker. In der Grundlehre vermittelt der Film das notwendige Basiswissen, im Hauptstudium bringt er als einziges künstlerisches Produkt, wie seinerzeit die Architektur, die ganze Breite der unterschiedlichen Disziplinen in einer kollektiven Anstrengung zusammen. Und mit seinen besten Hervorbringungen vertritt er die Hochschule auf Medien- und Kurzfilmfestivals, die immer mehr der Evaluation, dem Leistungsvergleich der Hochschulen untereinander, dienen. Aber nur diejenigen, die für ihre Filmausbildung ein verbindliches Curriculum anbieten, werden in diesem Wettbewerb bestehen.
Für das Studium des bewegten Bildes gibt es keinen besseren Ort als eine Kunsthochschule. Gleichsam organisch als Primus inter pares aus dem Umgang mit den anderen Künsten herauswachsend, profitiert es von ihnen - so wie die anderen Künste vom bewegten Bild profitieren. Und bereits heute schneiden die Absolventen einer solchen Ausbildung, was internationale Preise und künstlerischen Erfolg betrifft, nicht schlechter ab, als die Absolventen von Filmhochschulen. Oliver Hirschbiegel, dessen Film „Das Experiment“ für eine Oskar-Nominierung vorgeschlagen wurde, entstammt der HFBK Hamburg,. einer Kunsthochschule, die mit vier Filmprofessuren und einem kleinen Mittelbau schon seit den siebziger Jahren Filmausbildung betreibt. Und die nur mit zwei Professuren ausgestattete Filmklasse in Kassel hat bereits zwei Mal für ihre Trickfilme einen Kurzfilm- Oskar erhalten.
Auf eine kleine Anfrage der Abgeordneten Hildegard Klär im hessischen Landtag nach dem Zustand der Filmausbildung in Hessen und der technischen und personellen Ausstattung an den Hochschulen in Kassel und Offenbach antwortete die Ministerin Ruth Wagner am 4. September 2001 u.a. mit dem Hinweis auf die Autonomie der Hochschulen in ihrer „Prioritätensetzung für die personelle und materielle Ausstattung und die nach § 88 des hessischen Hochschulgesetzes mit den einzelnen Hochschulen auszuhandelnden Zielvereinbarungen“. Da sind alle fein heraus! Die Kultusbürokratie kann sich in Ruhe zurücklehnen. Die kollegialen Immunsysteme der Hochschulen werden diese Zielvereinbarungen schon so wolkig formulieren, dass mehr oder weniger alles beim Alten bleibt und ein Umbau nach den Wünschen der Studierenden in weite Ferne ausblendet.
* Helmut Herbst, Filmmacher, unterrichtete von 1969 bis 1979 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie, Berlin und war von 1985 bis zu seiner Pensionierung 2000 Professor für Film und Video an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach am Main.
Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)
Schlagworte: Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Nachwuchs, Filmkultur, Experimentalfilm, Kulturförderung
