GRIP 27

01.08.2002

Abseits der Goldgräberstimmung

Zur Lage der kleinen und mittelständischen Kinobetriebe in Hessen

Von Paul-Rainer Wicke

In den ersten Jahren der Goldgräberstimmung packte die kleinen Kinobetreiber das pure Entsetzen vor den neuen Umsatzmaschinen, den Multiplexen. Einige warteten die Wirkung der neu entstandenen Konkurrenz erst gar nicht ab. Sie gaben vorzeitig auf. Mit der ernüchternden Erkenntnis allerdings, dass die Mega Kinocenter kaum zusätzliches, bisher brachliegendes Besucherpotential erschließen konnten, und dass noch immer mehr als zwei Drittel des Branchenumsatzes außerhalb der Multiplexe erwirtschaftet werden. So ist allmählich das Selbstbewusstsein dieser traditionell klein und mittelständischen Betreiber wieder angestiegen.

Als die größte Herausforderung sahen sie dabei vor allem den technischen Vorsprung der Multiplexe an, und so rüsteten sie ihre Kinos wacker mit THX Tonsystemen, Computerkassen und „Love-Chairs“ (bequeme Kinosessel ohne störende Armlehne) hoch. Einige besonders engagierte Unternehmer dekorieren zusätzlich ihre Foyers in der Stimmung des jeweiligen Blockbusters, laden einen Clown ein, veranstalten Torwandschießen oder eine Schnitzeljagd durchs Kino. Mit solchen Aktivitäten versucht der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) derzeit sein Klientel bei Laune zu halten.

Tatsächlich fällt es den meisten dieser Kinoleute schwer, sich auf ihre eigentlichen Stärken zu besinnen: dass sie durch ihre Präsenz vor Ort und in Kenntnis ihres Publikums mit mehr Mut zu einem ambitionierten Programm breitere Besucherkreise ansprechen könnten; dass sie als Kleinbetriebe flexibel genug wären, mit sozialen oder kulturellen Einrichtungen vor Ort stärker zu kooperieren; dass sie durch Zusammenschlüsse und mit Hilfe von Marketing Maßnahmen ihre Marktposition gegenüber den Filmverleihern erheblich verbessern könnten; dass sie sich mit multimedialer Technik, mit einer Bühnenausstattung für Kleinkunst und einer ansprechenden Gastronomie als kulturelle Zentren in ihrer Region fest verankern könnten. Oft übersehen sie auch, dass sie flächendeckend gerade an kleineren Orten zur Entwicklung einer Freizeit- und Ausgehkultur beitragen, die aufgeschlossenen Kommunen in der Konkurrenz um Standortvorteile mittlerweile einiges wert ist.

Tatsächlich schlummert hier das ungenutzte Besucherpotential für die Kinobranche der Zukunft. Ausgeschöpft wird es aber außerhalb der Groß- und Universitätsstädte derzeit nur von einer Handvoll Filmkunst und Programmkinos und einigen verbliebenen Kommunalen Kinos, denen es obendrein noch am nötigen Eigenkapital fehlt, um die Häuser (oft aus den 50er Jahren) auf Vordermann zu bringen.

Betrachtet man die Auswertung von Filmkunst Produktionen im westeuropäischen Vergleich, so liegen die deutschen Besucherzahlen immer am unteren Ende der Statistik. Das mag mit den begrenzten Marketing Möglichkeiten der hiesigen, meist kleineren Arthouse Verleiher zusammenhängen, ist aber sicher auch der Unstrukturiertheit der deutschen Kunstkinoszene vor allem in Klein- und Mittelstädten geschuldet.

Seit Mitte der 70er Jahre schmückte sich noch jeder kleine Ort, der etwas auf sich hielt, mit einem Kommunalen Kino. Filmkunst und Medienerziehung waren hoffähig. Zum ersten Mal waren sie Teil der sogenannten Hochkultur geworden, aber schon einige Jahre später diskutierte die Stadt Frankfurt ernsthaft die Schließung ihrer bundesweit renommierten Einrichtung. Das konnte zwar verhindert werden, aber in der Folge eines radikal sich verändernden Medienmarktes (Video, DVD, Sparten-TV) mussten immer mehr KoKi's ihre Projektoren für immer abschalten. Einige dieser Kinos waren allerdings schon immer einfallslos und wenig inspiriert geführt worden. Der öffentliche Focus auf die schöne neue Medienwelt hat das Bewusstsein für die Vielfalt von Länder-Kinematografien, für Autorenfilme, aber auch für Dokumentar- und Experimentalfilme völlig verdrängt. In der Folge bemühte sich jeder Bürgermeister für seinen Ort nur noch um die Ansiedlung eines Multi- oder Miniplexes meist auf der grünen Wiese. Übrig geblieben sind die schon erwähnten zufälligen Szenekinos, die überleben konnten. Neueröffnungen gab es zumindest in Hessen bis zum heutigen Tag nicht mehr. Die Kinokultur in Deutschland hat unter dem Strukturwandel der Branche schwer zu leiden.

