GRIP 27

01.08.2002

Alles außer Berge und Meer

Kann man in Frankfurt Filme drehen? Beim Jour Fixe berichteten Frankfurter Filmemacher über ihre jüngsten Dreherfahrungen in der Mainmetropole.

Von Daniel Güthert

Drei Regisseure zu einem Filmgespräch in Frankfurt zu laden, ist an und für sich - auch für die Bankerstadt - noch keine Besonderheit. Drei Filmemacher aber, die in Frankfurt gerade drehen oder gedreht haben, und zwar große Kino- und Fernsehproduktionen, das läßt doch aufhorchen. Dreharbeiten in Frankfurt? Kinoprojekte am Main, wo doch alles abwandert in die klassischen Filmregionen?

Was veranlaßt also Filmemacher in Frankfurt zu drehen und wie sind die Erfahrungen - das wollte Ralph Förg vom Filmhaus Frankfurt gemeinsam mit seinen Gästen Annette Ernst, Rolf Silber und Veit Helmer beim Juni-Jour Fixe erörtern, der trotz Fußball-WM und lauen Sommerwetters wieder bestens besucht war.

Für Annette Ernst war es tatsächlich eine neue Erfahrung. "Ich habe bislang immer woanders gedreht, aber es war sehr gut hier, besser, als ich gedacht hätte." Gerade hatte Annette Ernst die Dreharbeiten zu "Kiss and Run" abgeschlossen, einer Coproduktion mit dem ZDF ("Kleines Fernsehspiel"). Gedreht wurde überwiegend an Originalschauplätzen, unter anderem in Dietzenbach, in einem dieser ghettoartigen Hochhauskomplexe, in denen die Story um eine arbeitslose Schauspielerin (Buch Maggie Peren, die auch die Hauptrolle verkörpert) angesiedelt ist. Natürlich seien Dreharbeiten an einem solchen sozialen Brennpunkt nie leicht, aber der gute Kontakt zu den Leuten vor Ort habe sehr geholfen. Vor allem lobte Annette Ernst die Zusammenarbeit mit den Behörden als ausgesprochen unkompliziert. Und solange nicht gleich mehrere Produktionen zur selben Zeit realisiert würden, sei es auch kein Problem, qualifizierte Leute, Studios oder Equipment zu bekommen.

Dies bestätigte auch Rolf Silber, der sich sofort als bekannt emphatischer Verfechter des Drehorts Frankfurt hervortat: "Alles findet man in Frankfurt und Umgebung. Alles, außer vielleicht Berge und Meer." Aus seiner Sicht müßte die Filmförderung diese Qualitäten durch ein Locationbüro viel stärker herausstellen. Mehr Werbung müsse her. "Frankfurt muß zum zweiten Denver werden!" Nicht die Stadt mache den Film, sondern der Film mache die Stadt, wie die berühmte amerikanische TV-Serie demonstrierte. Nur so funktionere, so Silber, die wirtschaftliche Filmförderung richtig.

Eine Filmregion definiere sich seiner Auffassung nach auch nicht über das Angebot von großen Atelierbetrieben. Ohnehin seien Studiodrehs mit aufwendigen Bauten für kleinere bis mittlere Produktionen nicht zu finanzieren. Und im Zweifel bieten die Studios nicht einmal genügend Fläche, um sie entsprechend einrichten zu können. Für seinen Fernsehfilm "Voll korrekte Jungs", eine Auftragsproduktion von ProSieben, die im zurückliegenden Winter gedreht worden ist, hat er sich das komplette Set im Bornheimer Straßenbahndepot aufbauen lassen.

Für ihn sei vielmehr das Problem, immer das richtige Team zu finden. "Zuviele Leute wandern ab angesichts der unbefriedigenden Auftragssituation." In dem Punkt setzt der gebürtige Seligenstädter nun seine Hoffnungen ganz auf das neue Fördermodell in Hessen.

Nicht aus Seligenstadt, aber aus Hessen kommt Veit Helmer auch. Er ist in Heppenhein aufgewachsen und lebt derzeit in Berlin. Das Projekt, das ihn gegenwärtig an den Main bringt, ist der Film "Gate to Heaven", eine Liebesgeschichte zwischen einem Russen und einer Inderin, die in ihrer Phantasie als Pilot und Stewardess abheben, in Wirklichkeit aber zu dem Heer von ausländischen Hilfskräften am Flughafen gehören. Für ihn sei der Flughafen Frankfurt genau der richte Drehort, zumal die Lufthansa ihm großzügige Unterstützung zugesagt habe. Trotz des stattlichen Budgets von zwei Millionen Euro ("Soviel Geld hatte ich noch nie!") wäre es finanziell unmöglich gewesen, eine solche Kulisse realistisch nachzubauen. Und seine Erfahrung sei, daß man in Frankfurt sehr gut produzieren könne. Immerhin sei an der Finanzierung - neben FFA, Filmboard Berlin/Brandenburg - auch die Hessische Filmförderung beteiligt. Konzipiert ist das Projekt, das in Coproduktion mit dem ZDF und Arte hergestellt wird, als Kinofilm. Mit Prokino sei auch ein Verleiher mit an Bord, ohne den sich die Finanzierung, so Helmer, nicht hätte bewerkstelligen lassen. Denn die Fördermittel würden davon abhängig gemacht, ob ein Verleih eingebunden ist. Den Drehbeginn kündigte Helmer für Mitte Juni an - bei einer fürstlichen Drehzeit von 55 Tagen.

So scheint es, kommt gegenwärtig ordentlich Schwung in die Hessisch-Frankfurter Filmszene. Zumindest kündigen sich einige vielversprechende Filme hiesiger Filmschaffender an. Und so wollte Ralph Förg die Gäste nicht entlassen, ohne ihnen ein Versprechen zu entlocken: zur Kinopremiere in Frankfurt das Filmhaus und seine Mitglieder mit einer Einladung zu bedenken.

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Filmhaus Frankfurt, Filmpolitik, Dreharbeiten, Filmemacher*in, Filmförderung

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