Dass in anderen Bundesländern solche Kinokonzepte wenigstens vereinzelt erfolgreich Gestalt annehmen (aktuelle Beispiele: „Cinexx“ in Hachenburg im Westerwald oder „Koralle“ im Norden Hamburgs), hängt sicher mit der Experimentierfreudigkeit und dem längeren Atem ihrer Betreiber zusammen, ist aber auch auf ein besseres Förderklima in diesen Ländern zurückzuführen. In Hessen herrscht hier völliger Stillstand, weil es eine spezifische kulturelle Förderung für die Modernisierung oder den Neubau von Filmtheatern noch immer nicht gibt. Da aber die interessierten Kinomacher außer ihrer Qualifikation meist über kein weiteres Eigenkapital verfügen, sind sie bei der Vergabe von Bankkrediten chancenlos. Hier müsste die wirtschaftliche Förderung des Landes stärker greifen.

Das Film- und Kinobüro Hessen unterstützt mit seiner Arbeit den Erhalt und Ausbau von Landkinos, Stadtteilkinos, von Filmkunst- und Programmkinos und auch von Kommunalen Kinos (in Hessen 120 Häuser). Zur Bereicherung der Programme organisiert es Abspielringe im Kinderkino-, Filmkunst-, Repertoire-, Kurzfilm- und Open-Air-Kino-Bereich. Mit der Bereitstellung der sogenannten Zusatzkopien ermöglicht es den Einsatz aktueller Kinohits und demnächst auch von Filmkunst-Programmen an kleineren Orten. Im Rahmen von Marketing-Workshops erhalten Kinobetreiber darüber hinaus Anregungen für die Professionalisierung ihres Firmenauftritts. Mit dieser Strukturförderung konnten drohende Kinoschließungen in der Vergangenheit immer wieder abgewendet werden.

Aus der Zusammenarbeit mit hessischen Kommunen wissen wir, dass in vielen Klein- und Mittelstädten Hessens ein großes Interesse besteht an der Bereicherung des kulturellen Angebots durch ein professionell geführtes Kino mit einem breiten Programm. Bei der Bereitstellung der nötigen Infrastruktur (Grundstück, Räumlichkeit, Parkplätze usw.) sind sie gern behilflich, der Kraftakt der Finanzierung auch kleinerer Neubauten ist aber nur gemeinsam mit Bund (Filmförderungsanstalt), Land (Hessische Filmförderung) und privaten Investoren zu leisten.

Da bisher alle Versuche einer Förderung von Investitionsvorhaben im Rahmen bestehender Fördertöpfe des Landes fehlgeschlagen sind, braucht Hessen in Anlehnung an die gerade geschaffene wirtschaftliche Filmproduktionsförderung ‚hessen-media-filminvest’ dringend eine spezifische Filmtheaterförderung etwa unter dem Motto ‚hessen-media-kinoinvest’. Nachdem die zum Teil größenwahnsinnigen Kinobauten der letzten Jahre mit ihrer unterkühlten Atmosphäre und dem penetranten Popcorn-Geruch in den Großstädten zu einem Endpunkt angekommen sind, konzentrieren sich die Bemühungen vieler Betreiber nun auf kleinere Renovierungs- und Neubauprojekte, die architektonisch ansprechender und offener gestaltet sind, damit sie ein breiteres Besucherspektrum erreichen können. Solche Projekte sind unbedingt förderungswürdig und werden in anderen Bundesländern seit längerem mit eigenen Programmen angestoßen. In Hessen bleibt diese Entwicklung weiterhin dem ungleichen, wenn auch freien Spiel der Marktkräfte überlassen.

* Paul-Rainer Wicke ist Mitarbeiter des Hessischen Film- und Kinobüros

 

Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)

Schlagworte: Kino, Filmkultur, Filmförderung

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